Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 98 (16.8.1838)
- Date
- 1838-08-16
- Page
- Seite 396 (sequence 2)
- Language
- German
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596 thümlichkeit ließ er erst das Erlangte in sich zur Ruhe kommen, damit er Herr beste» werde, und sich nicht davon hinreißen laste. Er hatte Julie in einem kurzen Schreiben die Einwilligung seines Vaters zu wisten gethan, und ste um Benachrichtigung ersucht, wann er ihren Vater zunächst offen angehcn könnte. Julie bedachte sich lang; sie war zweifelhaft, unter welchen Umständen dies am angemessensten auszuführen wäre. Sie hatte an ihrem Vater in den letzten Tagen eine schwer zu verbergende Unruhe, eine Unsicherheit bemerkt, die eben sowol glückliche als unglückliche Erfolge erwarten ließ. Diesen Zustand der Spannung, in welcher ihr Vater wol am wenigstengeeignet wäre, von seinem eigcschlagenen Wege mit Einem Male abzugehen, wollte sie vorüber gehen lasten. Jetzt hatte sich diese verloren, und, da ihr Vater sich ihr nicht mitkheilte, so schloß sie, daß derselbe sich nicht gerade befriedigt fühlte. Um so mehr eilte sie, Jonathan eine nächste Zeit festzusetzen. Jonathan rüstete sich zu diesem schweren Gange. Sein frommes Gemüth wandte sich nach oben, und die Zuversicht, die er zu seinem Gotte hatte, in welchem er die waltende Fürsehung kindlich verehrte, hob seine Kraft. Der Banquier Kaspar saß an seinem Arbeitstische, mit Dokumenten und Berechnungen beschäftigt, als ihm Jonathan angemeldet wurde. Er hatte flüchtig von dessen Rückkunft von der Universität, und vieles Löbliche über ihn gehört, sonst aber ihn nicht gesehen. Ueberraschend kam ihm die Meldung, da er die Ursache des Besuches nicht finden konnte. Deshalb stand er auf, und ging ihm einige Schritte entgegen. Als nun der hochgewachsene Mann, mit den feinen, geistreichen Zügen, mit dem strahlenden Blicke, eintrat, und ihn die Aehnlichkeit mit dem einstigen Jugendfreunde «nwillkührlich betraf, wurde sein eigenes Antlitz sanfter, und nach gewechselten Höflichkeitsbezeugungen führte er ihn nicht ungern nach dem Divan. Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, Herr Doktor? Das Verlangen, die Nothwendigkeit, Sie um eine Viertelstunde Gehör zu bitten, so Sie Muße haben, es mir zu gestatten. Mit Vergnügen bewillige ich Ihnen dieses, und bin bereit, Ihre Wünsche zu vernehmen. Mein Herr, Hub Jonathan an, in dem reichen, wechselvollen Leben, das an Ihnen vorübcrgegangen, werden Sie wol bemerkt haben, daß der Knote» der Verhältnisse, der sich oft unbewußt dem Menschen schürzet, bisweilen unerwartet Fremde oder Fremdgewordene nöthigt, in unfern nächsten Kreis hcreinzutreten, und mit überraschenden, nur in der Nothwendigkeit der Umstände begründeten Forderungen an uns zu kommen. Sie haben da gewiß die Person nachsichtig betrachten gelernt, sofem die Sache unumgänglich geworden. Und was bezweckt diese Bemerkung, deren Wahrheit ich gern eingestehen will? Sie soll mir zur Entschuldigung dienen, erwiederte Jonathan, wenn ich mich unumwunden an Ihr Herz mit einer Anfrage wende, deren Inhalt nicht hoch genug zu stellen ist. — Ich bin, wie Ihnen vielleicht nicht unbekannt ist. seit fast einem Jahre von der Universität zurückgekehrt, die ich nicht ohne Resultat verlassen zu haben glaube. Es ist meine Absicht, mich fortan in einer ganz unabhängigen, gesicherten Stellung zu bewegen, und ohne Amt und Geschäft nur der Verwaltung meines Vermögens und literarischer Thätigkeit zu leben, wozu sich mir ein schöner Kreis eröffnet hat. Zu diesem Ende wird mein Vater sein Geschäft gänzlich aufgeben, seine Kapitalien in Grundstücken anlegen, und diese, mit einem mäßigen Vorbehalte, mir übertragen. — Und nun, Herr Kaspar, nehmen Sie ein offenes Geständniß hin. Ich habe, in B. studirt, habe dort im Hause der Mad. K. Ihre Tochter kennen gelernt, ihre hohe Anmuth, der unwiderstehliche Liebreiz ihres edlen Herzens hat mich mit unendlicher Liebe für sie erfüllt; auch sie hat im Umgänge mit mir nicht mißfällig meine Gefühle wahrgenommen; und so komme ich, ganz im Bewußtsein meiner Kühnheit,, aber im Vertrauen zu Ihrem edelmüthigen Sinne, der mich begreifen wird, offen zu Ihnen, von des Vaters Willen die Hand der Tochter zu erbitten- Der Banquier war äußerst betroffen. Er schwieg einige Zeit, und nur das Wort: „sonderbar! höchst sonderbar!" drängte sich ihm leise von den Lippen. Dann fragte er hastig: Und Julie? Und Ihr Vater? Beide wissen von meinem Schritte, und sind damit einverstanden! Der Banquier sprang auf, und wandelte mehre Male durch das Zimmer. Endlich schien er sich gefaßt zu haben, und trat vor Jonathan hin, der gleichfalls sich erhoben hatte. Mein Herr, sprach er, ich entschuldige recht gern den Schritt, den Sie gethan haben, aber es thut mir leid, Ihren Wünschen nicht genügen zu können. Was einmal getrennt ist, kann nicht wieder vereinigt werden. Unsere Wege liegen zu weit auseinander, ich kann nicht rückekehren. Sie nicht zu mir kommen. Lassen Sie den Gedanken an eine Verbindung fahren, die beiderseits nur Quelle von Mißverständnissen und Mißhelligkeiten werden könnte. Uedrigens ist schon über die Hand meiner Tochter bestimmt. Sie glauben gewiß nicht, erwiederte Jonathan dringend, hiermit die heißen Wünsche jugendlicher Herzen abgewiesen