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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-05-25 · Heft 22 (25.5.1875) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 22 (25.5.1875)
Date
1875-05-25
Page
Seite 353 (sequence 11)
Language
German
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353 legung der Gräber verwendet wurde, und viele ließen sich ihre Grabmäler schon lange vor ihrem Tode errichten. Die Cntweihuug eines Begräbnißplatzes oder nur eines Grabes wird von den Propheten als eine schwere Strafe für bösen Lebenswandel Allen oder Einzelnen angedroht. Die talmudischen Satzungen betreffen die Unantastbarkeit des Grabes, welches eine Leiche birgt, und der Leichenreste selbst. Ueber die Beschaffenheit des ganzen Friedhofes ist nichts ge- und verboten. Die orthodoxesten Juden können daher selbst an die nörhigen Verbesserungen und an die Herstellung der Ordnung Hand anlegen. Dies ist denn auch wohl schon in den meisten größeren Gemeinden geschehen, und das Bild, welches der Herr Corresondent von den jüdischen Friedhöfen entwirft, paßt nur noch auf viele mittlere und kleinere Gemeinden, was freilich noch sehr zu beklagen ist. Fragen Sie nun warum und wieso gerade bei den Juden dieses Unwesen auf ihren Friedhöfen heimisch war und zum großen Theile noch ist, so fällt die Antwort auf geschichtlichem Boven nicht schwer. Ueberhaupt darf man sich nicht einbilden, daß die christlichen Friedhöfe früher anders gewesen, noch dazu, als die Leichen der Vornehmen und Reichen noch in den Gewölben und Kirchen beigesetzt wurden. Die -würdige und schöne Einrichtung der Kirchhöfe vatirt kaum vom Ende des vorigen Jahrhunderts, und in meiner Kindheit waren z. B. noch die Kirchhöfe in Frankfurt am Main und in Dessau wegen ihrer anziehenden und geschmackvollen Anlagen in Deutschland berühmt, also noch Ausnahmen. Die Ordnung breitete sich nur bei den Christen schnell und allgemein aus, wozu auch schon die knappen Räumlichkeiten nöthigten, bei uns Juden blieb es beim Alten, thetls, weil man Veränderungen nicht liebte, theils, weil man dafür den Sinn noch nicht hatte. Wo sollte aber früher bei unsren Vätern das Bedürfniß nach Ordnung und Regelmäßigkeit kommen? In die engen krummen und schmutzigen Ghetti gebannt, wo die Häuser winkelig, dunkel, höckerig, in wüstem Durcheinander standen, die Familien zusammengedrängt und aufeinandergehäuft waren, Licht und Luft auf's Kärglichste zugemeffen — wie konnten da auch die Friedhöfe anders beschaffen sein? Wie man lebt, will man auch begraben sein, wenigstens kann man nicht verlangen, daß ein anderer Geschmack dafür vorhanden sei. Die mittelalterlichen Städte überhaupt boten kaum einen anderen Anblick. Man drängte sich möglichst zusammen, um den kleineren Raum besser ummauern und vertheidigen zu können. Wer in einer alterthümlichen Stadt sich umzusehen Gelegenheit hatte, der weiß, daß an eine Bauerdn ung nicht gedacht wurde, warum sollte also die Gräberstadt anders beschaffen sein? Für unsre Vater kam nun noch ein anderes Moment hinzu. Jahrhunderte lang war ihnen der Aufenthalt an einem Orte nur kurze Zeiträume gestaltet; sie wurden immer wieder verjag: und verbannt, ihre Synagogen und Friedhöfe confiscirt und zu andern Zwecken entweiht. Da schien es ihnen kaum rathsam, große Opfer auf Ummauerung zu verwenden, und angemessene Einrichtungen consequent durchzuführen, konnte ihnen nicht in den Sinn kommen. Allerdings fanden auch einige positive Ursachen statt. Man hatte begonnen bei der Bestattung Unterschiede zu machen. Die Gelehrten und Frommen*), später drängten sich auch die Reichen hinein, und hatten durch Wohlthätigkeit einigen Anspruch darauf, sollten in den ersten Reihen begraben werden; auch die weniger hierzu Berechtigten strebten nach einer Stelle wenigstens in der Mitte des Friedhofes; die Unbedeutenden und Armen streute man dann natürlich auf die unteren Stellen aus. So war die Unordnung da; an eine Reihenfolge war nicht zu denken; es gab leere Stellen mitten unter den besetzten, und wen man ehren wollte, zwängte man später noch in irgend einen Fleck mitten unter den alten Gräbern hinein. Endlich will ich auch das nicht übergehen, was mitwirkte: der in den Juden so stark vorhandene Unabhängigkeitstrieb, der sich, wo nicht eine alte Vorschrift vorhanden, ungern einer Regel unterwirft und immer wieder Ausnahmen für den Einzelnen machen will; weshalb es großer Wachsamkeit bedarf, die Unordnung nicht wieder einreißen zu lassen, wo sie bereits beseitigt worden. Hat man sich aber erst an solche Unordnung gewöhnt, ist sie mit der Sache selbst identisch geworden, woher sollte das Bevürfniß kommen, Gestrüpp und Unkraut wegzuräumen, wo es so naturgemäß wuchert, und die Gräber klar und reinlich zu legen? Hier aber noch rpn entgegenzustellen, kann nur dem Einfältigen und Unwissenden beikommen. Lange bevor es noch christliche und mohammedanische Friedhöfe gab, hatten unsre Väter sogar prächtig ausgestatrete Gräberfelder, und die Trümmer der sogenannten Königsgräber bei Jerusalem zeugen von der Sorgfalt, dem Geschmack und Reichthum, welche auf die Bestattung der Todten verwendet wurden. Man gelangt hier in große Leichenkammern, welche zum Theil in Felsen eingehanen waren, und in denen nicht bloß architektonischer Schmuck, sondern auch die größte Ordnung und Symmetrie vorherrschten. So wenig aber, wie wir heutzutage und zwar auch die orthodoxesten unter uns an Kleidung, Hausgerächen u. dgl. uns von unsren Mitbürgern unterscheiden, ohne einen Anstoß im a^art rpn zu finden, ebenso wenig kann dies die Ordnung und Würdigkeit auf unsren Friedhöfen zurückhalten. Unzweifelhaft ist es daher eine der dringendsten Pflichten jeder Gemeinde, auf ihrem Friedhose Ordnung für das Ganze und eine anständige Beschaffenheit für jedes einzelne Grab herzustellen. Es wird dies bisweilen auf einem alteren Friedhofe schwierig sein; aber einmal muß doch der Anfang gemacht werden. Es sind jetzt Biele unter uns, welchen ein solcher unwürdiger Zustand die widerstrebendsten Empfindungen einflößt, soll diesen um der Geschmacklosigkeit und der Vorurtheile der Unwissenden willen kein Genüge geschehen? Durch solchen Anblick wird unsrer heutigen Jugend jede jüdische Institution verächtlich: soll dies ') Einen Anhalt hierzu gab die Borschrist Zor. Deah S<°.2 § *>• 22*

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