Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1875)
- Date
- 1875-05-25
- Page
- Seite 345 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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345 liches Symbol, welcher Philosoph, welcher Gesetzgeber hätte ähnliche Kategorien ausgestellt und diesen Rahmen so auszusullen gewußt! Suchet unter allen Pflichten des Menschen und des Bürgers irgend etwas, was sich hierauf nicht zurückführen ließe, Ihr werdet es nicht finden. Im Gegentheil. wenn Ihr mir eine einzige Vorschrift, eine einzige Verpflichtung zeigtet, die in diese Gebote nicht einzufügen wäre, so bin ich gewiß, diese Verpflichtung. diese Vorschrift außerhalb des Gewissens, folglich willkürlich, ungerecht, unsittlich erklären zu müffen. Man hat alle Formen der Bewunderung und der Lobeserhebung hinsichtlich der Kategorien des Aristoteles erschöpft; von den Kategorien Moses hat man kein Wort gesprochen. Ich mag eine Vergleichung nicht an stellen. Gestutzt auf die feste Grundlage, erhebt sich das Werk Moses, wie eine Schöpfung Gottes: Einheit und Einfachheit in den Principien, Mannichfaltigkeit und Reichthum in den Details." Wenn Rousieau feste und periodische Versammlungen des Volkes verlangt, welche nichts abschaffen und aufschieben können, fährt Pr. fort, „wenn dies Rousieau verlangt zu dem einzigen Zwecke, um das Volk zu zwingen, sich von Zeit zu Zeit in dem Glanze seiner Majestät zu zeigen, und seine Souveränität zu erweisen, so befahl es Moses, nicht um eine berathende Versammlung zu vereinigen, worüber hätte man berathen? kein Recht wieder in Besitz zu nehmen, kein Vorrecht zu zerstören: alle öffentliche oder private Handlungen sollten sich auf Grund der constituirenden Principien und durch eine Art casuistifcher Algebra vollziehen. Das Wunder der modernen Zeiten, die Abstimmung durch Aufstehen und Sitzenbleiben über Fragen, die durch die Wisicnschaft und das Studium gelöst werden können,die Herrschaft der Majoritäten, würde damals vollständig absurd erschienen sein. Die Gesetze, wie die Institutionen, gegründet auf die Beobachtung der Natur und abgeleitet von den sittlichen Erscheinungen, wie es die Formeln der Physik von den körperlichen Erscheinungen sind, waren unveränderlich, und Todesstrafe traf den, der ihre Veränderung oder Abschaffung vcrgeschlagen hätte. Für außerordentliche Fälle versammelten sich die Alten von selbst auf dem öffentlichen Platze: man wartete nicht auf den Sabbaih. Die Regierung der Hebräer war nicht, wie Einige erdacht haben, eine Demokratie nach Art des Contrat social, noch weniger eine Theokratie im Sinne der Regierung der Priester. Moses, als er seine Republik gründete und das Volk schwören ließ, dem „Bunde" treu zu sein, hatte fein Werk nicht dem Urtheil der Menge unterworfen: das Recht an sich, das unbedingte Wahre kann der Gegenstand weder einer Annahme noch eines Vertrages sein. Frei, auf seine Gefahr, der Stimme seines Gewisiens zu gehorchen, war der Mensch nicht berufen» mit diesem zu verhandeln: so war das jüdffche Volk dem Gesetze unterworfen." — „Was also Moses wollte für seine junge Nation, das waren weder Comitien, noch Maifelder: das waren weder Versamm» langen noch Jahrmärkte, das war nicht allein die Einheit der Regierung, noch die Gemeinsamkeit der Gebräuche: alles dies ist eher Folge als Princip; es ist das Zeichen, nicht die Sache. Was er zu schaffen wünschte in seinem Volke, das war eine Gemeinsamkeit von Liebe und Glauben, eine Verschmelzung der Geister und Herzen, wenn ich so sagen darf; das war das unsichtbare Band, stärker als alle materiellen Intereffen, welches unter den Seelen die Liebe deffelben Vaterlandes, der Cultus desielben Gottes, dieselben Bedingungen des häuslichen Glückes, die Soltdarität der Geschicke, dieselben Erinnerungen, dieselben Hoffnungen bilden. Er wollte, mit einem Worte, nicht eine Ansammlung von Individuen, sondern eine wahrhaft brüderliche Gesellschaft." Zu diesem Zwecke wurden nach Proudhon der Sabbath und die Feste gegründet, um sowohl eine Erinnerung als auch ein Palladium der Befteiung zu sein. Denn dieser Sabbath war die Krönung und die Basis des ganzen Systems von Gesetzen und Institutionen. Der Sabbath, indem er die rauhen Arbeiten einer fast ganz ackerbauenden Bevölkerung unterbrach, und die Geister durch die Annäherung der Personen in Berührung brachte, ein Tag der öffentlichen Erhebung, der Volksunlerweisung, hielt den Betrieb der materiellen Intereffen auf und richtete den Geist auf einen edleren Gegenstand, milderte die Sitten durch den Reiz einer Ruhe, die nicht unfruchtbar war. erregte etn gegenseitiges Wohlwollen, entwickelte den nationalen Charatter, machte den Reichen freigebiger, erhob den Armen, entzündete die Liebe zum Vaterlande in allen Herzen." Pr. hatte hier ganz den Sinn desien im Auge, was an- «-tp-o bedeuten sollte, und Niemand wird seine Schilderung übertrieben finden, selbst wer nur noch die Wirkungen des Sabbaths im Leben unsrer Väter zu beobachten Gelegenheit gehabt. — Als Wirkungen des Sabbaths bezeichnet Pr. zuerst die Unterweisung des Volkes. Jedermann in Israel sollte das Gesetzbuch lesen und darin forschen. Am Sabbath hat der Israelit hierzu Zeit und fand er darüber in der Synagoge Belehrung. So wurde das ganze Volk in der Religion unterrichtet, die Religion war aber unsrem Ausdruck nach die Kenntniß der Regierung, das politische und bürgerliche Recht, die Kenntniß der Pflichten, das Princip der Autoritär, die Verpflichtung des Gehorsams, die Bedingungen der Ordnung und des Gleichgewichts, die Bürgschaft der Freiheit, die Blutsverwandtschaft Aller. Waren die Ceremonien der Synagoge am Sabbath beendet, so versammelten sich die Väter und Alten an den Thoren der Stadt, wo sie über alle sie berührenden Angelegenheiten Unterhaltung pflogen; die Jugend überließ sich den Spielen aller Art, deren Spuren man auch in der h. Schrift finket. Den kleinlich strengen Sabbaih findet man erst nach der Rückkehr aus Babel, nachdem, wie Pr. sagt, die Größe und Einfachheit des israelitischen Genius der Spitzfindigkeit der Rabbinen Platz gemacht. Hier macht Pr. noch einige allgemeine Bemerkungen, die wir nicht übergehen wollen. Wenn, meint er, das Volk sich am Sabbath versammelte, so geschah es nicht, was die Regierung betrifft, um Gesetze zu machen und über irgend etwas abzu-