Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1875)
- Date
- 1875-05-25
- Page
- Seite 352 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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352 ernste Untersuchung Hervorrufen, und wenn diese die angeführten Mißhandlungen erweist, werden sicherlich die Leiden unserer Glaubensgenoffen (es handelt sich um mehr als 10,000 Seelen) bald einige Linderung erfahren." Der Abdruck der Note geschieht durch uns nur unter dem Vorbehalte authentischer Beweise für die angeführten Thalsachen. Es widerstrebt uns zu glauben, daß die aufgeklärte Regierung der hohen Pforte solche Miffethaten geschehen laßt und sind überzeugt, daß Sie uns Dank wissen wird, wenn wir sie ihr bezeichnen. Uebrigens giebt es in Mesopotamien europäische Consuln und zu Diarbekir selbst wurde vor drei oder vier Jahren eine sorgfältige Untersuchung angestellt in Folge der frechen Bekehrungsversuche, die sich die amerikanischen Missionäre erlaubt hatten. Der mit dieser Enquöte beauftragte Commiffar war Niemand anders als der gegenwärtige türkische Gesandte zu Paris, Ali- Pascha. deffen hohe Gesinnungen und sehr liberalen Charakter Jedermann kennt; diese Untersuchung in Verbindung mit den Consuln, dem Haupte der Katholiken und dem Chacham-Baschi der Israeliten geführt, schlug zur Ehre der türkischen Herrschaft aus. Wir meinen also, daß die hier oben gemachten Angaben durch das unparteiische Zeugniß eines autorisirten Mitgliedes der morgenländischen Diplomatie bestätigt werden müffen, um Glauben zu verdienen. (Diarbekir ist eine beträchtliche Handelsstadt mit Kupfer- und Lederfabrikation, hat über 40,000 Einwohner und liegt an den Quellen des Tigris.» Feuilleton. Die jüdischen Friedhöfe. Wir erhalten folgende Zuschrift: Aus W., 9. Mai. Herr Redacteur! Durch ihren Artikel IV. Religiöses Gefühl — Schwärmerei — Aberglaube, haben Sie in Bezug auf das jüdische Begräbnißwesen oder vielmehr Unwesen durch die Sätze: „Allerdings verhinderte dies nicht, äußerliche Unordnung und Vernachlässigung einreißen zu lassen, weil es dem jüdischen Publicum in ver Zeit mangelnder Bildung an Sinn und Geschmack fehlte. Die jüdischen Gottesacker, wie die Leichenbegängnisse, zeigten und zeigen noch immer an vielen Orten das Bild der Unordnung und Verwahrlosung," einen Gedanken in mir angeregt, den ich schon öfter zum Ausdruck, beziehungsweise in Ihrer geschätzten Zeitung zur Sprache bringen wollte. — Warum, so fragte ich mich bei jedem vorkommenden traurigen Anlässe, bieten die Grabhügel auf dem jüdischen Friedhose meist ein Bild der Unordnung, der Verwüstung, daß, wenn nicht irgend ein Denkstein die Lage des theuren Heimgegangenen meldete, man sich schwerlich in diesem Chaos zurechtfinden könnte? Gestrüpp und wucherndes Unkraut verwischen mit der Zeit fast jede Spur der eingesunkenen Hügel; nicht selten, daß sogar um manche Begräbnißplätze jede schützende Umfriedigung fehlt, wodurch dem Unfug von selbst Thür und Thor geöffnet ist. Betritt mau dagegen einen christlichen Gottesacker, selbst der kleinsten und ärmsten Gemeinde, welche Ordnung, Sauberkeit, abgesehen von den mit Blumen und Kränzen geschmückten Gräbern, ist da vorherrschend und berührt wirklich wohlthuend Auge und Herz des Besuchers! — Verbietet nun etwa das biblische oder talmudische Gesetz die sorgfältige Pflege der Gräber? Ist es etwa Mangel an Pietät, die doch wahrlich dem jüdischen Gemüthe gegen seine Tobten nicht zum Vorwurfe gemacht werden kann, oder das hier unbegründete Voruriheil vor dem -rsr: npn, oder treibt hier der Aberglaube auch sein Spiel? Ist auch der Gegenstand ein rein äußerlicher, das Wesen des Judenthums innerlich nicht berührender, so denke ich doch, daß eine eingehende Besprechung mit einer gründlichen Widerlegung der dieser Unsitte entgegenstehenden Bedenken von Ihrer gewiegten Feder wohl der Muhe werth und zeitgemäß wäre. Ihrem gütigen Ermessen das Weitere anheimgebend zeichnet ff. Om. Innerhalb unserer Glaubensgenossenschaft ist man durch Talmud und Rabbinen so sehr gewöhnt, alles Thun und Lassen, noch dazu was irgend die Religion berührt, durch bestimmte Satzungen vorgeschrieben und verordnet zu sehen, daß man auch dasjenige, was sich nur herkömmlich mit der Zeit gemacht hat, einer gesetzlichen Bestimmung unterworfen meint, und deshalb nach dem bettefienden Ge- oder Verbote ftägt. Dies hat den Nachtheil, daß bei der großen Masse Alles durch Gesetz geheiligt erscheint, so mißbräuchlich es auch sei, wenn es nur seit Väter Gedenken so gehandhabt worden. Ich meine hier nicht, was an einzelnen Orten zum Gebrauch (Minhag) geworden, und dem man nach einem bekannten Ausspruch die Heiligkeit der Thora verleihen wollte — sondern Zu- und Uebelstäude, die sich über ganze Länder, ja überall hin bei uns verbreitet haben. Hierhin gehört die Unordnung und Vernachlässigung der jüdischen Friedhöfe. Borauszusetzen, daß diese, uns so betrübende Erscheinung durch biblische und talmudische Vorschriften geboten sei, heißt diesen doch eine Schmach anthun. Aber — leugnen wollen wir nicht, daß die unwissende Menge vermeint, jene sei durch diese geboten, und leider! findet sie nichts darin, so wenig wie sie in Unordnung und Tumult beim Gottesdienste etwas fand und Geschwätz Geschrei, beständiges Hinein- und Hinauslaufen nicht für gesetzlich verboten erachtete, obschon dies geradezu durch Aussprüche unsrer Weisen untersagt war. In der heiligen Schrift läßt sich wiederholt die äußerste Sorgfalt Nachweisen, welche auf die An-