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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-15 · Heft 25 (15.6.1875) · p. Seite 392

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 25 (15.6.1875)
Date
1875-06-15
Page
Seite 392 (sequence 2)
Language
German
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392 jüdischen Finanziers gegen die Gesammtheit der Juden ein verschwindender Bruchtheil. Wie sollen wir also sämmtlich verantwortlich sein für das Gebühren jener! Unter den Opfern der Finanzkrisen befinden sich ebenso gut Juden wie Christen; der allgemeine, wie der persönliche Verlust traf und trifft diese wie jene. Wer nur einen Blick in die Coterien, Jntriguen, Feindseligkeiten, in den offenen und geheimen Krieg, der zwischen den Finanziers selbst geführt wird, wirft, weiß, daß dabei das Glaubensbekenntniß gar keine Rolle spielt, daß ebenso gut Juden gegen Juden, wie Christen gegen Christen, in einer Partei Juden mit Christen verbunden gegen die andere ebenfalls aus Christen und Juden bestehende Partei auf Leben und Tod an der Börse kämpfen: wie kann daher die Zufälligkeit, daß einige Juden darunter sind, die ganze Waffe der Judenheit treffen? Das Judenthum hat endlich von den durch einige jüdische Finanziers erlangten Erfolgen gar Nichts, höchstens dann und wann einige Brosamen, einige im Ganzen kärgliche Brosamen für seine wohlrhätigen Anstalten. Wir haben dies schon oft erklärt und nachgewiesen. Die jüdischen Finanziers dachten und denken nicht daran, irgend etwas Wesentliches für Judenthum und Juden zu thun, zu schaffen oder nur zu fördern. Die meisten derselben sind dem Judenthume abgestorben, ihre Häuser sind des jüdischen Lebens völlig baar, und sie erziehen ihre Kinder so religionslos wie möglich. Sie und ihr Beispiel sind daher dem Judenthume nur nachtheilig. Wie ungerecht ist es also, den Juden aufzubürdeu, was jene in den Augen so vieler Menschen unangenehm, ja gehässig macht. Das Judenthum selbst hat schon seit ältester Zeit Alles verurtheilt, was an ein Hazardspiel erinnert, was einem solchen nahe oder ähnlich ist. Im Talmud schon gehört es ausdrücklich zu den verbotenen Beschäftigungen. Leider! ist es bereits eine alte Erscheinung, daß die wenigen reichen Juden den Haß der Welt den Juden insgesammt zuziehen. Biele Verfolgungen des Mittelalters hatten ihren Ursprung darin, daß Fürsten, Adel und Bürger einigen Juden verschuldet waren und jene sich davon freizumachen gedachten, indem sie die sämmtlichen Juden wenigstens aus ihrem Kreise ausrotteten. Es ist also Zeit, daß auch hierin der Geist der Billigkeit über das Unrecht den Sieg davontrage, und eine Solidarität von unsren Schultern nehme, die in Nichts ihre Begründung hat, und die vsir mit allem Nachdruck von uns zurückweisen. Die Unkenntniß -er heiligen Schrift unter den Zu-en -er Gegenwart. Wenn man einen Rabbiner, Prediger oder Lehrer fragen würde: was ist das Fundament des Judenthums? so wirb er ohne Zögern und mit vollem Nachdruck erwidern: Die heilige Schrift! und hinzufügen: ist sie doch nicht allein das Fundament des Judenthums, sondern auch des Christenthums und mittelbar des Islam! Sehr gut. Aber die Religion ist nicht blos die Ueberzeugung der vergangenen Geschlechter, nicht blos die geschriebene und überlieferte Lehre — dann wäre sie ja eben nur eine Religion der Vergangenheit. Sondern sie ist auch und als bestehende Religion vor Allem die religiöse Anschauung und Ueberzeugung des gegenwärtigen Geschlechts, und soll diese auch in den zukünftigen Geschlechtern sein; sie ist das, was in den Geistern und Herzen der Lebenden lebt und wirkt, ihre religiössittliche Denkweise beherrscht und aus diesen Triebfedern ihr Handeln bestimmt. Da fragen wir denn mit Recht: welches ist denn in den Juden der Gegenwart, namentlich der jetzt ausgewachsenen Generation das Fundament ihrer Religion? Und da stoßen wir auf eine so erschreckende Unkenntniß der h. Schrift, auf einen solchen Mangel an Vertrautheit mit dem Inhalt derselben, daß wir nicht mehr zu sagen vermögen: die h. Schrift ist das Fundament ihrer religiösen Ueberzeugung. Es besteht in ihnen wohl eine allgemeine Kenntniß der jüv. Lehre; sie kennen wohl die höchsten Grundsätze, um die es sich im Judenthum handelt im Unterschiede von andern Religionen und bekennen sich so immerhin mit Recht zum Judenthume. Aber — wir sprechen hier von unfern Glaubensgenossen im Mittlern und westlichen Europa und constatiren selbstverständlich zahlreiche Ausnahmen — jede wirkliche Kenntniß der h. Schrift entgeht ihnen; bei der geringsten Detailftage fehlt ihnen das Wissen, selbst der bekanntesten Aussprüche der Bibel. Vergliche man bas biblische Wissen des ersten besten Dorfknaben mit dem zahlreicher jüdischer Kinder gleichen Alters, so würde man das letztere gleich Null finden. Man wird sich nicht verhehlen, welcher positive Schaden hieraus entspringt. Wie selten nimmt ein Jude gegenwärtig außer etwa den Pentateuch im Urtext beim Gottesdienste die Bibel zur Hand, um sich mit dem Inhalte bekannt zu machen und daraus für sein religiöses nnd sittliches Wesen Nahrung und Stärkung zu ziehen; aber auch der negative Schaden hierdurch ist hoch anzuschlagen. Bon allen Seiten drängen sich jetzt nicht blos die antireligiösen, sondern auch geradezu die antibiblischen Ansichten und Meinungsäußerungen den Juden entgegen; die Gegner verschmähen weder die Waffen kritischer Zersetzung, noch des Spottes, der Uebertreibung und Verdrehung. In allen Formen der Literatur treten sie dem Juden vor die Augen; was hat er zur Abwehr, zur Zurückweisung und Widerlegung bewußt und unbewußt in seinem Geiste, wenn er nicht einmal weiß, wie das wirklich lautet, was angegriffen und nicht selten gehässig dargestellt wird? Zumal für die Zukunft gestalten sich da die Aussichten sehr trübe. Man wird da ftagen: woher kommt dies? In der Antwort kann auch das Heilmittel liegen. Unserer Meinung nach liegt die Ursache in Folgendem, was wir schon vor Jahren ausgesprochen, ohne Beachtung zu finden. Unsere Leser wiffeo, daß wir zu aller Zeit für den Unterricht in der hebräischen Sprache nachdrücklich gesprochen haben. Jedermann weiß aber, daß dieser

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