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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-06-01 · Heft 23 (1.6.1875) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 23 (1.6.1875)
Date
1875-06-01
Page
Seite 363 (sequence 5)
Language
German
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363 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 18. Mai.*) In der zu Paris erscheinenden kevue poUtique ei liu6raire Ar. 32 (6. Februar IST5) ist ein längerer Aufsatz über Philo von Alexandrien von Ernest Havet enthalten, welcher der Aufmerksamkeit derer nicht unwerlh ist, die ein Studium aus den Schriften dieses jüdisch-hellenistischen Philosophen machen. Äm Ganzen schließt sich der Verfasser den Ansichten an, welche zuletzt Bruno Bauer auseinandersetzte und die wir in mehreren Artikeln von Seite 329 des vorigen Jahrgangs an darstellten und bekämpften. Auch er läßt das dogmatische Christenthum seinen Ursprung aus dem Systeme des alexandrinischen Juden ziehen, also auch für dieses einen jüdischen Boden finden. Wir haben schließlich hiergegen nur einzuwenden, daß alsdann aus Philo's Ideen Keime zur Entwickelung gebracht wurden, welche bei ihm selbst einen ganz anderen Inhalt und Zweck hatten, und für deren so geartete Ausgestaltung er so wenig verantwortlich ist, wie das Judenthum überhaupt. Dem Philo widerspricht alle Vervielfältigung, Vermenschlichung und Verkörperung der Gottheit durchaus und verweisen wir nur auf die beiden Bücher mgl uovun/Juq. Wir haben a. a. O. erwiesen, daß man bei der Anlage der Philonischen Schriften als Exegese der h. Schrift und bei dem durchweg allegorischen Charakter derselben seine Ideen tiefer suchen und vereinfachen muß, nicht aber aus der gelegentlichen Art der Einkleidung ein System zusammensetzen darf. Es geht dies z. B. gerade aus seinen mannigfaltigen und sehr verschiedenen Aeußerungen über den Logos hervor, der ihm schließlich doch nur eine allegorische Personification der göttlichen Vernunft ist, keine Wesenheit hat, und in keiner Weise von Gott abgelöst werden darf. Dazu stellt ihn Philo in zu verschiedenartiger Form dar. Der Gedankenproceß in Philo ist überhaupt so zu fassen: vom Boden des Judenthums aus versenkte sich Philo mehr als es in der jüd. Geisteswelt zu geschehen pstezte in die Anschauung des Universums und der sittlichen Welt. Hier waren ihni seine Kenntnisse der Naturerscheinungen und die griechischen Philosophen nur mangelhafte Führer. Er wußte sich daher nur zu Helsen und zurechtzufinden, indem er die natürlichen und sittlichen Motive vermischte, und zu ihrem Begreifen und Darftellen sich der Allegorie bediente. Er will aus den Dingen und Erscheinungen die Ideen ziehen — gleich Plato — und verkörpert diese Ideen alsbald wieder allegorisch — seinem orientalischen Geiste folgend. Er will abstrahiren, und bringt diese Abstractionen sofort wieder *) In dem Art. Bonn, 22. April Nr. 2», S. 3! 4, Sp. 1 bitten wir Z. 13 v. o. einen lapsus calami zu verbessern. Maimonideö und Averroes wäre» eher Zeitgenossen zu nennen, wenn auch Maimonides geb. 1135, gcst. 1204 bedeutend älter war als Averroes, dessen Geburts lahr schwankend — nach Einigen 1149 — und Todesjahr von Einigen 1217, von Anderen 1225 angenommen wird. Daß AverrocS auf seiner Flucht bei MaimonideS in Atmeria Schutz gefunden, ist nichts als eine Legende. zu äußerlicher Gestaltung auf dem Wege der Allegorie. Dies ist der Kernpunkt. Uni Philo richtig zu verstehen, müssen wir den umgekehrten Weg verfolgen; wir müssen aus seinen Allegorien durch das Abstreifen dieser Gewandung den abstracten Begriff ziehen und riesen in den Dingen, wie sie Philo erschienen, suchen. Hat man diese Methode sich klar gemacht, so führen die Schriften Philo's selbst sicher zum Ziele des richtigen Verständnisses. Daß man im dogmatischen Chnstenthume seine Allegorien nicht als Einkleidung von Abstractionen, sondern als Realitäten nahm — wie es gerade besonders mit dem Logos geschah — dafür kann Philo nicht verantwortlich gemacht werden. Bon diesem dogmatischen Christenthume aus, will man nun in Philo gleichfalls als Realitäten sehen, was nur allegorische Abstracrion bei ihm gewesen. *) — Die Lehre vom Kamps um's Recht im Verhälrntß zu dem Judenthum und dem .ältesten Ehristenthum. Bon »>-. A. Schmied!. Wien, Winter 187.7. Wir müssen uns von dem etwas curiosen Titel nicht behindern lassen, die an Form und Inhalt wackere Broschüre zu lesen. (Denn curios ist „um's Recht" statt „um das Recht", und „im Verhältniß zu" bezeichnet die Sache nicht richtig, denn das Jnoenrhum hat den Kamps um das Recht iu seinen Inhalt ausgenommen, während das „älteste Christenthum" ihn geradezu von sich abwies.) Die kleine Schrift lehnt sich an ein Werk res Pros. l)r. v. IHering „Der Kamps um's Recht". Derselbe erkannte diesen Kamps als einen zwiefachen, als den der Gesammrheit um das objective Recht und den des Einzelnen um sein persönliches Recht, und Herr Schmied! nimmt die Gelegenheit wahr, um nachzuweisen, daß das Jnrenthum nach beiden Richtungen hin für diesen Kampf und Lessen Resultate Bedeutendes geleistet hat, während Las ältere Ehrisienthum grundsätzlich ihn ablehnte. Roch besonders behandelt er die Bedeutung des Eides im jüdischen Recht. Es versteht sich, daß dieser sehr umfassende Gegenstand in den wenigen Blättern ,S. 39> nur stizzenhasr behandelt werden konnte, und bemertl auch Herr Schmiedl, daß er hier nur ein Stück einer größern Arbeit veröffentliche. **) Die Bemerkung wollen wir noch hinzusügen, daß auch Herr Schmiedl der bei den jüdischen Gelehrten allgemein gewordenen Sitte folgt, außer einigen Schriften christlicher Gelehrten nur ältere jüdische Werke zu berücksichtigen nur zu citiren, hingegen alle neueren Arbeiten aus jüdischer Ferer über denselben Gegenstand zu ignoriren. Es ist natürlich der geeignete Weg, um der jüdischen Literatur Anerkennung und Verbreitung zu verschaffen! (Eine Abhandlung von Nr. Gans cilirt er, schreibt aber den Verfasser „Ganz". —In 21 tu er i fa hat bekanntlich die Zeitungspresse einen Umfang wie in keinem andern Lande der Welt. So auch die jüdische. Kaum ist in *) Diele Methode Pbilo'S wird in überraschend klarer Weise von Philo 'elbst in der angeführten Schrift •i. v'ib. 1-!•'. s17. <;. N. <-<1. Hocs<-Im»I. geschildert. **) Wir können jedoch nicht unterlassen, daraus ansmerkiam;n machen, daß Herr Schmiedl einen Irrrdum begangen, reit wir im Feuilleton in dem Art. „Einige religiös sittliche Fragen" 11. besprochen.

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