Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1875)
- Date
- 1875-05-25
- Page
- Seite 344 (sequence 2)
- Language
- German
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344 anzupaffen, so daß er spater von den Rochen abtrünnig gescholten wurde. Von dem ganzen socialistifchen Schwall der Franzosen werden daher die Schriften Proudhon's allein einen dauernden Platz behaupten, noch dazu, da der Wahrheit feiner Empfindungen und der Scharfe seiner Gedanken sich eine Sprache voll Reiz und Energie zugleich gesellt. Mit allem diesem jedoch haben wir uns hier nicht zu beschäftigen, sondern mit seinen Gedanken über die Sabbathfeier, und wir gestehen, daß wir die Besprechung derselben nicht ohne eine Beziehung auf die gegenwärtigen Zustande unternehmen. Die Abhandlung ward durch eine PreisaofgaLe der Akademie von Besaneon veranlaßt und erhielt in der Sitzung vom 24. August 1839 die Medaille. In der später geschriebenen Vorrede setzt Proudhon auseinander, daß Moses im Sabbath den Gipfelpunkt seines ganzen Systems in ökonomischer und moralischer Beziehung wählte, um durch dieses fühlbare und mächtige Zeichen die Israeliten immerfort zu den Gefühlen der Nationalität, der Brüderlichkeit und der Einigkeit, ohne welche jede spätere Entwickelung unmöglich gewesen, zurückzurufeu. „Der Sabbath war wie das Feld der Bereinigung, wohin fich im Geiste alle Hebräer am Ende jeder Woche versetzen sollten. Las Denkmal, welches ihre politische Existenz, das Band, das alle ihre Institutionen umschlang, ausdrückte. Oeffentliches und bürgerliches Recht, Ortsverwalruug, Erziehung, Regierung, Cultus, Sitten, Gesundheitspflege, Familienbande, Freiheit, öffemliche Ordnung, alle diese Dinge setzte der Sabbath voraus, stärkte sie und brachte die Harmonie derselben hervor." „Sicherlich dachte Moses weder an Katholiken noch an Protestanten; indeffen war die Kraft dieser Jnstiwtion eine solche, daß sie von den Juden zu den Christen und Mohammedanern überging, daß sie sich von diesen über den ganzen Erdball verbreitete, daß sie alle Religionen überleben wird, in ihrem weiten Schooße die vorgeschichtlichen Zeiten und die noch fernsten Zeitalter umfaffend." — Er bemerkt hierbei, daß man nicht sagen könne, was eigentlich die Eintheilung in Wochen habe treffen laffen? Uns scheint der Gedanke dieser Eintheilung nahe zu liegen. Der Umlauf der Erve um die Sonne ergiebt das Jahr; der Umlauf des Mondes um die Erde ergiebt die natürliche Eincheilung des Jahres in Monate, und die vier Phasen des Mouves in seinem Umlauf <28 Tage) ergeben vier Wochen. Aus der kurzen Einleitung heben wir folgende Stelle hervor: „Es handelt sich darum, einzudringen in den Geist, die Beweggründe und den Zweck dieses Gesetzes oder beffer zu sagen, dieser Institution, welche Moses und die Propheten stets als fundamental betrachteten, und von der man nichts Aehnliches bei allen Völkern findet, die eine geschriebene Gesetzgebung gehabt haben; einer Institution, von der die berühmtesten Kritiker Grotius, Cunöus, Spencer, vom Calmet, der Abb6 de Bence, der Pater Berruyer, Bergier u. s. w. die ganze Tragweite nicht begriffen haben, von der Montesquieu nicht gesprochen, weil er sie nicht verstand, welche I. I. Rouffeau gefühlt zu haben scheint, obschon sein Gedanke noch fern davon war; einer Institution endlich, deren Höhe unser moderner Genius mit allen seinen Theorien über das politische und bürgerliche Recht, mit seinen raffinirten Berfaffungen, mit seinen Phrasen von Freiheit und Gleichheit niemals erreicht hat." — Zunächst findet Proudhon im Sabbath ein bürgerliches, häusliches, sittliches und gesundheitliches Moment, das er zuvörderst besprechen will. Zu verwundern ist es, daß Proudhon die bereits 1828 in zweiter Auflage erschienene Uistoire des lvstitutions de Moise et du peuple h6breux von I. Salvador nicht gekannt hat, sonst würde er es doch nicht mit so scharfen Worten gerügt haben, daß man die Gesetze Mosis als ein Ganzes in ihrem Zusammenhang, in dem Berhältaiß aller Theile zu einander noch niemals nachgewiesen habe, während man z. B. die lleinlichsten Forschungen über die Gesetzgebung des Lykurgus angestellt habe. Er erklärt dies theils aus der vorherrschenden rabbinischen Ansicht, daß man den Gesetzen als Aussprüchen Gottes gehorchen müffe, ohne Grund und Zweck derselben nachzuforschen — es ist bekannt, baß dies im Judenthume nur theilweise obherrschte, und z. B. Maimonides im III. Th. seines More Nebuchim sehr wohl in die riiaca "Tara einging — theils weil Moses eine dialectische und systematische Darstellung nicht beabsichtigt hat, so daß allerdings in der vorliegenden Redaction kein sorgfältiger Zusammenhang der einzelnen Gesetze vorhanden ist. Aber, meint er, man dürfe sich nicht einbilden, daß er nicht einen festen Plan in der Gesetzgebung beobachtet, und seinem Geiste nicht unaufhörlich rer Grundgedanke des einfachsten und herrlichsten Planes vorgeschwebt habe. Proudhon sieht die Zehnworte als den zusammengefaßten Ausdruck und die allgemeinste Formel der gesammten Maffe von Gesetzen im Pentateuch an. Er stellt den Jdeengang der Zehnworte folgendermaßen dar: Gebote. Verbrechen u. Vergehen. Tugenden u. Pflichten. 3. u. 4. 1. Gottlosigkeit. 1. Religion, Vaterland. 5. 2. Batermord. 2. Kindliche Liebe, Gehorsam, Ordnung. 6. 3. Mord, Verwundung ff. 3. Nächstenliebe, Menschlichkeit. 7. 4. Ausschweifung. 4. Keuschheit, Schamhaftigkeit. 8. 5. Diebstahl, Raub. 5. Gleichheit, Gerechtigkeit. 9. 6. Lüge, Meineid. 6. Wahrhaftigkeit, Vertrauen. 10. 7. Böse Begierde. 7. Reinheit des Herzens. (Vgl. unsren Commentar zu 2 Mos. 20, und daran sich anschließend zu Cap. 21. Pr. theilt die Gebote nach dem hebr. Texte, wie es bei den Juden geschieht, ab. Er findet in der Zahl, wie in der Reihenfolge der Gebote „nichts Zufälliges, sondern die Entstehungsfolge der moralischen Erscheinungen, die Leiter der Pflichten und der Verbrechen, gegründet auf eine wunderbar entwickelte Analyse."» Da ruft er aus: „Welch' Herr-