Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1875)
- Date
- 1875-05-25
- Page
- Seite 350 (sequence 8)
- Language
- German
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seinen baldigen Tod glauben mag. ist, in der Voraussetzung, daß sein Leichnam auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe eine Ruhestätte nicht finden möchte, mit verschiedenen Vorständen israelitischer Gemeinden der Umgegend wegen Erwerbung einer Grabstätte in Verhandlung getreten, aber überall in anerkennenswerther Weise, weil man einem solchen Verfahren keinen Vorschub leisten mag, abschläglich beschieven worden; man zweifelt nicht, daß die Mittheilung dieses Falles auch entfernter von Frankfurt am Main liegenden Gemeinden, veranlaßen wird, dem Exjuden Steffens die Erwerbung einer Grabstätte auf ihrem Friedhöfe zu versagen. Oesterreich - Ungarn. Lemberg, 12. Mai. i Privatmitth.) In der hiesigen Gemeinde hat sich ein harter Kamps entfPvnnen, der freilich als Perfonenfrage auftritt, aber im Grunde die beiden entgegenstehenden Parteien in ihren Principien gegeneinanderführt. Es handelt sich um die Besetzung des hiesigen Rabbinats, und die Orthodoxen haben sich hierzu ihr Oberhaupt Hirsch Ornstein ausersehen. Diese Persönlichkeit aber ist allen für Bildung und Fortschritt Gesinnten am widerwärtigsten, sowohl, weil Ornstein stets an der Spitze derer stand, welche die Gründung deuffcher Schulen mit allen Mitteln hintertrieben und die Errichtung jeder modernen Gemeindeinstimtion unmöglich zu machen suchten, als auch, weil sich an ihn Erinnerungen traurigster Art knüpfen. Es ist möglich, daß in dem Wahlakte der Genannte die Mehrheit erlangt. Dann wird aber die hiesige deutsche Partei ihre nachdrücklichen Einwendungen bei rem Cultusministerium Vorbringen und hoffentlich nicht ohne Erfolg. Wir hegen hier nicht een Glauben, als ob es gelingen würde, einen wissenschaftlich gebildeten Mann in das hiesige Rabbinat zu bringen. Davon sind die hiesigen Juden noch allzuweit entfernt. Aber es ist doch ein großer Unterschied, ob ein leidenschaftlicher Zelot oder ein duldsamer Strenggläubiger das Seelsorgeramt erhält. Man sage nicht, daß es für die Gesammtheit doch ziemlich gleichgiltig sei, wer in irgend einer Localität zum Rabbiner gewählt werde, oder daß, wenn die Mehrheit in der Gemeinde es nicht anders haben wolle, sie es auch so behalten möge. In andern Ländern, wo die Zustände entwickelt und gesichert sind, mag eine solche Passivität nicht so viel zu bedeuten haben, weil dadurch wenigstens jeder erbitterte Streit vermieden wird. In Galizien ist es anders. Seit einem halben Jahrhundert gahrt es in der hiesigen Judenschaft und kann nicht zu irgend welcher Gestaltung kommen. Alles liegt darnieder. Alles ist verkommen und entartet immer mehr. Statt sich zu erheben und auf dem Boden der bürgerlichen Freiheit zu Gesittung und Bildung zu gelangen, greift unter dem zelotischen Eifer der politischen Parteien die Zersetzung immer mehr Platz. Da ist es allerdings eine Gefahr, wenn sich immer von Neuem Centren des mittelalterlichen Geistes bilden, von welchen aus rückwärts, statt vorwärts getrieben wird, Stützen und Säulen aufgerichtet werden, um die Ruinen noch immer aufrecht zu erhalten, die den fruchtbaren Boden bedecken und keine frische Saat aussprießen lasten. Von solchen Zuständen hat nicht bloß Galizien, sondern haben auch die Nachbarprovinzen des Staates die Wirkungen zu tragen. Rackb, im Mai. (Privatmitth.) Am 3. d. M. fand hier, wie „Raple," berichtet, eine sehr erregte städtische Generalversammlung statt. Die hiesigen orthodoxen Juden petitionirten nämlich an das Handelsministerium um Verlegung des Raaber Samstag - Wochenmarktes auf Freitag. Die Angelegenheit war einmal bereits von der städischen Behörde verhandelt worden, jedoch abschlägig beschieven, während die Oerenburger Handels- und Gewerbekammer dastelbe unterstützt. Das Handelsministerium hat nun in einem vom Staatssecretär Ed. Horn Unterzeichneten Erlaße „dem Gesuch der orthodoxen Juden beizustimmen befunden, weil der Handel des Raaber Platzes und besonders des Raaber Eomitats überwiegend in den Händen der israelitischen Bevölkerung liege." Dieser Erlaß kam nun in der am 3. d. M. abgehaltenen städtischen Generalversammlung zur Verhandlung und wurde nach einer langen, erregten Debatte einstimmig beschlosten, das Gesuch der orthodoxen Juden abzulehnen. „Naplo" giebt der Ansicht Ausdruck, die Regierung müste in solchen Angelegenheiten das Selbstbestimmungsrecht des Municipiums achten. Nur ist es sonderbar und wohl auch nicht zufällig, daß gerade Herr Horn, der frühere Reformprediger, der den Sabbath auf den Sonntag verlegte, und jetzige confessionslose Staatssecretär, den, den Orthodoxen beistimmenden ministeriellen Erlaß unterzeichnet hat. Frankreich. Pariö, 15. April. (Arch. isr.) Zwei bedeutende Beförderungen israelitischer Staatsbeamten haben wir heute zu verzeichnen. Herr Marx-Picard (von Nancy), bisher Oberingenieur der Brücken und Straßen im Departement Seine und Marne, ist zum Generalinspector der Brücken und Straßen ernannt worden. Er ist der erste Israelit, der zu dieser hohen Function in diesem Berwaltungszweige befördert worden. Herr Gustave Bedarrives wurde erster Generaladvocat am Cassativnshose. Er verdankt diese Erhebung zu einem der höchsten juridischen Posten keinem politischen Grunde, sondern seiner langen verdienstvollen Laufbahn, der Reinheit seines Charakters und seinen umfassenden rechtswistenschaftlichen Kenntnissen. Mit Vergnügen bemerken wir hierbei, daß Herr Bedarrives sich stets mit edlem Eifer auch für die Angelegenheiten seiner Glaubensgenossen interessirt hat. Er war früher Mitglied des Consistoriums von Marseille, gehört jetzt noch dem Centralconsistorium an, sowie dem Comit« der Alliance. — Die Erbauung der beiden neuen Tempel, deren Kosten zur Hälfte von der Stadt, zur Hälfte von der