Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1875)
- Date
- 1875-06-08
- Page
- Seite 381 (sequence 7)
- Language
- German
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381 Mädchen zur letzteren zugelaffeu werde, ohne eine Prüfung in religiösen Kenntnissen bestanden zu haben, um so diese Feier davor zu hüten, eine leere Förmlichkeit zu sein. Diese Prüfung soll in der Kenntniß der Pflichten des Menschen, rer Zehnworte, der dreizehn Glaubensartikel, der Feste und Fasten, der biblischen Geschichte, der Ueberfetzung der vorzüglichsten täglichen Gebete bestehen; für die Knaben kommt hinzu die Kenntniß der Elemente der hebräischen Grammatik, die Ueberfetzung des ersten Capitels des ersten, des 12ten, 13ten, 16ten, 19ten ung 20sten Capitels, des zweiten, des 191eu Cap., des dritten und des 14ten Capitels des fünften Buches Moses, sowie einige Kenntniß der später« Geschichte der Juden. Ueber die bestandene Prüfung wird ein Zeugniß ausgestellt. Im Falle, daß sie nicht bestanden wird, soll sie nach einem Viertel- oder ganzen Jahre wiederholt werden. Man wird zugestehen, daß diese Maßregel sich sehr empfiehlt und gewiß von wohlthatiger Wirkung sein wird. Um dieselbe zu motiviren und den Rabbinen und Gemeindeverwaltern recht an's Her; zu legen, hat der Großrabbiner Bi gart ein Circulär erlaffen, das in Sprache und Inhalt ganz vorzüglich ist. Klar und nachdrücklich weist er nach, daß die Wurzel des religiösen Jndiffereniismus in der wachsenden religiösen Unwissenheit liege, und daß deshalb die größte Anstrengung gemacht werden müffe, um diese Unwiffenheit zu bekämpfen, denn die wiffeuve Jugend werde auch eine religiös gesinnte fein. Dieselbe Maßregel würde wohl auch überall von großem Nutzen sein, wenn sie gewiffenhaft ausgeführt, und damit gegen Kinder weder der reichen noch der armen Familien eine schwächliche Nachsicht geübt wird. — Köln, Ende Mai. (Privatmitth.) Seit nun fast einem halben Jahre fehlt unserer Gemeinde der Manu, der mit fester Hand das geistliche Steuerruder zu führen hat. Der Vorstand der Synagogengemeinde hat bereits die einleitenden Schrille gethan und ist aufrichtig bestrebt, den rechten Mann zu wählen, einen Rabbiner, der durch Gesinnungstüchtigkeit, uitgeheuchelte Frömmigkeit, wie durch hohe wissenschaftliche Bildung sich für eine so große und auS verschiedenen Elementen zusammengesetzte Gemeinde, wie Köln, eignet. Sechs Rabbiner haben bereits Probepredigten gehalten, und zwei weitere Redner stehen noch in Aussicht. Bei den divergirenven Ansichten der Wähler und den verschiedenen Anforderungen an das geistliche Oberhaupt wird die bevorstehende Wahl nichts ohne Kampf statchaben. Möge es dem Borstande gelingen, einen Mann an die Spitze unserer religiösen Angelegenheiten zu berufe», der durch seine Begeisterung und Hingebung für seinen Beruf, durch seine Gelehrsamkeit und seinen entschiedenen Charakter das Vertrauen unserer Gemeinde sich zu erwerben versteht. Ein großes Feld nützlicher und segensreicher Thatigkeit erwartet ihn hier. Als Lehrer, Freund, Wohlthäter und Tröster kann er Großes wirken. Möge darum aber auch in dieser wichtigen Frage die Indifferenz so vieler Mitglieder unserer Gemeinde einmal schwinden und jeder dafür Partei ergreifen! — Dem rechten Manne wird es schon gelingen, beide Parteien, die orthodoxe, wie die conservative — eine andere gieb'ts hier nicht — zu befriedigen und bei den richtigen Eigenschaften die getrennten Herzen zu vereinen, damit ein Band der Liebe und Eintracht Alle umschlinge! Es hat hier Gott Lob noch keine Trennung stattgefunden, wie in vielen anderen Gemeinden. Beide Theile find noch nicht so weit entfernt, daß eine Vereinbarung nicht herbeizuführen; aber ein wahrhafter Friede, ein würdiger, Leben und Segen in seinem Schooße tragender Friede ist doch hier auch mehr siommer Wunsch als Wirklichkeit. Es richten sich darum unsere Hoffnungen auch in dieser Beziehung auf den künftigen Rabbiner. Oesterreich - Ungarn. Wien, 28. Mai. < Privatmitth.) Die Artikel des ultramontanen „Vaterland" — die klerikalen Blätter nehmen gern patriotische Titel an, je weniger sie von Patriotismus besitzen, also nach dem allen Spruche lucus a uon lueeniio — die Artikel des Rauscher'schen Blattes, welche eine wahre Judenhetze enthalten, machen hier weniger Sensation als man draußen voraussetzen könnte. Juden und Christen sind ein solches Vorgehen seitens der Ultramontanen schon seit lauge, seit der „Wiener Kirchenzeitung", gewohnt, und die Gewohnheit bricht jedem Stachel die Spitze ab. Diese Schmähungen auf die Juden kommen Allen wie eine bestimmte Melodie eines Leierkastens vor, der nur vier oder fünf Melodien zu spielen hat, deren Reihenfolge immer wiederkehrt. Wer hört noch darauf? wer beachtet sie? wer findet sie auffällig? sie gehört zum Leierkasten, und drängt sich also den Vorübergehenden, wenn die anderen abgespielt sind, immer wieder auf. Ist die allbekannte Melodie auf die Gottlosigkeit der Zeit, auf Preußen und Bismark, auf die Freimaurer und die Liberalen zu Ende, so kommt die auf die Juden daran. Der Inhalt derselben stört daher Niemanden, d i e Frage aber drängt sich immer von Neuem auf: warum haben die Ultramontanen die Juden, die am liebsten bei dem Streite der christlichen Coufesfionen schweigsame Zuschauer abgeben, in diesen ihren Leierkasten mit ausgenommen? warum können sie es nicht unterlasse», sondern haben sie den bestimmten Zweck, immer wieder von Neuem, oder ununterbrochen bald hier, bald dort, ein Wuthgeschrei gegen die Juden anzustimmen, und sie als ihren Todfeind hinzufiellen? Was ist hierbei ihr Zweck? Ich gestehe, daßmir die Antwort aus diese Frage fast unlösbar erscheint. Längst müffen sie doch eingesehen haben, daß sie den liberalen Geist unserer Zeit nicht dadurch beschwören, die Liberalen von ihren Ansichten und Bestrebungen nicht dadurch abbringen können, daß sie jenen und diese mit Judemhum und Juden ideutificiren, daß sie den freisinnigen Theil des Volkes auf diese Weise doch nicht zu ihren schwarzen oder gelbweißen Fahnen zurückführen. Andrerseits