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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-05-18 · Heft 21 (18.5.1875) · p. Seite 337

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 21 (18.5.1875)
Date
1875-05-18
Page
Seite 337 (sequence 11)
Language
German
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337 von ihnen noch übrig waren, war der Mund verschlossen. Es jüngster Bruder neun Wochen. Doch unsere unvergeßliche Mutter war dafür noch gar nichts aufgekommen. Das Judenthum glich sorgte dafür, daß das heilige Erbe des Vaters im Geiste seiner einem schwach flackernden Dochte, der nach einigen Tropfen Oeles Kinder bewahrt bleibe. Schon im Jahre 1823 gab mein fel. verlangte um nicht erlöschen zu sollen. Dies, ich kann es un-i Bruder den Moda Libne Binah meines Vaters in einer zweiten verzagt aussprechen, verlieh ihm mein Vater. Er gründete eine Auflage heraus. Der kaum siebzehnjährige Jüngling verstand hebräische 'Buchdruckerei. Er forderte Len Kreis seiner Freunde, namentlich Joseph Wolff und Gottholv Salomon, auf, literarisch thatig zu sein, und ging ihnen darin mit eigenem Beispiele voran; er druckte diese Schriften, und verschleißte sie selbst, was bei dem damaligen Mangel allen buchhändlerischen Vertriebes für die jüdische Literatur und eben bei der damaligen Weltlage die persönlichste Aufopferung und Mühsal erforderte. Nur die ungewöhnliche Energie vermochte hier den empfindlichsten Schaden zu vermeiden und einige Verbreitung der sonst mit großer Gunst aufgenommenen Schriften zu bewirken. So befand er sich einst in Prag, um dort den Druck eines hebräischen Wörterbuches zu besorgen, weil er hierdurch den österreischen Nachdruck seines Werkes verhindern wollte, als die Heereszüge ihn plötzlich von der Heimath abschnitten und ihn Monate lang zurückhielten. Er kam endlich zurück, der Krieg zog weiter, aber die Beendigung des Werkes verhinderte fein Tod , und die gedruckten Bogen lbis 2) gingen verloren. Dies nur ein kleines Bild; aber Aehm liches war oft geschehen. — Einige Jahrzehende weiter und Alles hatte sich geändert. Eine frische Bewegung, eine kräftige Entwickelung hatte auch im Judenthume begonnen. Eine solche muß der NaMr nach ihre Vorgänger überflügeln. Doch der sorgsame und gerechte Forscher wird das Verdienst jener Männer, welche den dichten Nebel mit den ersten Lichtstrahlen durchbrachen, welche in einer leeren, unfruchtbaren Zeit den Geist nicht sinken ließen und ihn immer wieder entzündeten, gern anerkennen. Und welche Kindheit und Jugend hatten diese Männer zu Lurchringen'. Waren sie doch schon herangereift, als sie die deutsche Schrift zu lesen und zu schreiben erlernen konnten! Da waren aber auch Monate genügend, um in ihrem Geiste zu erwirken, wozu die folgende Jugend der Jahre auf ihren Schulen bedurfte. Nach wenigen Jahren schon urtheilte Campe in einer Recension über den deutschen Styl meines Vaters: er wünsche lebhaft, daß christliche Lehrer und Schriftsteller einen solchen Styl hätten! . . . So geschah es, daß, als sich die Aussichten einer sicheren und bedeutenden Wirksamkeit für ihn öffneten, der Tod ihn dahinriß. Der Typhus, den die Heerzüge von 1813 über das vielgeprüfte Norddeutschland mit sich brachten, senkte auch ihn in die stille Gruft. Von seinen vier Kindern habe ich allein heute die Schwelle seines Jahrhunderts überschritten. Aber was ich stets als einen schweren Verlust beklagte, war, daß ich nicht die schwächste Vorstellung von der äußern Erscheinung meines Vaters in meiner Seele trug. Jene stürmische Zeit war nicht dazu angethan, sich portraitiren zu lasten, und ich selbst zählte noch nicht drittehalb Jahre als wir am Grabe unseres Vaters standen, mein ältester Bruder sieben, eine Schwester fünf Jahre und mein es, dieses treffliche Lehrbuch mit den nützlichsten Zusätzen zu vermehren und für die Jugend noch brauchbarer zu machen (Leipzig, Wienbrack i. Auch wurde das Gedächtniß meines Vaters alsbald aufrichtig geehrt. Denn wenige Monate nach seinem Hinscheiden veröffentlichte G. Salomon seine Biographie (Deffau 1814) die selbst Jean Paul rühmlichst citirt, und später setzte ihm sein ältester Schn in den bekannten „Bibliographischen Skizzen" (Band I. Leipzig, Leiner. 1864» ein schönes Denkmal. Lassen Sie mich, theurer Freund, nichts weiter hinzufügen. Einundsechzig Jahre sind über die Gruft meines Vaters dahingeschritten. Mehr als je richtet sich der Blick des Greises auf jene geheiligten Ruhestätten, an denen sein kindlicher und jugendlicher Fuß mit inniger, aber flüchtiger Erregung gewandelt ist. Da erstehen dann die lheuern Gestalten in langer Reihe, schreiten dann, in Liebe und Ehrfurcht empfangen, an der Seele voüber. Nein, nicht vorüber; sie bleiben da, sie schwinden nicht wieder: die geistige Vereinigung beginnt und wird immer enger, immer mehr die Seele umfastend . . . Nun, mögen die Enkel und Urenkel den Geist eines solchen Ahnen in sich tragen, Liesen idealen Schwung, diesen sittlichen Charakter, diesen Ernst und diesen Erfolg! Die Enthüllung des Denkmals des Prof. vr. Äacob Herz in Erlangen. Am 6. d. fand zu Erlangen die feierliche Enthüllung des Denkmals des verstorbenen Profeffors Dr. Jakob Herz statt. Es ist die erste Statue, die in Europa einem Juden, und zwar durch eine allgemeine Sammlung und mit so großer Feierlichkeit gesetzt und enthüllt wurde. Es wird daher angemeffen erscheinen, wenn wir hier eine ausführlichere Beschreibung dieser Feier, und zwar nicht aus jüdischer Feder, nach dem „Corres, v. u. f. Deutschland" wiedergeben. Herz fand um seiner Religion willen erst spät eine staatliche Anerkennung und die ihm gebührende Stellung; er war der erste Jude, der in Bayern eine ordentliche Profeffur erhielt. Aber noch ein anderes Motiv bewegt uns zu dieser Mittheilung. Vergebens zeichnen sich Juden aus allen Gebieten der Wiffenschasl, und ganz besonders auch durch ihr edles, uneigennütziges, wiffenschaftliches Streben aus. Auch dahin verfolgt sie der unausrottbare Judenhaß, und wir haben soeben wieder die erbärmlichste Anschuldigung Seitens eines deutschen Gelehrten (des bekannten Privatdocenten Dühring in Berlin) vor uns, mit der wir uns in nächster Zeit zu beschäftigen haben 21*

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