Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1875)
- Date
- 1875-06-15
- Page
- Seite 401 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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401 nicht, wenn man sie liest, ob Einem mehr vie Röthe der Scham over des Zornes in'S Gesicht steigen solle, der Scham, daß es in unsrem Jahrhunderte noch möglich ist, solche ebenso unprovocirte, wie ungerechtfertigte Angriffe aus dem dunkelsten Aberglauben, aus dem finstersten Menschenhasie, aus dem Mangel an aller Wahrheit und Gerechtigkeit heraus der Welt in's Gesicht zu schleudern, oder des Zornes über die freche Lüge und die bodenlose Schmähung, deren Gegenstand man ganz uner warteter Weise ist. Freilich trösten sich Viele damit, daß diese katholischen Blätter noch ganz ohne Einfluß auf die öffentliche Meinung und die wirklichen Verhältnisie in Nordamerika sind. Aber dies liegt vorläufig auch noch gar nicht in deren Plane. Zunächst wollen sie nur auf den Kreis wirken, den sie bereits innehaben; sie wollen die katholische Bevölkerung mit Haß und Ingrimm gegen alle Andersgläubige erfüllen; sie wollen sie in Gesinnung und Ansichten von den übrigen Bewohnern des Landes trennen und mit einer geistigen Mauer aus Mißtrauen, Abneigung und Feindseligkeit umgeben. Mit einer so gearteten Bolksmasie, die ihnen mit Leib und Seele gehört, wollen sie dann vorwärts marschiren, um Staat und Commune anzugreifen, und sie sich Unterthan zu machen. Wenn man dies hier Lande ausspricht, so wird man jetzt noch ausgelacht. Aber so gewiß diese Judenhetzereien ein sicheres Symptom sind — denn anders könnte man sie sich gar nicht erklären — daß ein solcher Plan existirt und bereits ansehnliche Schritte hinter sich hat, so gewiß sind auch die Fortschritte überhaupt, welche der ultramontane Katholicismus in Nordamerika gemacht hat. Man braucht nur einige Blicke auf die Statistik zu werfen. Bei der Gründung der Union machte die katholische Bevölkerung nur 1 '/« °/o der Gesammtbevölkerung aus, gegenwärtig bereits 20 ro mit circa 8 Millionen. Daß diese in der Ueberzahl aus Iren und Süddeutschen besteht, versteht sich von selbst; die Zahl der letzteren wird auf 1.300.000 angegeben. Wie kirchlich ihr Sinn ist, ersieht man daraus, daß in den letzten zwanzig Jahren das katholische Kirchenvermögen von 9 auf 61 Millionen Dollars gestiegen ist, unv dies ist nur das osficielle Kirchenvermögen. Die Bischöfe, jetzt mit einem Cardinal an der Spitze, die Priester, Mönche und Nonnen, vie zahllosen Vereine jedes Alters, Geschlechts und Standes bilden bereits ein tüchtiges Heer, das durch Schulen, Wohlthatigkeitsanstalten unv Presse immer mehr Terrain gewinnt. Gleich der Politik ver alten Römer, schließt sich die römische Politik noch heute, wo sie Parteien findet, an die schwächere an, um im Bunde mit ihr vie stärkere zu besiegen, und der ihr verbündeten Gesetze vorzuschreiben. So verbindet stch jetzt die katholische Partei mit ver vemokralischen. um die republikanische Partei in den Wahlen zu besiegen, und die lieberalen Deutschen, die zu der demokratischen, d. i. hier zu Lande, der gemäßigten, gehören, lassen sich von ver katholischen dupiren. Hieraus geht aber schon hervor, daß auch in unsrem Staate die katholische Partei bereits eine politische geworden und überall zum Angriff vergeht, zu welchem es bei ihr grundsätzlich gehört, auf die Juden loszustürmen, den Liberalismus mit dem Judenthume identisch zu machen und die Juden der ganzen Welt als Vampyre unv Herrscher zu schmähen. — Wenvet man nun seinen Blick aus die Juden in hiesigem Lande, so gewahrt man mit Bekümmerniß, daß sie einer wachsenden Zerfahrenheit anheimgefallen sind. Während ihre offenbaren Feinde eine Organisation besitzen, wie sie stärker und unfehlbarer noch niemals exiskirt hat, wo Glied in Glied zu einer gewaltigen Kette eingefugt ist, wo ein einziges Mittelgliev auch nur die geringste Selbstständigkeit beansprucht und ein von Rom ausgehender Befehl durch alle Länder hindurch den unweigerlichsten Gehorsam findet — zeigen unsre Juden das Bild des geraden Gegentheils. Mühselig werden die Gemeinven gebildet, mühselig erhalten sie sich, aber alle Mühe wird verwendet, um die bestehenden in immer kleinere Bruchtheile wieder zu zersprengen. Hat eine Gemeinde eine Constitution, so kann man gewiß sein, daß ihre Mitglieder sich wenig um sie kümmern, und Jeder deren Bestimmungen zuwiderhandeln will. Man halte dies nicht für übertrieben. Zum Ueberfluß nur ein Beispiel für Viele. Vor 32 Jahren wurde die alte Elm-Street-Gemeinde gegründet; sie war durchaus orthodox und an ihr fungirte der rühmlichst bekannte Rev. S. M. Jsaacs, der Herausgeber des Occivent und einer guten englischen Bibelübersetzung. Gegenwärtig besitzt sie eine große prächtige Synagoge, veren innere Einrichtung aber noch ganz altmodisch ist, und wo der Gottesdienst noch völlig in alter Weise abgehalren wird. Die Zahl ihrer Mitglieder ist 213, von denen jedoch 23 zu unzuverlässigen gehören. Eine nicht unbeträchtliche Zahl dieser Mitglieder hat nun neuerdings Vas Verlangen kundgethan, daß Veränderungen vorgenommen werden mögen, angemessene Sitze hergestellt und die Orgel eingeführt werde. Ein Comin'- trat zu diesem Zwecke zusammen. Es zeigte sich jedoch bald, daß eine starke Meinungsverschiedenheit in der Gemeinde vorhanden sei. Eine Gemeindeversammlung wurde zusammenberufen und von der Mehrzahl der Mitglieder besucht. Welch' ein Bild aber bot diese Versammlung dar! Ein polnischer Reichstag konnte nicht mehr Unordnung unv Verwirrung vorstellen. Ueber zwei Stunden stritt, zankte, schrie und stampfte man. Niemand kam zum Worte oder wurde zu Ende gehört, und nur varin stimmte man überein, daß die Versammlung sich schließlich vertagte. Ich begnüge mich mit diesen wenigen Zügen; wer nach Ausführlichkeit begehrt, kann sie im Hebr. Leader vom 21. fr. finden. Die Spaltung der Gemeinde ist vorauszusehen, wenigstens daß ein Theil der unterliegenden Partei austritt. Haben sich die Gemülher erst erhitzt, so ist ein Ausgleich schwer. Man kann sich mit der Zeit von solchen Vorgängen keine günstigen Erfolge versprechen; denn wenn nach dem alten Spruche „die Eintracht stark macht", so wird das auseinandergefallene Bündel Pfeile leicht zerbrechlich.