Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1875)
- Date
- 1875-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227036--33528-3303328- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Allgemeine Zeitung des Iu-enlhums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. HerauSgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippen in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Marl 50 P f. pro Hund ert berechnet. Dies« Zeit»»» erscheint wöchentlich einmal irr 2 bi» ity2 Bogen. Preis Bierteljährig A Mark. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren "-^—*—" Slle Buchhandlungen. -• Expeditione» In redactionellen Anzelegenheiten wende man sich -rn l>r. C. Pyrlippson in Bonn: bin>rchrlich deS Bezugs und der Inserate an Siumqiirrner's Lnckdandlnny inLerpziz. Iulcrätr, welche bis vonnrrslag eingeben, finden indercarnuffolgen« den Kummer Berücksichtigung. 39. Jahrgang. Leipzig, den 18. Mai 1875. JS? 21. 3udalt. Leitende Artikel: Die beabsichtigte Btutjubelfeicr \n Trient. — Die Eroberung der Welk durch die Juden. lScbluß.0 — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Leipzig. Berlin. Bonn. Göttingcn. Bon der Oder, Aus der bavcrichen Pfalz. Schwedt, Ocls. Han nover. — Oesterreich-Ungarn: Pest, Wien, Aus dem südlichen Böhmen. — Frankreich: Paris. — Alaerion: Algier. — Türkei: Adrianopel. — Feuilleton: Eine stille Säcnlarscier am 9. Mai 1875. — Die Enthüllung des Denkmals des Prof. Dr. Jacob Her; in Erlangen. — Corresponden;: Cöln. «£>eifcciu)e CLxhkcf. Bonn, den 12. Mai. Die beabsichtigte Slutjubelfeier zu Trient. Man wird sich erinnern, daß im Jahre 1870 der Klerus in Brüffel beabsichtigte, eine vierte Säcularseier der Hostien- Wundergeschichte, welche fünf Juden das Leben und den anderen das Heimathsrecht in Brüffel gekostet, in Scene zu setzen und zwar durch eine großartige Procession durch die Stadl, wo Pracht und Kunst in Anspruch genommen werden sollten, um den Frevel der Juden und das Wunder der Hostien in mannichfaltigster und das Volk am meisten ergötzenden Weise darzustellen. Da erhob sich der ganze liberale Theil der Vrüffeler Stadtbevölkerung. um gegen diesen Mißbrauch der Religion und der Religionsfreiheit, gegen diese Storung des öffentlichen Friedens zu protestiren. Aus allen Schichten des Volkes wurden die heftigsten Stimmen lautbar und es drohten solche Auftritte zu erfolgen, daß der Erzbischof von Mecheln. der sich gerade in Rom befand, noch rechtzeitig von dort aus durch Telegramm die Abhaltung der Procession, „um Skandal zu verhüten", verbot. Man kann sich denken, was dazu gehörte, um den Erzbischof von Mecheln zu einem solchen Verbote zu bewegen. Man schätzte sich damals doch glücklich, daß der aufgeklärte Geist des Jahrhunderts wenigstens die öffentliche Feier greulicher Blutthaten und falscher Wunder zu verhindern vermochte — innerhalb der Kirchen kann man nichts verbieten. Jetzt wird ein neuer derartiger Vorgang in Trient geplant. Wie man berichtet, beabsichtigt der dortige Klerus die traurige Geschichte von 1475, die dort gespielt, und die viel schrecklicher als in Brüssel für die unglücklichen Juden ausgefallen, in ausgedehnter, pomphafter Weise zu feiern und trifft bereits seine Vorbereitung dazu. Ter Vorgang von 1475 knüpft sich an den Namen „Simon von Trient." