Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1875)
- Date
- 1875-05-18
- Page
- Seite 329 (sequence 3)
- Language
- German
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329 Len Augen des Pöbels verächtlich machen. Aber die anderen Alle, fei es der vermeintliche türkische Major, sei es der ungar. Abgeordnete, sei es der märkische Landjunker, der an der Börse speculirt und verloren hat — sie alle handeln nur aus eitler Mißgunst. Aber das Gefühl dieser Mißgunst ist überall verbreitet und in unsrer Zeit die eigentliche Wurzel res Judenhasses. Das Stück Brod, das ein Jude hat und verzehrt, müßte ein Christ haben und verzehren; die Stelle, die jener einnimmt, die er sich durch mühevolle Thärigkeit errungen hat, sie müßte ein Christ einnehmen; das Vermögen endlich, das ein Jude sich erwirbt, müßte im Besitze eines Christen sein. Der Neid, den alle Menschen aufeinander haben, hat hier seinen ganz besondern Gegenstand. Deshalb scheint es den Leuten, daß, was die Juden auch seien, sie darin immer nur die Christen verdrängt hätten, daß es jenen gar nicht zukäme, und daß bei den Schwierigkeiten und Hindernissen, die man ihnen von jeher entgegengehäust, sie nur durch besondere Künste und Kniffe, oder gar durch eine Geheimbündelei dazu gekommen sein müffen. Das ist die einfache Lösung des ganzen Rachsels. Als Thatsache ist es da, aber um es zu lösen, wendet man selbst nichts als Kniffe und Künste an. Und worin bestehen diese? In nichts Anderem als in der Behauptung: die Juden hätten alle Capiralien der Welt und somit alle Reichthümer an sich gezogen, und zögen riese immer mehr an sich. Hierin liegt die große Verfälschung der Wirklichkeit, deren sich unsre Gegner schuldig machen. Sehen wir davon ab, in welcher Armuth die Juden im ganzen Orient und in Rußland bis zur Weichsel schmachten, also der Plan Abrahams für den bei Weitem zahlreichsten Theil seiner 'Nachkommenschaft gescheitert und in's Gegentheil umgeschlagen ist — worin bestehen die wirklichen Reichthümer der Welt? Was wellen die Capitalien gegen den unermeßlichen Besitz von Grund und Boden heißen? Was besitzen denn hiervon die Juden außer einer geringfügigen Zahl von Häusern in den Städten? Wem gehören die zahllosen industriellen Etablissements? Rur zu einem verschwindenden Bruchtheil Juden. Welche sind die Firmen, die in England, Holland, Frankreich u. s. w. den Welthandel in Händen haben? Nur zu einem nichtssagenden Theile sind es jüdische. Und selbst der Kleinhandel befindet sich nur in gewissen Zweigen zu einem beträchtlichen Maße in den Händen von Juden. Alan kommt also immer wieder auf die Finanzwell zurück, in welcher allerdings Juden eine Rolle spielen. Aber welche unsinnige Vorstellung macht man sich von dieser Finanzwelr. Diese ist nur zu einem schmalen Theile im Besitz der Capitalien selbst, sondern besteht nur durch den Credit. Die Capitalien selbst gehören dem großen Publikum, das sie durch Finanzoperationen verwerthen will. Geld überhaupt ist nur ein Tauschmittel, das, sobald es zur Darstellung von Werlhen gedient hat, sich alsbald wieder in den Dienst einer gleichen Operation begiebt. Die Finanzen sind deshalb nicht Herr, sondern Magd der industriellen und politischen Welt. Der Finanzier ist nicht Beherrscher, sondern Diener und Vermittler für die Action der Gesellschaft. Die einzige Frage, die ihm vorliegt, ist: ist das Geschäft nutzbringend? Dies liegt in der Natur der Sache, und der Finanzier ist nicht einmal Herr der Bedingungen, deren Maß vielmehr von den Verhältniffen deffen bestimmt wird, der das Geld verlangt. Die Concurrenz und das Verhaliniß von Nachfrage und Angebot bilden auch hier das einzige und naturgemäße Gesetz. Uebrigens hat die große Masse der Juden mit der Anzahl jüd. Finanziers, die der großen Finauzwelt angehört, gar nichts zu schaffen, und sie sind ihr gegenüber gerade das, was sie der ganzen Welt sind, nicht mehr und nicht weniger. Coterien giebl es unter ihnen genug, die sich einander aus Tod und Leben befehden und die Schlachtopfer dieses Kampfes sind gerade ebenso Juden wie Christen. Wir glauben hiermit keine unbekannten Geheimniffe offenbart zu haben. Aber unsre Gegner wollen absichtlich nichts davon wissen, weil ihnen sonst ihre letzte Angriffswaffe gegen die Juden aus den Händen fiele. Wir sind daher gezwungen, es immer zu wiederholen, weil die Judenfeinde immer dieselbe Melodie spielen. Gehen wir nun noch auf einige Einzelheiten des Verfassers ein. Wie ergötzlich ist es nicht, den Versaffer alles Ernstes sagen zu hören: „Die Juden haben nicht wie wir eine platonische Liebe für die Tugend, sondern der Jude übt die Tugend nur aus Interesse." Der Jude übt also wenigstens die Tugend aus, während die „Wir" sie platonisch lieben, sich aber nicht hierdurch abhalten lassen, allen Lastern ans's Gröblichste zu sröhnen. Der Verfasser macht auch die große Entdeckung, daß der Jude immer Jude bleibt; der Patriotismus sei ihm nur eine Maske. Er beruft sich hierbei auf Crömieux und Armand Levi „zwei israelisch,e Berühmtheiten unsrer Epoche", welche erklärten, daß sie stolz seien, Juden zu seien. Hier ist es, wo sich die Maske res Herrn Osman Beh ein wenig lüstet. Wenn er Herrn Armani: r'evi für eine Berühmtheit unsrer Epoche hält und Crömieu^ gleichstelll, so kann Osman Bey nur — ein maskirter Rumäne sein, ein Rumäne, der die Tugend platonisch liebt und ren gröbsten Schmutz nicht scheut, um sich vor ihr an betend nieder zu werfen, da er sie doch zu erreichen nicht hofft. Dahin weist auch später die Wulh, die er gegen Alle äußert, welche Rumänien wegen seiner Judenverfolgung getadelt haben. — Ein besonderer Gedanke des Verfassers ist, daß die Juden absichtlich sich unter die verschiedensten Parteien vertheilen, sowohl unter die politischen und socialen, als auch religiösen, um einentheils alle zu verwirren, und anderntheils mit der siegreichen Partei marschiren zu können. Wir möchten den Verfasser nur um Mittheilung bitten, wo denn der geheime Rath der Juden sich befinde, der aller Zeit Leu angemessenen Plan entwirft, seine Werkzeuge auswählt, sie au ihre verschiedenen Stellen schickt, aber auch ihres Gehorsams ste:s sicher ist. Die abentheuerliche Phantasie des Herrn Osman Ben wird gewiß nicht in Verlegenheit sein, uns darüber Ausschluß zu geben. — Dieselbe Phantasie sieht die Juden, wie bereits gesagt, 21 *