Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1875)
- Date
- 1875-05-18
- Page
- Seite 335 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227036--33536-3303336- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
335 gebracht werden. Viel schwieriger rst es, einen Verein aufrecht zu erhalten, und deffen Zweck zu erreichen. Lege man sich deshalb jedesmal, wenn man eine theoretisch schöne und edle Idee gefaßt zu haben glaubt, auch die Frage vor: ist sie praktisch ausführbar? Hat man hierfür keine genügende Bürgschaft, so spreche man auch die allgemeine Wohlthätigkeit nicht an, welche, wenn sie öfter in Illusionen eingeführt zu sein erkannt hat, harthörig werden wird, und dies ist der größte Schaden, der aus solchen unpraktischen Operationen der Mildthätigkeit entspringt. Aus dem südlichen Böhmen, 4. Mai. (Privarminh.) Das eben zu Ende gegangene Peffachfest war für die israel. Gemeinde Horazdiowitz kein Fest der Freude. Am siebenten Tage des Festes verschied nämlich daselbst, nach kurzem Krankenlager, Herr Karl Fürth, Vorsteher der dortigen israel. Gemeinde und Mitglied der Stadlvertretung. Der Verblichene zeichnete sich nicht minder durch Bildung, jüdisches Wissen und Frömmigkeit, als wie durch strenge Rechtlichkeit, Bescheidenheit und Friedfertigkeit aus. Das freundliche Verhältniß, welches zwischen der jüd. und czechischen Bevölkerung in genannter Sradl besteht, ist zum nicht geringen Theile sein Verdienst, da in Folge seiner persönlichen Ehrenhaftigkeit, Biederkeit und Makellosigkeit ihm Niemand die größte Achtung versagen konnte, was der ganzen israelitischen Gemeinde, deren Vorstand er 15 Jahre war, zu statten kam. Seine Verdienste um die Gemeinde sichern ihm ein ewiges, ehrendes Gedachtniß im Herzen aller ihrer Mitglteder. Die allgemeine Theilnahme, welche sein Hinscheiden hervorrief, bekundete sich bei dem am 28. April stattgefundenen Leichenbegängniffe. An demselben betheiligtcn sich die ganze Starwertrelung mit dem Bürgermeister an der Spitze, alle Staats- und fürstlich Kinsky'fchen Beamten, die gesammle Stadtbevölkenmg und außerdem waren Deputationen aus Schütrenhofen, Srrakcnitz und mehreren umliegenden Ortschaften erschienen. Der Rabbiner, Herr I>r. M. Stark, widmete dem Heimgegangenen einen warmen, alle Anwesenden tiefergreifenden Nachruf. Frankreich. Paris, 7. Mai. (Privatmitth.) Gestern verstarb hier plötzlich an einem Herzschlage der vielbekannte Buchhändler Michel Lövy. Derselbe war 1821 in der Pfalz geboren, ging nach Paris und begründete hier mit seinem Bruder eine Verlagsbuchhandlung, die zu den ausgezeichnetsten von Paris gehört. Auch nicht wenige jüdische Schriften sind in seinem Verlage erschienen. Sein Tod wird allgemein beklagt. Algerien. Algier, im April. Das hier erscheinende Journal le Röveil entwirft, um den christlichen Mitbürgern ein Vorbild in der Behandlung des Armenwesens zu geben, folgende Schilderung deS jüdischen Armenwesens in Algier. Es sagt: Jedermann kennt die Opfer, die die Israeliten sich auferlegen, um ihre Armen zu unterstützen. Es ist dies ein Jahrhundert aller Gebrauch, den die französische Eroberung nicht beeinträchtigt hat. Mittelst einer Verbrauchssteuer, die freiwillig von Allen gewährt wird, wird eine Summe von mehr denn hunderttausend Francs dem Consistorium zur Perlheilung an die Bedürftigen unserer Stadt zur Verfügung gestellt. Ta diese Summe aber nicht hinreichl, alles Elend zu mildern, halten viele Arme sich gewöhnt, jeden Freilag Almosen sammeln zu gehen, die ihnen von ihren vermögenden Rellgionsgenosten auch zugetheilt wurden. Erliche Arme erhielten sogar außer diesem Vertheilungstage Unterstützungen in Naturalien, die jedoch sogleich an der Thür der Schenker verzehrt werden müssen; dieses konnte als eine Verletzung des Präfeerurerlasses gellen, der die Bettelei im Departement Algier untersagt. Um ihre Armen nun den Verballungen zu entziehen, die iiire Einschließung in das Armenhaus zur Folge gehabt hätten, har das Consistorium im Verein mit den hervorragendsten Israeliten der Stadt eine Subscription begonnen, deren Ertrag bereits aus 30,000 Francs gekommen ist. Jeder wurde aufgefordert die Größe der von ihm wöchentlich vertheilten Summe abzuschätzen und deren Bewag einer Commission anzuvertraucn, die sich verpflichtete, diese Unterstützung im Hause ertheilen zu lassen, ohne die Empfänger der Gefahr, für Benler gehalten zu werden, auszufetzen und sie den von dem Präfecturerlaffe anzedrohten Strafen anheimfallen zu lasten. Dieses Privatunlernehmen, das den Armen Hilfe im Hause sichert, ist schon sehr wichtig und folglich sehr lobenswerth wegen des moralischen Erfolges, den man davon erhoffen kann, aber eine Einrichtung, die so zu sagen die Eonsequen; der erstern ist, verdient ganz besonders die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die zur Bertheilung jener Unterstützungen ernannte Commission wird einen doppelten Charakter haben: nicht nur ein Unterstützungscomitö wird sie sein, sondern auch eine Schutzgefellschaft, die einen heilsamen Einfluß ausüben soll auf die Kinder der Familien, die der genannten Unterstützung theilhastig sind. Die auf diese Weise unterstützten Eltern müsten ihre Kinder der Obhut dieses Schutzcomitös anvertrauen, das sich verpflichtet, jeden ein Handwerk lernen zu lasten, unv ihn in den Stand zu setzen, seine kranken oder unglücklichen Eltern zu unterstützen. Die Beitragslasten werden also beträchtlich vermindert und fast ganz null im Laufe weniger Jahre. Vermittelst dieser Einwirkung auf die öffentliche Moral wird man die Jugend der Bettelei entziehen und sie schnell zu Arbeitern und Arbeiterinnen umwandeln, die in rechtschaffener Weise den Erwerb vermehren und ihren armen Eltern Erleichterung verschaffen. 21