Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 98 (16.8.1838)
- Date
- 1838-08-16
- Page
- Seite 397 (sequence 3)
- Language
- German
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397 zu haben. Die Gefühle, die uns beseelen, haben zu tiefe Wurzel in uns geschlagen, und Sie machen mich und, ich kann es sagen, Ihre Tochter, unsäglich unglücklich. Hätte dies keinen Werth in Ihren Augen?- Ich habe meine Tochter, fuhr der Banquier fort, ohne auf Jonathan's Einrede zu achten, nicht für die Observanzen des Zudenthums erzogen, ich habe sie für eine freie Stellung in der Gesellschaft, aber nicht für ein todtes, abgezäuntes, alljüdisches Haus gebildet. Ich kan» nicht einwilligen! So sollte das uns scheiden, erwiederte Jonathan mit wehmüthig begeistertem Tone, was uns gerade in höherer Weihe vereinigen sollte, die Religion? So sollte diese auch hier als Vorwand gelten, zu trennen, zu zerreißen, was das Geschick verbinden wollte! So sollte, unsre Religion wirklich so zerfallen sein in sich, daß sie auseinander hielte, was sie zu vereinigen berufen wäre? Mein Herr, ich fühle es, es ist nicht blos mein Jntereffe, welches ich in diesem Augenblicke vorstelle, es ist zugleich ein höheres, es ist das des Stammes, der Glaubensgenossenschast, der Sie Ihren Ursprung und Ihren Heranwachs verdanken. Es gilt die Frage, ob eine Vereinigung zwischen de» Gegensätzen, die sich unter ihren Bekenner» aufgethan, unmöglich sei. Willigen Sie ein, lassen Sie uns unfern Glaubensgenossen zeigen, daß es eine Bahn giebt, die mitten hindurch führt, und die Fragen der Zeit zur Lösung bringt. Ja, ich unterfange mich. Ihnen für das Gelingen einzustehen, und den Frieden allseitig zu bewirken!... ' Der Banquier sah de« begeisterten Jüngling ernst an, aber schüttelte den Kopf. Die Frage«, antwortete er, von denen Sie sprechen, kümmern mich nicht. Ich bin längst entschieden, und lasse einem Jeden die Freiheit, die kr für sich in Anspruch nimmt. Ich wiederhole, über die Hand meiner Tochter ist bereits bestimmt. Und so wird es Ihnen gleichgiltkg sein, wenn Sie durch diese Weigerung zwei Herzen zerdrücken, von denen das Eine das Theuerste ist, was Sie besitzen? — Lassen Sie mich nicht vergebens flehen, geben Sie uns wenigstens einige Frist, ob wir Ihre Auwilligung erringen, und Ihnen beweisen könnten, daß wir nur so glücklich zu werden vermögen!... Sie haben rasch und zuversichtlich gehandelt, entgegnete der Banquier, lassen Sie mich eben so rasch und zuversichtlich meine. Entscheidung geben. Die Empfindungen der Jugend verwischen sich bald im langen Leben, und dieses soll jenen gar nicht unterthan sein. Ich muß Ihnen noch - einmal wiederhole», ich selbst bin nicht mehr frei über meiner Tochter Hand. So werden Sie mit diesen wenigen Worten das Lebensglück zweier Menschen, die für einander geschaffen waren, vernichtet haben. So haben Sie das letzte Band, das Sie an die Religion, der Sie dem Namen nach angehören, zerrissen. Mögen Sie es einst nicht bereuen, uns eine freundliche Zukunft genommen zu haben, und den Ersatz dafür vergebens suchen. Noch schwebten viele Worte des Unmuths auf Jonathans Lippen, aber er bedachte sich, und entfernte sich mit einer kurzen Verbeugung. .— So fest und entschlossen der Banquier Kaspar bei seiner Weigerung sich gezeigt, so waren doch die Worte Jonathans nicht ohne Eindruck geblieben. Als dieser seinen Antrag gestellt, war dem Banquier eine Scene seines frühem Lebens in's Gedächtnis gekommen: es war die Sterbestunde seiner Gattin, an deren Lager er mit dem alten Markus Löwe gestanden, und die ihn mit ihrem letzten Odem'bat, ihre Tochter einst mit dem hinterlassenen Söhnchen ihrer unlängst vorangegangenen Freundin, der geliebten Sarah des Markus, zu verbinden, so sie sich einst finden sollten. Bisher hatte ihn die Trennung von dem Löwc'schen Hause nicht zu dieser Erinnerung kommen lassen. Nun hatten sie sich gefunden — also die Bedingung war in sonderbarer Fügung verwirklicht. Das hatte ihn eine kurze Zeit schwanken lassen, das ihm den Ausruf: sonderbar! entlockt, und ob er auch seiner wieder mächtig geworden, so wollte ihm doch der Gedanke daran, selbst nach der Entfernung Jonathans, nicht aus der Seele kommen, und er fühlte seit langer Zeit zum ersten Male, daß es noch eine andre Macht in unsrem Geiste gebe, als den berechnenden Verstand. Erst nach geraumer Zeit konnte er sich wieder an seinem Tische niederlassen, und seine Arbeiten fortsetzen. Jonathan war tief getroffen. Er rang mit sich selbst, aber der Riß seines Herzens wollte sich nicht schließen. Julie verlebte einsame Tage, und die Rosen ihrer Wange verblichen. Oesters wollte Jonathan zu Ludolf, und von diesem den Rücktritt fordern, aber er verwarf dies immer wieder, denn er erkannte es für Eigennutz, und wollte wenigstens von dieser Seite nicht zwischendrängend erscheinen. (Fortsetzung folgt.)