Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-05-18 · Heft 21 (18.5.1875) · p. Seite 336

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 21 (18.5.1875)
Date
1875-05-18
Page
Seite 336 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227036--33537-3303337
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

336 Türkei. Adrianopel, im Marz. (Privatmitth.) Die allen kirchlichen Verhältnisse und hergebrachten Ordnungen kommen überall und in allen Religionsparteien in's Schwanken, und verlangen neue Organisation. Es ist dies keinem Geiste besonderer Unruhe und Gahrung zuzuschreiben, als vielmehr dem aller Orten erwachten Triebe nach Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, der sich mit neuen geistigen Bedürfniffen vereinigt, welche in der alten Weise nicht mehr befriedigt werden. Dies spielt sich im Großen wie im Kleinen ab, und das letztere ist oft ebenso lehrreich wie das erstere. Auch im Kreise der hierländischen Judenschaft macht sich so Etwas verspürbar. Aus dem Courrier d'Orient vom 24. Februar entnehmen wir, daß der Rabbiner von Adrianopel ein Mann, dessen Charakter und seelsorgerische Thätigkeit durchaus nicht gerühmt werden, nach Konstantinopel zum Chachambaschi gereist ist. Aus alter Zeit nämlich unterstehen bulgarische Gemeinden dem hiesigen Rabbinate. Aber diese Gemeinden haben außer den Steuern, die sie an dasselbe zu zahlen, nichts weiter von diesem als daß der hiesige Rabbiner ihnen jährlich für schweres Geld Lulaf und ESrog zuschickt; er besucht sie niemals, hält keine Vorträge daselbst, sorgt nicht für den Unterricht und die wohlthätigen Anstalten. Dies sind jene bulgarischen Gemeinden überdrüssig; sie wollen das Wort Gottes hören und ihren Kindern gelehrt wissen; sie wollen einen erbaulichen Gottesdienst haben und eine echt rabbinische Thätigkeit bei sich sehen. Sie haben sich deshalb einen eigenen Rabbiner gewählt, einen gelehrten und frommen und dabei uneigennützigen und begüterten Mann aus ihrer Mitte. Dies will nun der hiesige Rabbiner, wie man sich denken kann, nicht zugeben und sucht nun vom Chachambaschi (dem Landes-Oberrabbiner in Konstantinopel) ein desfallsiges Verbot zu erlangen. Es ist zu wünschen, daß der Chachambaschi sich hierzu nicht hergebe; denn einerseits könnte der Riß dadurch nur größer werden, und andererseits würden die bulgarischen Gemeinden die Sache an die Pforte bringen, und somit eine Einmischung der Staatsregierung in die innern Verhältnisse der Juden herbeiführen, was wohl im einzelnen Falle bisweilen gute Wirkung schafft, im Ganzen aber stets von üblen Folgen ist. I e « i l Eine stille Säcularfeier am 9. Mai 1875. Theurer Freund! Sie fanden mich heute Früh still, wortkarg, abgeschlossen, und nachdem Sie mich verlassen, zögerten Sie nicht, mich in einem lieben Billete um die Ursache zu beftagen. Ihre Besorgniß schwankte zwischen einem Unwohlsein von meiner Seite, oder einem Verdruß, Len ich gegen Sie empfände. Ich beeile mich daher, Ihnen zu antworten. Es lag keines von beiden zu Grunde. Ich befand mich vielmehr von einem Gefühle tiefer Wehmuth, heiliger Erinnerung ergriffen, und in solchen Augenblicken selbst, Sie wissen es, giebt man seinen Empfindungen keinen Ausdruck. Aber warum sollte ich es jetzt nicht thun? Und legt nicht gerade unsere Religion es uns als eine Pflicht auf, so lange wir in diesem Leben verweilen, immerfort das heilige Gedächtniß der uns in das Jenseits vorangegangenen Lieben zu erneuern? Dies ist auch der Grund, warum ich diesen an Sie gerichteten Zeilen einen bescheidenen Raum in der Oeffentlichkeit gewähre. Am 9. Mai 177 5 wurde mein Vater, der als Schriftsteller in hebräischer und deutscher Sprache wohlbekannte Moses Philippson geboren — und so ist heute ein Jahrhundert darüber verflossen. Nein, ich will mich nicht heute in eine Betrachtung der großen Ereignisse und Wandlungen, des riesigen geschichtlichen Inhalts dieses Jahrhunderts versenken; nicht einmal die bedeutenden Pfade überblicken, welche unsere Glaubensgenossenschaft in innerer und äußerer Beziehung seitdem gewandelt. Mein Vater war von den bedeutendsten Geistesanlagen und l e 1 o n. Geisteskräften, und die kurze Zeit der Wirksamkeit, die ihm das Geschick, welches ihn im noch nicht vollendeten 39. Lebensjahre dahinraffte, gewährte, hat davon Zeugnisse zurückgelassen. Ader welche Ungunst der Verhältnisse, welche Ungunst der Zeit! Die ganze Dauer seines Jünglings- und Mannesalters war von den Stürmen der französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege ausgefüllt, während derer auch ras kleinste Friedenswerk ren wildbewegten Zeitverhältnissen abgerungen werden mußte, wo, um nur Eins hervorzuheben, bald die österreichische, bald die süddeutsche, bald die damals so nahe französische und holländische Grenze durch den Krieg abgeschnitten und das Meer verschlossen war, dann wieder die Kriegsfurie über die eigene Heimstätte hinraste. Als die Sohle des Friedens den europäischen Boden wieder zu betreten verhieß (1814): da hatte sich für ihn das Grab geöffnet. Und doch waren diese Hemmnisse gerade für meinen Vater von der unmittelbarsten Wirkung. Ware er nur einer der Hauptlehrer an der Dessauer Franzschule gewesen, so hätten ihn diese Weltverhältnisse nur dann und wann berührt. Auch als bloßer Schriftsteller hätte er nur im Allgemeinen den Stillstand empfinden müssen, der dadurch von Zeit zu Zeit geboten ward. Oder vielmehr war es in jener'Zeit gar nicht möglich, ein jüdischer Literat zu sein, wenn nicht Jemand Lagewesen, der zugleich das Amt eines hebräischen Buchdruckers und Buchhändlers übernommen halte. Beides that mein Vater für sich und seine Freunde. Dabei war es für das Judenlhum die stillste, ödeste Zeit, eine graue, kalte Zwischenperiove. Mendelssohn und seine Freunde waren heimgegangen, und denen, welche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.