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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-08 · Heft 24 (8.6.1875) · p. Seite 379

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 24 (8.6.1875)
Date
1875-06-08
Page
Seite 379 (sequence 5)
Language
German
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379 17. Januar 1848 (Minister. - Bl. für die Innere Verwaltung Nr. 2. Seite 40. vom Jahre 1848) ist in Unterrichts- und Cultusangelegenheiten der Juden das Polizeipräsidium die zuständige Behörde. (Tit. H. des Gesetzes vom 23. Juli 1847. Gesetz-Sammlung Seite 263)." — Dies Gesetz ist also noch nicht aufgehoben, besieht vielmehr anscheinend noch in voller Kraft. Görlitz, 28. Mai. (Privatmitth.) Die Kgl. Regierung hat wegen des jüdischen Pfingstfestes den bevorstehenden hiesigen Jahrmarkt etwas später gelegt. Der hier erscheinende „Anzeiger" macht hierzu die Bemerkung: „Wenn das Sectenwesen noch weitere Fortschritte machen sollte, wie zu erwarten ist, und die Regierung, um der Gerechtigkeit zu genügen, den religiösen Festen sämmtlicher Secten bei Anberaumung der Jahrmärkte einen Einfluß gestatten wollte, so würden die Jahrmärkte wahrscheinlich bald eine Unmöglichkeit werden." — Man sieht, daß Las Billigkeitsgesühl gegen eine religiöse Institution auch im sg. liberalen Lager nicht sehr lebhaft ist. Die gesetzgebenden Kammern setzen ihre Arbeiten an jedem der vielen katholischen Festtage aus, und wir Juden finden dies durchaus recht und gerecht. Aber die geringste Concession an eine cultuelle Forderung des Jurenthums, wie die Verlegung eines Jahrmarkts um einige Tage wird perrhorescirt. Der „Anzeiger" kann übrigens betreffs des Sectenwesens ohne Besorgniß sein. Im hiesigen Lande bilden sich Secten nur innerhalb der christlichen Kirche und werben sich deshalb niemals von den einmal bestehenden Festtagen entfernen. Es ist deshalb diese Besorgniß nichts als ein leerer Vorwand für die Unduldsamkeit. Leipzig, im Mai. (Privatmitth.) Auch diesmal hat der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde einen Bericht über das Verwaltungsjahr 1874 veröffentlicht. Die liberalen Grundsätze und der rühmenswerlhe Eifer unseres Gemeindevorslandes sind so bekannt, daß wir kein Wort darüber zu verlieren brauchen, und uns aus mitgetheilte Thatsachen beschränken können. Ueberaus günstig zeigt sich auch in unserer Stadt das Mortalitatsrerhältniß bei den Juden. Im Jahre 1874 wurden 70 Kinder geboren, nämlich 32 Knaben und 38 Mädchen; gestorben sind nur 28 hiesige, nämlich 9 Männer. 4 Frauen und 15 Kinder. Wie stark der Fremdenzug hierher ist, ersieht man daraus, daß 2 l Fremde in diesem Jahre hier starben und beerdigt wurden. Die Religionsschule, die sehr gepflegt wird, wurde von 148 Zöglingen, nämlich 79 Knaben 69 Mädchen besucht, welche aus je 3 Elasten vertheilt sind. Die Kinder der Gemeindeangehörigen zahlen kein Schulgeld. Die Einnahmen betrugen l!,8l l Thlr., von denen 1217 Thlr. aus das Capüalconto übertragen wurden. Zu den nachahmenswerthen Einrichtungen gehört der Beamten- Pensionsfond, welcher jährlich 200 Thlr. aus der Gemeindecaste erhält, und jetzt bereits ein Vermögen von 2200 Thlr. besitzt. Aus dem Bericht der „Fremdenabtheilung des israelitischen Unterstützungsvereins" heben wir folgende intereffante Stelle hervor: „Wie in unserm vorjährigen Berichte über die Thätigkeit der Fremdenabtheilung des israelitischen Unterstützungvereins, so können wir zu unserer Genugthuung auch betreffs des verflostenen Jahres 1874 constatiren, daß in Folge unserer Bestrebungen die gewerbsmäßige Wanderbettelei in stetiger Abnahme begriffen ist. Während im Jahre 1873 712 Personen unsere Hülfe beanspruchten, beläuft sich deren Zahl für das Jahr 187 4 nur auf 599 Personen." „Wenn demungcachtet die Höhe der Ausgaben fast dieselbe geblieben ist — Thaler S90 gegen Thaler 891 — so erklärt sich dies aus dem Umstande, daß durch den schlechten Geschäftsgang die Zahl der hülsesuchenden Kaufleute, Handlungscommis und Handwerker, namentlich aus Oesterreich, der früheren fast gleichkommt. Uebervies halte unsere Abtheilung auch diejenigen Fremden zu berücksichtigen, welche sich zwar dauernd hier aufhalten, aber nicht hier heimarhangehörig bez. nicht Leipziger Bürger sind und demnach einen Anspruch aus Unterstützung aus der Casse der Localarmenpflege nicht haben. Solcher Unterstützten waren 1 Person mit 61 Thlr., 12 Personen mit 91 Thlr. 12 Ngr. 3 Pfg." „Die Verrheilung nach den Ländern zeigt, daß Rußland ein geringeres, Oesterreich ein stärkeres Contingent als früher gestellt hat." „Es waren unterstützt worden aus Rußland im Jahre 1873: 301 Personen, aus Oesterreich 191 Personen, im Jahre 1874 aus Rußland: 192 Personen, aus Oesterreich 198 Personen. Die Zahl der aus den Ländern des deutschen Reichs Unterstützten, welche sich auf 209 Personen belief, wird zuversichtlich in Zukunft noch geringer werden, nachdem die süddeutschen Staaten sich unseren Einrichtungen angeschlosten haben. Vollständige Erreichung unseres Zieles aber — das gänzliche Ausbleiben gewerbsniäßiger Bettler — kann nur bann erreicht werden, wenn dieselben unter allen Umständen, auch von Einzelnen, nicht unterstützt werden." Leipzig, 27. Mai. (Privatmiltheil.) Wer die jüngsten Nummern dieses Blattes aufmerksam gelesen hat, dem wird es klar geworden sein, daß man den Juden eine bestimmte Stellung in rer politischen und socialen Welt anzuweisen sich bemüht. Um so mehr wird es nothwendig sein, alle charakteristischen Züge zur Kenntniß zu nehmen, und hierzu ist wohl auch Folgendes zu zählen. Der jüngst allhier in den deutschen Reichstag gewählte Pros. 1)i-. Golvschmivt beabsichtigte eine Ansprache an seine Wähler zu halten. Bekanntlich war sein eigentlicher Gegencanvivat der Socialdemokrat Bebel, den er mit der doppelten Stimmenzahl überholte. Die Socialvemokraren wollten nun aus gewohnte Weise durch Tumult und Schlägerei die Wählerversammlung stören und Golbschmidt am Reden verhindern. Die liberale Partei war aber muthig genug sich von den Herren Socialdemokraten nicht schrecken zu lasten. Sie füllte den ungeheuren. Saal mit mehreren Tausend Männern an, bevor die Social-

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