Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1875)
- Date
- 1875-06-01
- Page
- Seite 360 (sequence 2)
- Language
- German
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360 dann durch die kriegerischen Unruhen bewogen, gewöhnten sich die Juden doch in einer überraschenden Weise aus Palästina auszuwandern, sich über die civilisirte Welt auszubreiten und von Ort zu Ort ziehend, sich in kleinen Gruppen niederzulaffen, während Jerusalem noch auf seinen Höhen thronte und in seinen Thälern lagerte. Sicher ist es, daß dieses Jerusalem feinen Untergang vorzugsweise dem blutigen Parteikampfe verdankte, der in seinem Schooße wüthete, während der unerbittliche Feind es umlagerte. Das Mittelalter zeigt uns wenige Beispiele davon, daß die Genieinden auch nur in einer Landschaft in einem engeren Verbände standen und nur selten ergab sich in drohenden Gefahren ein strafferes Zusammenwirken naheliegender Gemeinden. Selbst in inneren Fragen fanden ^höchst selten gemeinsame Berathungen statt; man begnügte sich unter den Rabbinen mit lebhafter Correspondenz, und den Ausschlag gaben stets die realen Berhältniffe und die freie Autorität Einzelner. So geschah es auch, als die Juden aus den Ghetti heraustraten und die allgemeine Bildung in sie eindrang. Wo eine Landesorganisation für die Juden besteht, hat der Staat sie ihnen auferlegt und hält sie aufrecht: eine große Anzahl Inden strebt sie auch da zu beseitigen. Lange Zeit war es dahingekommen, daß die sg. gebildeten Juden sich ihres Stammes schämten und ihn, wo und wie sie vermochten, verleugneten. Das Gefühl, einer großen Gemeinde von 30,000 oder 40,000 Seelen anzugehören, ist nur schwach in unseren Glaubensgenoffen. Kaum ist eine Gemeinde so klein, daß nicht Einige in ihr wären, die, wenn es ihnen gestattet ist, eine besondere Gemeinde bilden möchten. Als in den amerikanischen Städten eine größere Anzahl Juden sich niederzulaffen anfing, vereinigten sie sich an demselben Orte nicht zu einer einzigen Gemeinde, sondern zu einer Menge von Gemeinden, und man zählt derselben jetzt in den meisten größern Städten viele Gemeinden nebeneinander und zwar von derselben religiösen Richtung, die nebenbei einander ihre Mitglieder abzugewinnen suchen. So auch schon in Neuholland, in Neuseeland u. s. w. Alles, was für Juden und Judenthum in neuerer Zeit geschehen ist. ging nicht von Gemeinden, nicht von größern Vereinen aus, sondern war lediglich das Werk einzelner Männer. Selbst der Kampf um die bürgerliche Gleichstellung wurde von solchen getragen und durchgeführt. Da, wo gelegentlich die Gemeinden in größerer Zahl dafür eintraten, wurden sie von einzelnen Männern dazu aufgerufen. Es herrschte bis vor Kurzem in den Gemeinden und Privaten nur der Sinn für das Weichbild; mühsam ist man darüber etwas hinausgekommen, zeigt sich aber selbst hierin noch immer sehr ungeschickt. Besonders lastete dies auf den geistigen Jntereffen des Judenthums. Alles ward den Einzelnen überlaffen, und diesen begegnete nur allzu oft der kleinlichste Geist zu schwerster Hemmniß. Kaum war das österreichische Gesetz gefallen, als die lombardischen Gemeinden ihre Rabbinerschule in Padua untergehen ließen, und die italienischen Gemeinden ihre Beihülfe versagten. Wie in Pest dem Zustandekommen eines Rabbinerseminars durch die Juden selbst entgegengetreten ward, ist bekannt. Die Hochschule in Berlin verdankt ihr Dasein nur der Hingabe Einiger, und bedarf noch einer dreifachen Dotirung, um ihrem Ziele nahezukommen. Das Breslauer Seminar ist eine Schöpfung aus den Mitteln eines Einzigen, das Pariser eine Schöpfung des Staates. Welche Forderung erhielt die jüdische Literatur? Sie besteht im Augenblicke fast nur noch — in Broschüren! Als ein Verein für sie thätig war, fand er nicht einmal bei denen kräftige Unterstützung, für deren besonderes Interesse er wirkte, sondern geradezu das Gegentheil. Wie viele unter den Vorständen der 1200 Gemeinden in Deutschlanv halten aus dem Budget eine der jüdischen Zeitschriften, halten und lesen dieselbe? . . . Allerdings erkennen wir gern die Opferwilligkeit und Energie an, welche in den einzelnen Gemeinden für die Erbauung neuer Synagogen, für die Herstellung eines geregelten Gottesdienstes und für wohlthätige Zwecke gefunden wird. Aber hierauf beschränkt man sich auch und sieht nicht ein, daß für unsre Zeit Größeres und Weitreichenderes nothwendig ist. Was nach jener Richtung dem gegenwärtigen Bedürfniß gemäß geschieht, das geschah in ihrer Art auch von unsren Vätern selbst unter dem schwersten Drucke der Verhältnisse. Nachdem aber eine so große Wandelung vor sich gegangen und der Geist über die engen Grenzen der Oertlichkeiten hinausgewachsen, nachdem ein Jeder sich nicht mehr blos als Glied einer Ortsgemeinde, sondern einer großen über die Erde reichenden Gemeinschaft, als Träger einer welthistorischen Erscheinung fühlt, treten auch ganz andere Bedürfnisse und Forderungen ein. Ein energischer Gemeingeist, wie wir ihn ja auch anderswo herrschen sehen, muß sich innerhalb des Judenthums bilden — nicht für äußerliche Zwecke, nicht blos für Vertheidigung irgend wo verfolgter Juden, selbst nicht blos für Errichtung von Schulen in entfernten Weltgegenden. Wir bedürfen der nach innen gerichteten Wirksamkeit überall, selbst in unsrer nächsten Nähe, um das darniederliegende Interesse für das geistige Judenthum aufzurichten, die vorhandenen Institutionen nicht verkommen zu lassen, kleinere Glieder nicht absterben zu sehen und so den Ver- und Zerfall nicht immer mehr vorschreiten zu lassen. Machen wir das Wort und die Meinung unsrer Gegner wahr im edelsten Sinne und zu den höchsten sittlich religiösen Zielen! Sprechen wir uns hierüber noch näher aus. proudhon und Moses. II.*) Ucber die Sabbathfeier. Wir verfolgen den Gedankengang Proudhon's im zweiten Abschnitt seiner Abhandlung. Moses, meint er, mußte auf Mittel *) Wir bitten im ersten dieser Art. in 9Jr. 22 Folgendes zu verbessern: S. 345 Sp. t Z. 18 v. o. „könne", nicht „können"; Z.23 v. o. „zu berathen"; Z. 20 v. o. „das Swdium allein".—Hierbei wollen wir auch bemerken, wie wir seitdem gefunden, daß Proudhon allerdings die Instit. de Aloise von Salvador gekannt hat, da er einmal eine Stelle daraus citirte.