Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1875)
- Date
- 1875-06-08
- Page
- Seite 376 (sequence 2)
- Language
- German
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376 der Bewegung, Erzeugerin der Kraft und Gefährtin der Arbeit. Die Ruhe, mäßig und zu nützlicher Zeit, unterstützt den Much, belebt die Denkkraft, stärkt den Willen und macht die Tugend unbesiegbar. Alles dies aber macht für unsren Gegenstand nichts aus: nur als Weihe (consseraliou) der Ruhe übt der Sabbach einen Einfluß auf die Gesundheitspflege aus. Das, worauf es ankommt, ist die feste und regelmäßige Periocicität, welche in gleichen Zwischenräumen die Folge der Arbeiten und der Tage unterbricht. Weshalb dieses beständige Gleichmaß? Warum sechs Arbeitstage und nicht fünf oder sieben? Warum die Woche und nicht die Decade? (Zehn Tage, wie in der französischen Revolution verordnet wurde.) Welcher Statistiker hat zuerst beobachtet, daß in gewöhnlicher Zeit die Arbeitsperiode zur Periode der Ruhe sich wie 6 zu l verhallen müsie, und nach welchen Gesetzen? Daß diese beiden Perioden abwechseln muffen und warum?" Diese Fragen zu beantworten, verzweifelt Proudhon. Er will sie nur als Thatsache constatiren; alle moderne Wissenschaft reiche nicht aus, sie zu erklären. Statt daherf eine Erklärung zu versuchen, versenkt sich Proudhon in den Bestand und Las Wesen einer Ur-Philosophie, wohin wir ihm um so weniger folgen wollen, als diese Betrachtung bei der damals noch vorhandenen Unkenntniß der alten indischen und persischen Weisheit nur sehr unvollständig und hypothetisch aussallen mußte. Diese Ur-Wiffenschaft, die sich wesentlich auf tiefe Beobachtung des Lebens, auf eine gewisse Unmittelbarkeit mit der Nawr stützen sollte — Pr. ist schließlich nahe daran, sie als eine göttliche Offenbarung anzuerkennen — ist ihm in Moses durch die Thatsache erwiesen. „Vermindert, fährt er fort, die Woche um einen einzigen Tag, so ist die Arbeit ungenügend, verglichen mit der Ruhe; vermehrt sie um einen Tag, so wird die Arbeit übermäßig. Führt alle drei Tage einen halben Tag Ruhe ein, so vermehrt Ihr durch die Unterbrechung den Verlust an Zeit und indem Ähr die natürliche Einheit des Tages zerschneidet, zerbrecht Ähr das numerische Gleichgewicht der Dinge. Bewilligt im Gegentheil 48 Stunden Ruhe nach zwölf aufeinanderfolgenden Arbeitstagen, und Ihr tödtet den Menschen durch Trägheit, nachdem Ihr ihn durch Ermüdung erschöpft habt. Ich übergehe, um kurz zu sein, die Menge von Betrachtungen gleicher Art, welche die Umkehrung in den Verhältnissen der Familie und des . Staates verschaffen könnte, da durch sie eine Menge von Unzukömmlichkeiten hervorgerufen würde. Moses hat also das einzig Richtige getroffen. Er erfand die Woche nicht, aber er war der erste und einzige, der einen so großartigen Gebrauch davon machte." — Wir haben bereits im ersten Artikel angedeutet, daß die Woche als Eintheilung des Monats sich an die vier Mondphasen anschließe. Doch ist dies nur der äußere Anhaltspunkt. Denn es ist nicht zu verkennen, daß die Sieben auch das Symbol eines liefern Begriffes ist, welcher Begriff wiederum auf einer unmittelbaren Empfindung beruhete. Alles was sich aus Zeit und Periodicität bezieht, bringt uns immer wieder die Sieben; die Zeit der Feste (außer dem Versöhnungstage, der sehr bezeichnend