Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1875)
- Date
- 1875-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Marl 50 Pf. pro Hundert berecknct. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bi» 2</i Bogen. Preis Bierleliädria »Mark. Inserate werden mit 2» Pf. für die Petitzeilc »der deren Raum »rrrchnet. ÄQc Bnchbandlungen, Postämter und Zeitung» - Expeditionen nehme» Bestellungen an. In rcdactionellcn Angelegenheiten wenre man sich «ui I>r. t*. Jlljilippfon in Bonn: dinpckilicd des Bezugs und cer Inier^tean üarmqiirtner'» 6,ubdaudlun« inreiozig. Znlcrote, we>o.>eb:S voriakrrlag cingeben. finden in der larnuffolgendcn vtuuimer Berücksichtigung. 39. Jahrgang. Leipzig, den 1. Juni 1875. JS? 23. Anhalt. Leitende Artikel: Der reckte Weg. — Prondbon und Me'cS. 11. — Lir crari'cker Weck enberi ckt: Bonn. Bom Rheine. — Zeitungsnackrichten: Deutschland: Berlin, Bunstan. BrcSIau. l^rosi < Ltreblitz. <Z?cürl-a!cu). Straßbura. — Oesterreick-Ungarn: Wien, Bon der Donau. Aus Galizien. — Rumänien: Bukarest. — Palästina: 7»erinalern. — Feuilleton: Einige religiös-sittliche Fragen, l. u. ll. — Ein Rabbincrconcilium im Iakrc 1650. — BermückteS. <£cdcudc GLxhbdi. Bonn, den 26. Mai. Der rechte Wey. Wir muffen den rechten Weg uns von unsren Gegnern zeigen lassen. Bekanntlich lernt man ja mehr von seinen Feinden als von seinen Freunden. Wie erst wieder die jüngsten Products des Judenhasses zeigten, setzt man unter den Juden eine engste Verbindung, einen sorgsältig gepflegten Zusammenhang, ein Zusammenwirken für bestimmte Ziele voraus, ja selbst gewissermaßen eine Organisation, in der Alle für Einen und Einer für Alle einsiehen. Wer mit der Wirklichkeit bekannt ist, weiß, daß geradezu das Gegentheil stattfindet und daß zu einer kräftigen Erhaltung des Judenthums nichts mehr Noch thäte, als den jüdischen Gemeinsinn nachhaltig zu wecken und zu nähren. Nicht für politische und sociale Zwecke; denn mit dem Augenblicke, wo die bürgerliche Gleichstellung für die Juden gesetzlich und verwirklicht wird, haben die Juden als Juden keine politische und sociale Aufgabe mehr zu losen; sie haben nur, wie alle anderen Glieder des Staates, pflichttreue Burger und wahrbaste Söhne des Vaterlandes zu sein. Aber für das Judenthum selbst, für dessen Erstarkung und Kräftigung, für dessen Belebung und die Förderung alles dessen, was ihm geistiges, sittliches und religiöses Bedürfniß ist, dafür müßte die Bereinigung, der Zusammenhang, die Solidarität stärker und energischer sein. Die Geschichte zeigt uns die merkwürdige Erscheinung, daß, während die geistige Einbeit in einem beispiellosen Maße bei den Juden vorbanden war, sie auch ebne Mittelpunkt nnd Organisation durch alle Lander bindnrck ebne Sectirerei, obne dogmatilcbe Spaltungen nnd treu dem talmudiscb-rabbinischen Gesetze verblieben, doch im jüdischen Stamme vom Beginne an die Tendenz znm Zerbröckeln vorberrsckend war. Wurden doch schon im Segen Jakobs zwei Stämme unter die übrigen zerstreut: mitten in der Wüste, von fcindlicken Völkerschaften umringt, versuchte Korack, in den Mantel des freisinnigen Demagogen sich bullend, die Volkseinbeit zu zersprengen. Es giebt ein uraltes Lied, in welchem die Stämme bitter verspottet werden, welche während des bedrohlichsten Kampfes um den Bestand des ganzen Volkes stille saßen „zwischen den Biehstätten, um das Flöten der Hirten zu hören", oder „an den Buchten des Meeres ruheten". Von dem Bürgerkriege, der den Stamm Benjamin fast vernichtete, haben wir Kunde. Kaum war eine Eentralgewalt im Königtbnm geschaffen, als nach dem ersten Könige das Volk sich in zwei Reiche theilte, eine Spaltung, welche nach den beiden folgenden Königen bleibend wurde. Die beiden Reiche bekämpften sich mehrere Male: aber sie verbanden sich nicht zur gemeinsamen Abwehr des sie vernichtenden Feindes: Juda saß ruhig, als Israel niedergeschlagen wurde, und erlitt nach etwas über ein Jahrhundert dasselbe Schicksal. Kann: hatten die Hasmonaer sich das Verdienst erworben, das Volk wieder geeinigt und unabhängig gemacht zu haben, als der frevelbaftcfte Bruderkamps unter ihnen entstand, sie die politische Parteiung in das Volk brachten, den Feind in's Land riefen und diesem das römische Joch auflegten. Wenn auch Anfangs gezwungen.