Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1875)
- Date
- 1875-05-18
- Page
- Seite 338 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227036--33539-3303339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
338 werden. Herz giebt so recht die factrsche Widerlegung aller solcher Schmähungen, und hierauf wollen wir aufmerksam gemacht Der Bericht lautet: „Sofort nach dem Hinscheiden des in den weitesten Kreisen hochgeschätzten und verehrten Professors Dr. Herz hatte sich ein Comitö gebildet, welches einen Aufruf zu Beiträgen für ein dem Verlebten zu errichtendes Denkmal, sowie für eine sein Andenken ehrende Stipendienstiftung erließ. Der Aufruf fand regsten Wiederhall, und reichlich stoffen die Gaben aus allen Gegenden, namentlich auch von jenseits des Oceans. Mit der Modellirung des Denkmals beauftragte das Comitö den Bildhauer Prof. Zumbusch, der Guß wurde, nachdem der Künstler die ihm gestellte Aufgabe meisterhaft gelöst, der Lenz'scheu Eisengießerei in Nürnberg übertragen. Heute Vormittag nun fand die feierliche Enthüllung statt. Bereits in den Morgenstunden halten die Bahnzüge dichte Schaaren von Festgästen gebracht, so daß in den sonst so stillen Straßen der Stadt ein ungewohntes reges Leben herrschte.*) 'Um t0 Uhr setzte sich der Festzug in Bewegung, in deffen Mitte wir einen Vertreter der Staatsregierung, Herrn Ministerialrath Volk, einen Vertreter der -!reisregierung, Herrn Medicinalrath Dr. Marlins, Deputationen der Gemeindekörperschaften von Bamberg, Beyreuth, Fürth, Nürnberg, Vertreter der Universitäten München, Würzburg, Erlangen, die hiesigen Militär- und Eivilbehörden, die Studentenschaft (die Chargirten der Verbindungen in „vollem Wichs") u. s. w. erblickten. Die Straßen, durch welche der stattliche Zug sich bewegte, waren festlich geschmückt, und eine zahllose Menschenmenge bildete förmlich Spalier. An dem Standorte des Denkmales — dem Holzmarkt — angelangt, gruppirten sich die Festtheilnehmer um das noch verhüllte Monument, und nachdem die mitwirkenden Sängervereine den Chor: „O Schutzgeist alles Guten" vorgetragen, bestieg das Comitömitglied, Herr Profcffor Nr. v. Brinz aus München, die Rednerbühne, um die Festrede zu halten. 2m Eingänge berührte der Redner mit kurzen Worten den Entwicklungsgang des heute Gefeierten, der vor 40 Jahren als ärmlich gekleideter Jüngling in Erlangen einzog.**) Einfach, gleich dem antiken Drama war sein Lebensgang, und erst nach seinem Tore erkannte man, daß ein tief bewegtes und tief bewegendes Leben abgeschloffen. Ein Leichenzug, wie Erlangen noch keinen gesehen, geleitete trotz der geöffneten Schleusen des Himmels den Hingeschiedenen zu der fernen Ruhestätte. Herz war aber auch von ungewöhnlicher geistiger Begabung, und er hatte das Material zu einem Literator ersten Ranges in sich. Zn jungen Jahren literarisch thälig, gelangte er aber nicht zur vollen Enfaltung seiner literarischen Thätigkeit. Herz's Leben war eben eine Transaction einander gegenüberstehender Factoren, und da konute *) Wir haben dem verehrt. Fcstcomit«- für die uns erwiesene Ehre der Einladung zu der Euthüllungsfeier zu danken. Es war uns nicht möglich, derselben beizuwohnen. Redact. d. A. Z. d. I. '**) S. den Nekrolog in Nr. 44, 2ahrg. 1871, S. 89 t ss. er sich dem Triebe der Forschung nicht einseitig hingeben. Als Lehrer hatte dagegen Herz