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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-01 · Heft 23 (1.6.1875) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 23 (1.6.1875)
Date
1875-06-01
Page
Seite 368 (sequence 10)
Language
German
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368 unsrer Schlafsale waren von oben bis unten zugefroren. In den Garten ist Alles erfroren, selbst armdicke Zierbäume bis in die Wurzeln hinein. Am Chrrfreitag hatten wir Regen und Sturm und am Abend dieses Tages fiel nochmals Schnee. Am Ostersonntag und Montag hatten wir die Hände voll zu thun, um den Schnee von den Terrassen wegzuschaufeln. Biele Reisende, welche in Zelten wohnten, mußten in Privathäusern Zuflucht suchen. (Das christliche Osterfest fiel allerdings in diesem Jahre sehr früh; dennoch ist ein solches Wetter am 28. März, wenn am 21. April nach dem mosaischen Gesetze die Ernte anfangen sollte, ein sehr außergewöhnliches.) Jeuilleton. Einige religiös-sittliche tragen. I. Der Frühling ist doch gekommen, wenn auch nach langem und hartem Winter. Er ist gekommen mit um so größerer Herrlichkeit und Blüthenmeer und Vogelfang, die grünbewaldeten Hohen und die Fluren, auf denen die Saaten höher emporsprießen, der blaue Himmel und der Sonnenglanz und der erfrischende Luftstrom, sie machen Alles vergessen und erfüllen das Herz mit Lust und den Geist mit leichterm Sinne. Ganz ebenso geschieht es in der geistigen Welt des Menschen. Was auch durch diese Welt stürmt, was sie erschüttert und für eine Zeit lang gänzlich einnimmt, so daß alle anderen Interessen davor in den Hintergrund treten — nur geraume Zeit, und der Geist erhebt sich darüber, und giebt sich um so lieber und eifriger den Fragen und Gegenständen seines Nachdenkens und Forschens hin, von denen ihn die Bewegung der Welt hinweggescheucht hatte. Ihm geht ras innere Licht unumwölkt wieder auf, ein warmer Hauch fließt durch seine Seele und Blüthen und Laub entwickeln sich an den Zweigen seines Geistes. Ob also auch unsre Gegenwart von dreien Seiten her mit schweren Unwettern theils bedroht, theils schon bestürmt ist: die Feindseligkeit zwischen Frankreich und Deutschland, der Kampf der Gesellschaft mit der katholischen Hierarchie und die schwere finanzielle und industrielle Erschütterung — die ewigen Fragen der Menschheit; an denen diese ihre Jahrtausende gearbeitet hat, die immer wieder Thema, Bildungsmittel und Ziel zugleich sind, die über das tägliche Bedürfen weit hinausliegen und doch zum täglichen Inhalt der geistigen Thätigkeit immer wieder werden, sie kehren wieder wie der Frühling nach dem Winter, wie die Ruhe nach dem Sturme, und üben ihren unwiderstehlichen Reiz auf den Menschen, insonders auf den ernster gestimmten, aus. Folgen wir ihnen auch hier, wie sie sich auf innere und äußere Veranlassung darbieten. — Es ist schon öfter als ein bezeichnendes Merkmal des Judenthums aufgestellt worden, daß in ihm Recht und Liebe als daffelbige, als zusammenfallend, als identisch betrachtet werden. Man erkannte dies als eine höhere Stufe des sittlichen Begriffes an, als einen Vorzug, gegen welchen die allzu große Betonung der Liebe nur eine Bedeutung nach Verhältnissen der Zeilen und Personen habe und zu sehr schweren Jrnhümern führen könne. Man stützt sich hierbei auf den Umstand, daß dasselbe Wort rrp-ias Recht und Gerechtigkeit, und zwar im staatlichen Sinne, daher mit zusammen, aber auch Milde, Güte, Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit bedeute; für alle diese Bedeuungen desselben Wortes sind dem Sachkundigen Stellen der heiligen Schrift bei der Hand, und ebenso wird das Wort bekanntlich von den Rabbinen für alle Handlungen der Nächstenliebe gebraucht. l Auch Proudhon in der von uns gegenwärtig besprochenen Abhandlung beruft sich hierauf.) Es ist daher wohl angezeigt, einmal etwas näher auf diesen Gegenstand einzugehen. Von vornherein ist dagegen einzuwenden, daß es doch im Hebräischen ein Wort giebt, welches vorzugsweise die Liebe bedeutet, inwiefern diese nach dem gewöhnlichen Begriff über das Recht hinausgeht, und eine Fülle von Empfindungen und Handlungen bezeichnet, welche im Sprachgebrauch nicht mit rrp-,z ausgedrückt werden, nämlich: -ivn, und zwar ebenso im Verhält - niß Gottes zum Menschen, als in dem des Menschen zum Menschen. Man kann also nicht sagen, daß im Hebräischen Recht und Liebe so identisch sind, daß beide nur ein und dasselbe Wort zur Bezeichnung haben; sie besitzen vielmehr für die Fülle ihres Wesens besondere Bezeichnungen in rrpTS und non; wohl aber muß man zugeben, daß beide in der Volksseele nicht so weit auseinanderfielen, daß nicht dasselbe Wort nach der einen wie nach der anderen Seite gravitiren sollte, und r.pi'JZ auch die Liebe umfasse, wie sie als eine Rechtsforderung auftrete. Die Frage muß daher aus einem tiefern Grunde beantwortet werden. Der populäre Begriff unterscheidet Recht und Liebe, indem das Recht Leistungen befaßt, deren Erfüllung gefordert werden kann, zu einem besonderen Danke nicht verpflichtet, und falls sie verweigert wird, eine offenbare Verletzung der Schuldigkeit enthält; die Liebe aber geht über diese Forderungen des Rechtes hinaus, übernimmt Leistungen aus freiwilligem Antriebe, welche die Dankbarkeit in Anspruch nehmen, und deren Nichterfüllung eine bestimmte Schuldbarkeit nicht Hervorrufe. Auf dem staatlichen Boden unterscheiden sich die beiden schon dadurch, daß die Liebe gar nicht in den Bereich der staatlichen Verhältnisse gezogen wird, sondern diese sich auf das Recht beschränken und Recht alles das ist, was aus einem bestimmten Gesetze, aus einem gesetzlich geordneten Verhältnis oder aus einem gesetzlich oder völkerrechtlich geordneten Vertrage erfiießt. Wie verhält sich dies nun auf dem sittlich-religiösen Boden? Wird auch hier der Begriffsunterschied zwischen Recht und Liebe aufrecht erhalten, wie

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