Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1875)
- Date
- 1875-06-01
- Page
- Seite 370 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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370 wird. Ließe sich denn auch wirklich dem Herzen gebieten, einen Menschen, der uns haßt und verfolgt, zu lieben? Ist dies psychologisch möglich? Auf ganz anderem Standpunkte jedoch steht hier wiederum das Sittengesetz der Bibel. „So du triffst den Ochsen Leines Feindes oder deffen Esel irrend, so führe ihm denselben wieder zu, u. s. w." (2 M. 23, 4). Den Feind zu lieben gebietet sie nicht, Loch Böses mit Bösem zu vergelten, überhaupt die unedle Rache, verbietet sie dir. „Haffe nicht den Bruder in deinem Herzen, zurechtweisen sollst du deinen Nächsien, du sollst nicht rachbegierig sein und den Zorn in reinem Innern bewahren" <3 M. 19, 17. 18). „Fällt dein Feind, so freue dich nicht, stürzt er, so frohlocke nicht dein Herz" (Spr. Sal. 24, 17). „Hungert dein Feind, so speise ihn mit Brod, durstet er, so tränke ihn mit Wasser" (Ebenda 25, 21). Das ist echtes und zugleich praktisches Sittengesetz." — Wir gestehen offen, daß wir den Dr. Schmiedl kaum begreifen; das wirkliche Verhältniß ist so klar, daß es ihm nicht hätte entgehen sollen. Moses stellt als obersten Grundsatz auf: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Dies ist die vollste Allgemeinheit, wie sie sich an der Spitze eines Sittengesetzes geziemt. Er macht keinen Unterschied zwischen Freund und Feind; der „Nächste" ist Jedermann; die Nächstenliebe, die er gebietet, soll von keinen zufälligen Gefühlen und Gesinnungen des Einzelnen, von keiner augenblicklichen Stimmung abhängen. Er gebietet daher ebenso sehr den Freund wie den Feind zu lieben, und erkennt eine solche Unterscheidung in der Pflicht der Nächstenliebe nicht an. Wie irrig die ganze Stelle des Matthäus, und wie kleinlich dem großen Grundsatz, den Moses praklamirt, gegenüber ist, wie wahr dagegen unsere Auffaffung, geht überklar hervor, wenn man die ganze Stelle bei Moses und bei Matthäus liest. Der erstere sagt <3 Mos. 19, 17. 18): „Haffe deinen Bruder nicht in deinem Herzen, verweisen magst du deinen Nebenmenschen: daß du nicht um seinetwillen Sünde trägst. Du sollst dich nicht rächen und nicht Zorn nachtragen, sondern liebe deinen Nächsten wie dich selbst: ich bin der Ewige." Dieser Zusammenhang erweist doch wohl vollständig, daß Moses vorschreibt, den Feind wie den Freund zu lieben! Wir sollen denjenigen, den wir Haffen könnten, an dem wir uns zu rächen und ihm Zorn nachzutragen Beranlaffung hätten, lieben als unsren Nächsten, wie uns selbst. Wie konnte daher Schmiedl behaupten, daß den Feind zu lieben, Moses nicht geboten, sondern erst Las Evangelium! Es kommt uns nun nicht darauf an, daß in den von Schmiedl angeführten Schriststellen die Feindesliebe in praktischen Vorschriften ausgedrückt ist, während Matthäus sich darauf beschränkt, daß wir unsre Feinde segnen, und für sie beten sollen. Wir glauben durch Obiges die Wahrheit festgestellt zu haben, und wird wohl kaum ein Sachverständiger noch einmal ein so irriges Zugeständniß machen, wie Herr Schmiedl gethan. Ein Nadbinerconciliurn im Jahre 1650. Unter den Büchern des vor Kurzem hier verstorbenen Herrn Karl Fürth fand ich auch einen Band dieser Zeitung vom Jahre 1838. Als geborner Ungar interessirte ich mich zunächst für die aus Ungarn datirten Aufsätze und Correspondenzen. Und da las ich denn in Nr. 14 des „Literarischen und homiletischen Beiblattes" vom 26. Mai 1838 eine „Literarische Correspondenz" aus Papa, in welcher Herr Dr. med. Pserhofer die Übersetzung eines Documentes mittheilt, welches in der im Jahre 1794 in Waitzen herausgegebenen Zeitschrift „Urania" in ungarischer Sprache erschienen ist. Nach diesem Dommente soll im Jahre 1650 — veranlaßt durch das Auftreten Sabbatai Zewi's — eine aus mehr als 300 Rabbinen bestehenden Versammlung zu Nagy-Jda (Abaj-Ujvärer Comitat) getagt und darüber berathen haben, „ob der Messias bereits gekommen, oder deffen Ankunft erst zu erwarten sei." In einer dem Documente vorausgeschickten Bemerkung fordert Herr Dr. Pserhofer Jedermann, der Beweise und bestimmte Details zur Begründung 'der Wahrheit des in dem bezeichneten Documente erzählten Factums Leizubringen vermag, auf, dieselben an die Redaction dieser Zeitung gelangen zu lasten, da, wie er sagt, dieser Rabbinerversammlung sonst Niemand Erwähnung thut. Im selben Jahre scheint nun dieser Aufforderung Niemand nachgekommen zu sein, denn ich habe in dem bezeichneten Jahrgang dieses Blattes nichts mehr über diesen Punkt gefunden. Ob etwa in einem der später« Jahrgänge oder an einem andern Orte eine weitere Erörterung des angeregten Gegenstandes sich vorfindet, ist mir nicht bekannt. Immerhin aber, glaube ich, wird es von Jntereffe sein zu erfahren, daß der in Frage stehenden Rabbinerversammlung auch anderswo als in dem genannten Documente Erwähnung geschieht, wenngleich diese daselbst als ein leeres, jeder positiven Grundlage entbehrendes Gerücht bezeichnet und als Beweis angeführt wird, wie manchmal Dinge, die sich nie ereignet, als wirkliche Geschehniffe erzählt, und erdichtete Begebenheiten als Thaffachen hingestellt und geglaubt werden. Menaffe ben Israel führt nämlich in seiner apologetischen Schrift Teschuot Israel (ich besitze bloß die hebräische Uebersetzung von Bloch), die er am 10. April 1656 in London beendigte und welche hauptsächlich dazu beitrug, daß der Protector Cromwell und das Parlament den Juden, welche seit ihrer Vertreibung aus England unter Eduard I. (1290) britischen Boden nicht betreten hatten, die Niederlassung in England wieder gestatteten, mehrere Beispiele an, daß man den Juden etwas angedichtet und zugeschrieben hat, das ihnen nie in den Sinn gekommen. Als solches Beispiel wird nun von ihm auch unser fraglicher Rabbinercongreß angeführt. „So habe ich," heißt es S. 16, „einmal eine erdichtete Erzählung gelesen, daß sich die Juden im Walde Ageda (Nagy-Jda?) in Ungarn versammelt haben, um zu forschen und festzustellen, ob der Messias schon gekommen ist oder nicht."