Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1875)
- Date
- 1875-05-25
- Page
- Seite 354 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227037--33556-3303357- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
354 immer so bleiben? Auf dem Friedhofe endlich tritt die jüdische Gemeinde und durch sie das Judenrhum in die öffentliche Erscheinung: soll unsren christlicken Mitbürgern durch den Anblick eines solchen wüsten Zustandes das Judemhum immerfort als mit Unordnung und geschmacklosem Sinne identisch erscheinen? Mögen es daher besonders die Lehrer sich zur Aufgabe stellen, durch Vorstellung und Belehrung auch in der kleinsten Gemeinde eine beffere Besckaffenheit des Friedhofes zu erwirken! Correspouden). Coburg, im Mai 1875. Unsre anmuthige Residenz wird die Perle Thüringens genannt, und Thüringen wiederum eine Perle in der reichen Krone des deutschen Vaterlandes. Doch nicht um der Reize des im üppigsten Frühlingsgrün gebetteten Städtchens willen gestatte ich mir einen Raum in diesem Blatte zu beanspruchen. Vor Kurzem wurde zum ersten Male die jüdische Gemeinde Coburgs der öffentlichen Aufmerksamkeit gewürdigt, und zwar durch alle Zeitungen hindurch, weil der hiesige Magistrat jener eine kleine katholische Kirche, dickt vor dem Thore der Stadt, an welchem die Reihe lieblicher Billen beginnt, zum gottesdienstlichen Gebrauche kostenfrei überließ, nachdem der katholische Cultus seit längerer Zeit darin aufgehört hatte. Mit Recht lobte man allgemein diesen Akt des Freisinns und der Billigkeit, allgemein, wenn auch die pietistifchen und ultramontanen Blätter ihren Zorn reichlich darüber ergossen, und abermals in dieser Thatsache den Beweis des mangelnden Christenthums und der jüdischen Herrschaft erblicken wollten. Aber diese Patrone gehören ja nicht zu dem, was man die Allgemeinheit nennt. Doch auch dieses Factums wegen, das selbstverständlich auch in diesem Blatte berichtet worden, ergriff ich das Wort nicht. Es gilt vielmehr die Geschichte dieser kleinen jüdischen Gemeinde in kurzen Umrissen zu zeichnen, und zwar nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen der eigenthümlichen Umstände, die ihr Entstehen begleiteten, und welche bei der jetzt in Preußen und bald auch in anderen Staaten obschwebenden Frage über die jüdische Gemeindeversaffung von Interesse sind. Unsere Gemeinde entstand nämlich in jüngster Zeit ganz auf dem Boden der Freiwilligkeit, da früher hier keine jüdische Gemeinde vorhanden gewesen und das Ministerium' auf eine gesetzliche Bestimmung über die Gemeindezugehörigkeil und deshalb die Beitragspsticht nicht eingehen wollte. Die Geschichte unsrer Gemeinde hat daher etwas Belehrendes, das es erklärlich machen wird, warum ich hier von ihr spreche. Im Voraus bemerke ich noch, daß ich mich fern von allen Persönlichkeiten halten will — denn Jedermann hat ja seine freie Meinung über religiöse Dinge und sein Verhalten zu ihnen — und ich deshalb auch keinen Namen nenne. Seit dem Anfang dieses Jahrhunderts ungefähr wohnt eeine jüdische Familie hiersclbst auf herzogliche Licenz, welcher sich späterhin zwei oder drei Juden zugesellten, die dann durch Verheirathung ihrer Kinder allmälig an Zahl wuchsen. Aber es war weder Gemeinde, noch Bethaus, noch Friedhof vorhanden. Nur eine Familie besaß eine kleine Begräbnißstätte für sich, aus der sie Niemand weiter bestatten ließ, so daß die Leichen der Begüterten nach anderen Orten gebracht, und die armer Fremder auf dem städtlschen Kirchhof begraben wurden. Dieselbe Familie hatte auch eine Betstube in ihrem Hause, welche sie aber nur Rosch haschanah und Jom Kippur zum Gottesdienst öffnete. Von 1865 an stieg in mehreren zugezogenen Familien das Verlangen nach einer Gemeinde und ihren Anstalten auf; jedoch immer vereitelte sich der Versuch, eine solche zu bilden. Die immer wiederkehrende peinliche Lage, wenn ein Todesfall eingetreten, brachte endlich ihre Wirkung. Im Jahre 1869 kam ein Statut zusammen, dem sich 8 Familien anschloffen, 4 aber den Zutritt verweigerten. Wir schossen sogleich eine Summe von 2oo Thalern zusammen, um ein Stück Land zum Friedhof zu kaufen und cer Regierung schon mit einem s.iit accomplie entgegenzutreten. Aber das Ministerium wollte unser Statut nicht genehmigen, weil §. l. lautete: „Die israelitische Gemeinde besteht aus den in Coburg und dessen Weichbilde wohnenden israel. Religionsgenoffen", da hieraus ein Beitrinszwang erfließe. Wir wissen aber sicher, daß jüdischer Einfluß die Genehmigung des Statuts Hintertrieb, indem man jedes Bedürsniß nach einer Gemeinde verneinte. Wieder vergingen einige Jahre. An der Art, wie in jener Betstube an den beiden Festen der Gottesdienst abgehallen ward, konnte man sich nicht befriedigen, und der Vollzug anderer religiöser Pflichten — ein benachbarter Schächter hatte bis dahin für uns geschlachtet — wurde immer schwieriger; auch hatte sich unsere Zahl fernerhin vermehrt. Im Jahre 1872 wurde deshalb jene oft gescheiterte Bemühung wieder ausgenommen. Berathung aus Berathung fand statt, um endlich die Kopse unter einen Hut zu bringen. Wieder schlossen sich mehrere Familien und zwar die reichsten aus, und schon ihr Einfluß wirkte deprimirend aus Manchen. Doch die Getreuen einigten sich endlich und engagirten sofort einen Lehrer für alle gottesdienstlichen und Unterrichtszwecke und zwar mit gutem Auskommen. Endlich waren die Statuten fertig. Jeder von uns verpflichtete sich zu einem freiwilligen Beitrage und am 23. April 1873 kam das Statut genehmigt zurück, und erhielt die Gemeinde die Rechte einer jurlsttschen Person. Der Grundsatz der Freiwilligkeit ist überall gewahrt. Wir waren eine Gemeinde mit einem für uns und jeden Beitretenden aus Zeit verpflichtenden Gesellschastsvertrage, wir waren es geworden trotz der Jnlriguen, die dagegen gespielt wurden, und von denen ich nicht weiter sprechen will. Die Gemeinde bestand aus 14 Mitgliedern. Die Beschaffung des Friedhofes machte uns noch viele Mühe, bis wir die Erlaubaiß erlangten, und mußten wir hierzu 3000 fl. auf-