Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-08 · Heft 24 (8.6.1875) · p. Seite 380

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 24 (8.6.1875)
Date
1875-06-08
Page
Seite 380 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227039--33584-3303387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

denwkraten anlaugten, und nähme» die einigen Hundert der-letzteren Gattung so in die Mitte, daß sie keinen Unfug verüben konnten. Golvschmidt nahm nun die Gelegenheit wahr, in einer glanzenden, die Zuhörer hinreißenden Rede sowohl den Socialdemokraten ihre widersinnigen Bestrebungen als auch den Particularisten ihre nutzlosen Anstrengungen gegen das sich immer mehr consolidirende deutsche Reich nachzuweifen, und besonders den Letzteren zu zeigen, daß gerade und nur das Reich den Bestand der deutschen Einzelstaateu zu sichern vermöge. Der Muth, und die Klarheit des Redners imponirte auch den Gegnern. — Es find nunmehr sechs Israeliten im Reichstage: Bamberger, Frankenburger, Goldschmidt, Lasker, Oppenheim und Sonnemann. Hiermit ist das numerische Berhältniß der Juden etwas überschritten, da auf die halbe Million deutscher Juden fünf Abgeordnete kommen würden. — Auö Schlesien, 27. Mai. IPrivatm.> *) Die mehrfachen Correspondenzen, welche über die Wiederbesetzung des Directorats des Seminars zu Breslau in diesem Blatte, wie auch in anderen erschienen sind, geben ein treues Bild von der Verwirrung, die an bettesiender Stelle, wie in allen, die sich dafür interesfiren, vorhanden ist. Die Einen wollen einen Orthodoxen, die Anderen einen Reformfreund, die Einen einen Lamdan, die Anderen einen Klassisch-Gelehrten; doch noch mehr, die Einen wollen einen Direktor mit all' den Befugnissen, welche Frankel inne hatte, die Anderen die Einführung des Decanats im Turnus unter den Docenten der Anstalt. Man kann nicht leugnen, daß jede dieser Anforderungen eine gewisse Berechttgung hat, und daß sich dafür schlagende Gründe anführen lassen, die aus der wärmsten Liebe für die Anstalt hervorgehen. Selbst wenn man von allen Machinationen absieht, die sich in menschlicher Weise um jede wichtige Angelegenheit aufthun, bleibt die Verschiedenheit dieser Ansichten, unter welche» man doch eine als Richtschnur wählen muß. Die gegenwärtigen Curatoren müssen sich daher in großer Verlegenheit befinden, die keineswegs durch den Vorschlag beseitigt würde, den man ihnen gemacht, die zahlreich anttirenden Schüler des Seminars zu befragen, Männer, welche durch ihre Kenntniß des Seminars und ihre anderweitigen Erfahrungen wohl hierzu befähigt seien. Denn auch aus deren Mitte werden sich entgegengesetzte Ansichten kund thun, und dann ist man so weit wie vorher. Wer kann leugnen; daß dem Seminar ein Talmudgelehrter uothwendig ist? Wer kann aber auch verkennen, daß, wenn dieser nicht von tiefgehender und durchbildeter Wissenschaftlichkeit erfüllt ist, nicht einmal als Talmudlehrer an einem Rabbinerseminar unsrer Zeit, viel weniger als Director eines solchen passen würde? Wer darf sich verhehlen, daß mit der Einführung eines wechselnden Decanats der Charakter der ganzen Anstalt *) Wir müssen bemerken, daß, wie wir aus mehreren Zuschriften ersehen, die Corresponden; „von der Oder" in Nr. 2t insofern mißverstanden worden, als sie nicht von jetzigen Hörern des Seminars» sondern von „Schüler» Frankel's" herrührt. Redaction. völlig verändert würde? Aber wird es den an der Anstalt schon so lange und mit Erfolg wirksamen Lehrern nicht allzuschwer werden, sich der Autorität eines der Anstalt bisher Fremden zu unterziehen, und nicht noch schwerer, sich etwa einem früheren Schüler unterzuordnen? Ebensowenig wäre der Anstalt mir einem entschiedenen Orthodoxen wie Reformer gedient: wer aber wäre im Stande, die eigenthümliche Sphäre auszufüllen, welche nach dieser Richtung hin der sei. Frankel geschaffen hatte? Also alle diese Momente sind richtig und bedeutsam; jedoch die Erkeurttniß derselben vermindert nicht, sondern erhöht das Dilemma. Unsrer Meinung nach käme eS hierbei nun weniger darauf an, jedes dieser Momente in genaue Erwägung zu ziehen und zu ventiliren — als vielmehr sich vor Allem die Perfonenfrage zu stellen. Ist Jemand aufzufinde», der allen jenen berechtigten Forderungen, wenn auch nicht jeder vollständig, wenn auch der einen mehr als der anderen, keiner aber gar nicht genügt, so macht ihn frischweg zum Director und die Nebendinge werden sich schon ordnen. Findet Ihr aber einen solchen Mann nicht, bietet sich keiner dar, der die nothwendigen Eigenschaften in sich vereinigt, so ist auch die theoretische Discussion überflüssig, man mußzu der Einrichtung eines Decanats greifen und nur für den möglichen Ersatz in den durch Frankel's Tod erledigten Disciplineu sorgen. Dies scheint uns die einfache Lösung. Im Allgemeinen ist unsre Zeit wenig dazu angethan, eine Anstalt, welche nicht eine untergeordnete, nicht eine mittlere, sondern eine höhere wissenschaftliche Stufe einnimmt, deren Charakter in einer echten Wissenschaftlichkeit beruht, der Autorität eines einzigen Mannes zu unterwerfen. Man wird dann immer die in den einzelnen Lehrfächern bedeutenden Männer schwerlich geneigt finden, sich einer solchen Autorität unterzuordnen. Bei der Gründung einer solchen Anstalt ist dies leichter, weil der Dirigent bereits vorhanden ist, ehe die Berufung der Anderen stattfindet. Im Fortgang aber, wenn der Fall wie jetzt einttitt, wird dies große Schwierigkeiten herbeiführen. Dies mag die Curatoren der Anstalt trösten, wenn sie keine zum Directorat völlig geeignete Persönlichkeit finden und zu der Einführung eines wechselnden Decanats greifen müssen. Metz, 25. Mai. (Privatmitth.) Seit dem Amtsanttitt des Großrabbinen Bi gart ist in die religiösen Angelegenheiten des Lothringischen Consistorialsprengels neues Leben gekommen, und dies war nach den vorangegangenen Jahren unvermeidlicher Verwirrung überaus nothwendig. Einem so einsichtsvollen Manne konnte es nicht entgehen, daß daß Hauptübel in der Vernachlässigung des Religionsunterrichtes enthalten fei. Er erwirkte daher einen Erlaß des Consistoriums vom 2. Mai, der zunächst in jeder Gemeinde eine Schulcommission für den religiösen Unterricht einfetzt, um diesen zu überwachen und jedes Vierteljahr eine öffentliche Prüfung zu veranstalten; der ferner ein Programm für die jährliche feierliche Confirmation feststeüt, aber auch verordnet, daß kein Knabe zur Bar mizwa und Confirmation, kein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.