Gelegenheit, seine hohe geistige Begabung in vollstem Maße auszugestalten: die Lebendigkeit seines Vortrags, die klare Auseinandersetzung feffelte die Hörer an die Lippen des Vortragenden. Wohl sollte man denken, daß Mißerfolge auf das Gemüth des Verstorbenen eingewirkt hätten: wurde ihm doch erst im 47. Lebensjahre eine Stellung zu Theil, die sein Talent längst verdient hatte, wurde er doch erst im 22. Jahre seiner akademischen Thätigkeit, drei Jahre vor seinem Tode, zum ordentlichen Professor ernannt. Doch all diese bitteren Erfahrungen konnten ihn nicht beugen; er betrachtete dieselben als letzte Ausläufer einer von seiner Person unabhängigen socialpolitischen Phase, vie zu antiquiren er berufen war. Fragt man nun: wäre es Herz möglich gewesen, sich ausschließlich dem Studirzimmer zu widmen und sich dem Krankenbette zu entziehen? so muß man mit „Nein" antworten. Herz war nicht bloß Docent, er war auch Arzt. Ob reich oder arm, ob vornehm oder gering, mit gleicher Sorgfalt widmete er dem Kranken seine Thätigkeit. Mit Hintansetzung seines Interesses, ja seines glänzenderen Nachruhmes, gab er sich dem Berufe des Arztes hin. AllwärtS begehrt, lag hierin für ihn eine Quelle des Reichthums — er hat nur wenig daraus geschöpft; die Welt lag ihm offen — er blieb in Erlangen. Forscht man nun nach den Motiven dieser Uneigennützigkeit und Seßhaftigkeit, so kann man fragen: Hat Herz der Welt beweisen wollen, daß man, ohne Christ zu sein, in Verfolgung höherer Zwecke nicht nach schnödem Mammon jage? Wenn dieses Motiv die Richtschnur des Verblichenen gewesen wäre, dann hätte in seinem Handeln ein heroisch-antiker^) Charakter gelegen, der, persönliche Interessen opfernd, für das Ganze sich hingab. Dann würde aber dieses Denkmal nur von Juden errichtet werden, es würden nicht Christen und Juden sich hieran betheiligt haben. Mit Sicherheit ist jedoch die Unrichtigkeit des angegebenen Motives anzunehmen, die Tugend der Selbstlosigkeit schien eben in Herz vollständig zu leben. Geld nahm er, weil er mußte, Hilfe gab er, weil er wollte.**) Redner schiderte noch in beredten Worten die Güte, Gerechtigkeit und *) Warum „heroisch-antiker"? Wenn nun einmal nicht „heroischchristlich", warum nicht „heroisch-jüdisch"? Her; war Jude, litt ats Jude, erhielt sich seinen edlen Sinn ats Jude trotz alles Druckes, den mau ihm als Juden auferlegtc — wo ist da etwas Anderes als jüdisch? wo soll hier das „Antike" Herkommen? Ist man denn bei voller Aorurthcilslosigkeit doch nicht im Stande, dem Juden sein Recht;n gewähren? Redactioin **) Ist dies nicht eine sonderbare Psychologie? Her; soll uneigennützig gewesen sein, nicht um;n beweisen, daß der Jude auch uneigennützig sein könne, sondern in seiner Selbstlosigkeit. Nun, wenn der Jude Her; selbstlos war, so beweist er doch, daß der Jude, gerade wie der Christ, selbstlos sein kann und ist, hat also das dennoch bewiesen, ohne jenen besonderen Zweck im Auge gehabt zu haben. Solche Unterscheidungen macht der edle Mensch, sei er Jude oder Christ, bei seinen Handlungen nicht, die aber dennoch beweisen, was zu beweisen nicht besonderer Zweck war. Wir hätten cS für angemessener gehalten, wenn der geehrte Redner alle diese Dinge bei Seile und unberührt gelassen hätte. So aber verrieth er doch, daß er nicht ganz so vorurteilslos ist, wie der war, den er feierte. Redaction.