an die Zehn sich knüpft) die Zahl der jährlichen Festtage, die Jahrwoche, das Jobeljahr; alle Sühnungen, Reinigungen, Einweihungen und viele Opferungen waren an die Sieben gebunden, ja selbst in dem Sckwure liegt die Sieben (1 Mos. 21, 28.) Höchst charakterisiisch ist es, daß am Heiligthmne die Sieben nur ein Mal, nämlich am Leuchter, erscheint. Wir verweisen, da wir an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen können, aus die Erklärung und Deutung in unsrem Commentar zu 2 Mos. 26, und werden darauf auch in unsrer Abhandlung „Ueber die Symbolik des mosaischen Heiligthums" zurückkommen.*) Proudhon schließt nun in feinem fünften Abschnitt über seinen Gegenstand ab. Es ist dies ein Stück großartiger Berevlsamkeit, voll Geist und Empfindung, deren Eindruck sich Niemand entziehen kann, so abstrus auch manche Idee und noch mehr deren Ausdruck ist. Je klarer uns jetzt der Punkt ist, von welchem der Jrrthum Proudhon's ausgmg, destomehr können wir uns der Wahrheit und Richtigkeit ohne Zaubern überlassen, die wir in den Beobachtungen und Gedanken des Verfassers b i S zu diesem Punkte finden. Er drückt seine Conclusion in folgenden Sätzen aus: .,1) daß die Institution des Sabbath's gefaßt worden in den Principien einer erhabenen Politik, deren größtes Geheimniß darin bestand, daß die Mittel dem Zwecke völlig entsprachen; 2) daß diese Jnstttution, in den Umständen ihres Ursprungs und ihres Fortschrittes analysirt, voraussetzt: Freiheit, Gleichheit, Obherrschaft der Religion und der Gesetze, ausübende Gewalt im Volke, völlige Abhängigkeit der Beamten, dieselben Subsistenzmittel für Alle; 3) daß ihre Wirkungen, mittelbare und unmittelbare, in den folgenden bestehen, hochentwickelte Gesellschaftlichkeit, vollkommene Sittlichkeit, Gesundheit des Körpers und der Seele; dauerhaftes, immer der Vermehrung und Mannigfaltigkeit nach Alter und Charakter fähiges Glück; 4) daß sie für die Gesellschaftliche Ordnung vorzugsweise couservaliv war. die ihrerseits conservirte." Mögen wir hierin auch Manches als aus die Spitze getrieben ausehen müssen; mögen wir erkennen, daß vieles, was Pr. der SabbatUeier zuschreibt, erst aus der Gesammtheit der mosasscheu Institutionen hervorging, und nur in den einfachen Verhältnissen des israelitffchen Volkes möglich war — so find doch die Grundzüge in dem Bilde, welches Pr. vom Sabbath entwirft der Wahrheit gemäß, *) Daß die Sieben bei den semitischen Stammen überhaupt eine große religiös-sittliche, symbolische Rolle spielte, dafür liegt uns ein neuer Beweis vor. In der jüngsten Schrift Oppert's, deren wir an einem andern Orte Erwähnung lhun, 8ur i’immortalite de l’amechez les Chaldeeus, wird die Uebersetzung einer altaffyrischen Beschwörungsformel gegeben. 2» dieser werden zuerst die sieben großen Unglücksfalle autgczäblt, welche die Bewohner der Erde befallen können. Um diese müssen sieben Arten von Göttern kämpfen, deren von jeder Arr sieben bestehen, vier von ihnen sind den Menschen freundlich, drei feindlich. Hierauf folgt die eigentliche Beschwörung in sieben Anrufungen von sieben verschiedenen göttlichen Geistern. Es entwickelt und vollendet sich hier also Alles io der Siebenzahl. Proudhon hat also gewiß Recht, in dieser Wahl der Sieben nichts Zufälliges, sondern Offenbarung des tiefsten uralten Geistes zu finden.