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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-05-18 · Heft 21 (18.5.1875) · p. Seite 328

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 21 (18.5.1875)
Date
1875-05-18
Page
Seite 328 (sequence 2)
Language
German
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328 hochtragische; nun kam die zweite, die hochkomische. Die Leiche des Kirides wurde einbalsamirt und als eine heilige Reliquie erklärt, zu welcher zahlreiche Wallsahrlen veranstaltet wurden. Bald sah mau, daß die Leiche erglänzte; das neue Wunder wurde von allen Kanzeln verkündet; man baute eine Capelle für die heiligen Gebeine, und wer an die Wunder nicht glauben wollte, die dieselben verrichten sollten, wurde von der Menge gemißhandelt. Man ging den Papst Sixtus IV. an, den kleinen Simon heilig zu sprechen, was er jedoch verweigerte. Sein Breve aber, durch welches er die Verehrung Simons verbot, blieb unbeachtet. Das Traurigste war, daß die unselige Mähre sich durch Deutschland und Italien verbreitete, und überall, von den Geistlichen bestätigt, und wie ein kirchliches Dogma behandelt, geglaubt wurde, so daß sie an vielen Orten blutige Mißhandlungen der Juden veranlaßte. 'Rur im Venezianischen erließ der Doge Pietro Mocenigo scharfe Befehle gegen jede Verletzung des Eigenthums und des Lebens der Juden, und erklärte die ganze Geschichte von Trient für erlogen.*) Dies ist es also, was man durch eine glänzende kirchliche Feier nach vier Jahrhunderten in der Erinnerung der Menschen und in der Vorstellung des Volkes wieder auffrischen will: die Wunder der Knochen eines ertrunkenen Kindes und die Verbrennung Hunderter von Juden auf Grund eines erlogenen Mordes eines Christenkindes. Solche, der Kirche wahrlich nicht zur Ehre gereichende Wunder- und Mordgeschichten sollen zu neuem Glauben, zu neuem Wahnwitz und Haffe aus der Vergangenheit erweckt werden. Man wird fragen: Schämt man sich denn gar nicht vor dem Unheil der aufgeklärten Welt? vor der Verurrheilung durch alle diejenigen, denen dieser kindische Aberglaube abhanden gekommen? Doch nein! Die Ultramontanen sind so weil gekommen, daß sie nach denen, welche ihnen nicht unbedingt anhängen, gar nichts fragen, sondern nur das blöde Volk an sich feffeln wollen, und dies ist noch heute so wundergläubig und so wundersüchtig, wie vor vier Jahrhunderten. Wer dies bezweifelt, der sehe sich nur nach den vielen Wundergeschichten um, welche jetzt in Frankreich und Belgien geschehen, und die man vor etwa fünf Jahren spielen zu laffen noch nicht gewagt hätte. Die Situation hat sich leider seitdem geändert. Das Unglück ist, daß viele sg. Gebildete sich den kirchlichen Tendenzen so eng angeschloffen haben, daß sie diese Wundergeschichten ruhig mit in den Kauf nehmen, ja sie sogar fördern, in der Absicht, das Volk dadurch im Glauben zu stärken. D i e Frage, wie weit die heutigen Maschinisten bei derartigen Jnscenirungen selbst an den Inhalt und den Gegenstand glauben, werfen wir nicht einmal auf. Vielleicht sind einige darunter wirklich von ebenso vieler bona lide, als die Urheber vor vierhundert Jahren mali animi waren. Vielmehr fragen wir: wird man in Oesterreich dieser *) S- Cardoso: Excelleneias de los* Hebreos S- 42" und bei Wagenseil a. a. O. S. NS. Grätz Geschichte der Juden B. VIII S. 268. säubern Vorgänge einem von einem Papste selbst verurtheilten Aberglauben und der Anfachung von Haß und Fanatismus zu fröhnen, ruhig zusehen? oder wird sich wie vor fünf Jahren in Brüffel die verständigere und beffere Hälfte des Volkes gegen eine solche Feier erheben? . . . Schweigt man, so wäre es wohl zunächst die Sache der Wiener Alliance, die ersten Schritte zu thun. Es handelt sich hier wahrlich nicht um Beschränkung der freien Religionsübung, sondern nur um Beschränkung des Bestrebens, immer von neuem blutdürstigen Fanatismus und geistesverfinsternden Wahnglauben in die Herzen des Volkes zu verpflanzen. Auf jenen unseligen Vorgang in Trient, auf jene Fiction des FranziskanermönchS und des abtrünnigen Juden folgte eine lange Reihe von Metzeleien unschuldiger Menschen, von Plünderung und Mord an vielen Tausenden. Die Folter hatte in Trient wie in Brüffel ihre volle Wirkung gethan, und ihre Martern brachten die vorher niedergeschriebenen Eingeständniffe hervor. Welch' ein Schauergemälde von Scheiterhaufen, von Hexenproceffen, von Justizmorden aller Art an diese Folter angeschloffen, stellt sich unsren Blicken dar! Es ist also allerdings eine heilige Pflicht unsrer Zeit, die Heiligsprechung und Glorificirung von Folter und Scheiterhaufen nicht öffentlich vernehmen zu laffen, denn für die Folgen und Wirkungen kann auch jetzt noch Niemand einstehen. Auch in Trient lebten, bevor der Mönch Bernhardinus die Stadt betreten, Christen und Juden in friedlichstem Verkehr, und es werden uns noch aus jener Zeit Juden genannt, namentlich ein jüdischer Arzt Tobias, die daö vollste Vertrauen bei allen Ständen genoffen. Doch durch den Einfluß dieses blutdürstigen Mönchs änderte sich der Zustand in kurzer Zeit. Es ist also unsre Pflicht nicht blos als Juden, sondern auch als Staatsbürger und Menschen, dieser beabsichtigten Jubelfeier möglichst entgegenzulrelen. Die Eroberung der Welt Lurch die Juden. La Cnii'iuete du Monde |>ar les Juifs. Essai d'Histoire el d'Actualile par le Major Os man Bey. B/de, Krüsi, 1875. (Schlu ß.) *) Nein! Täuschen wir uns gegenseitig nicht mehr: was alle Diejenigen, aus denen der religiöse Fanatismus geschwunden, gegen die Juden treibt, was sie gegenwärtig den Vorwand volkswirthschaftlicher Gefahr vorschützen läßt, das ist nichts weiter als — Mißgunst, ganz gemeine Mißgunst. Die Ultramontanen streiten um ihre Herrschaft, und haben sich eingeredet, daß die Juden einen wichtigen Theil ihrer Gegner ausmachen, oder wollen durch die Jdentificirung ihrer Gegner mit den Juden jene in *) S. Nr. iS.

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