Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-08 · Heft 24 (8.6.1875) · p. Seite 382

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 24 (8.6.1875)
Date
1875-06-08
Page
Seite 382 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227039--33586-3303389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

müssen sie doch einsehen, daß sie durch ihre Insinuationen die Juden eher erheben, als erniedrigen; denn die Uebertreibungen ihrer Schmähungen erkennt Jeder leicht, aber daß sie den Juden so großen Einfluß, so viele Führerschaft, also auch so gewaltige Intelligenz zuschreiben, das drängt sich schließlich wie ein Glaubenssatz auf und bringt die Juden auf eine Stufe, auf die sie in Wirklichkeit keinen Anspruch haben. Endlich zeigr sich die Heuchelei auch darin: sind die Juden wirklich so mächtig, wie Ihr sie schildert, warum Zwingt Ihr sie. Eure Gegner mit allen ihren Kräften zu sein? — Wie sich die Zeiten verändert haben, ersieht man auch hieraus. Die alten Juden hatten das Sprichwort: „Wenn Esau sich zankt, läßt er Jakob in Frieden." In unsrer Zeit ist das anders: Jakob wird in den Zank mit hineingezogen, er mag wollen oder nicht. Dies ist jedenfalls ein Symptom, daß unsre Stellung völlig verändert worden. Pest, 24. Mai. (Privatmitth.) Kurz vor Schluß der Session kam die Angelegenheit des Rabbiner-Seminars noch einmal zur Sprache. Eugen Pechy überreicht das Gesuch der Mare- Szalkaer israelitischen Gemeinde, um baldige Errichtung des ungarischen Rabbiner-Seminars, da sie jetzt keinen Seelsorger finden können, welcher den Gottesdienst in ungarischer <!) Sprache leiten könnte. Das Gesuch wurde dem Petitionsausschusie und aus dessen Antrag dem Cultusminister zugewiesen. Pechy betonte, daß dies nicht Angelegenheit einer Gemeinde, sondern der ungarischen Judenheit im Allgemeinen ist, und fragt den Minister, was er betreffs der Seminarserrichtung beabsichtige? Cultusminister Trsfort erwidert, daß er die Wichtigkeit der Frage anerkennt, baß er sich aber jetzt nicht mehr mit derselben befassen könne; im nächsten Reichstage werden, sobald die Umstände dies erlauben, diesbezüglich Verfügungen getroffen werden. (Es klingt dies fteilich anders, als wie sich der Minister am Schluffe jener merkwürdigen Sitzung äußerte, in welcher der bezügliche Gegenstand im Abgeorvnetenhause behandelt wurde, und zu keiner Majoritätsabstimmung gelangen konnte. Allein man darf auch nicht vergeffen, daß, wo aus dem Schooße der Judenschaft selbst gegen einen wohlwollenden und zum Besten entschloffenen Minister so losgestürmt und intriguirt wird, derselbe leicht die Lust verlieren kann, für sie zu wirken. Redact.) Pest, 26. Mai. (Privatmitth.« Herr Ignatz Barnay, seit nunmehr 42 Jahren Secretär der hiesigen israelitischen Gemeinde, ist in Anbetracht seines vorgerückten Alters und seiner geschwächten Gesundheit bei der Gemeindevertretung um seine Enthebung eingeschritten. Der Gemeindeausschuß verhandelte diese Angelegenheit in seiner gestrigen Sitzung, und beschloß dem an ihn gestellten Gesuche obzwar schweren Herzens zu willfahren. Länger denn ein Menschenalter hindurch stand Herr Barnay seinem Amte eifrig und umsichtsvoll vor; er war der Gemeinde zu jeder Zeit ein treuer Berather, in guten und bösen Tagen eine zuverlässige Stütze, nahm an allen culturellen Bestrebungen Ungarns regen Antheil, war ein hervorragender Factor des vornehmlich in den 1840er Jahren zum Bewußtsein gelangten national-patriotischen Geistes im ungarischen Judenthume, und kann sich kühn einen hochbedeutenden Antheil an der erfreulichen Thatsache beimessen, daß — mindestens in der Hauptstadt '— ein geordnetes Gemeindewesen den avitischen Wust beseitigt hat. All diese Erwägungen mußten dem Ausschüße zweifelsohne vorschweben, als er in der erwähnten Sitzung mit Acclamation protokollarisch auszusprechen anordnete, daß er die Resignirung des Herrn Barnay nur aus dem Grunde annehme, weil nach so langer und ehrenvoller Thärigkeit eine Fortsetzung derselben wohl dankbar angenommen, aber nicht mehr gefordert werden könne, und zugleich mit einer den Geber wie den Empfänger ehrenden Bereitwilligkeit beschloß, den Ruhegehalt des Herrn Barnay derart festzusetzen, daß er gleiche Höhe mit jenen Jahresbezügen behalte, welche Barnay während seiner Activitatszeit zugesichert waren. Uebrigens hat Herr Barnay freiwillig erklärt, seines Amtes noch so lange walten zu wollen, bis die Gemeinde seinen Nachfolger ernannt hat. Wir schließen hieran eine kurze Skizze des vielbewegten Lebens des verdienstvollen Mannes. Barnay, im Jahre 1813 zu Toponar im Somogyer Comitat geboren, kam 1825 nach Pest, wo er ein Jahr hindurch die Talmudschule des R. Simon Oppenheimer besuchte, dann das Piaristengymnasium absolvirte, und 1931 zum Studium der Philosophie überging. Bald daraus wurde er an der hiesigen israelitischen Normalhauptschule als Lehrer der ungarischen Sprache angestellt. 1833, kaum 20 Jahre alt, wurde dem talentirten jungen Manne, der sich dem Studium der Medicin widmen wollte, das Secretariat der hiesigen israelitischen Gemeinde übertragen. An Allem, was seit dieser Zeit im Schoße der Gemeinde vorging, nahm Barnay bedeutenden Antheil, und manche heilsame Institution verdankt ihm ihr Entstehen. Er war einer der Mitgründer des „Vereins zur Beförderung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Israeliten in Ungarn", des „Magyarito egylet" u. a.; das israelitische Knabenwaisenhaus verdankt zumeist ihm das Entstehen und die musterhafte Einrichtung. In der für Ungarn denkwürdigen Epoche von 1848 und 49 war Barnay Secretär im Ministerium Szemerüs, und als die ungarische Regierung sich nach Szegedin zurückziehen mußte, ging er mit und kehrte erst nach der Katastrophe von Bilagos nach Pest und nach Beseitigung mehrerer von Seiten der politischen Behörden gemachten Schwierigkeiten in seine frühere Stellung als Gemeinde-Secretar zurück. An den Verhandlungen des ungarisch-israelitischen Congreffes nahm er als einer der Deputirten Pests Antheil. Pest, 26. Mai. lPrivalmitth.» Der Verkauf des Koschersteisches wird seit einiger Zeit in hiesiger Stadt als freies Gewerbe betrieben. Auf Vorstellung der in der vereinigten Hauptstadt Budapest befindlichen Gemeinden Pest, Ofen und Altofen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.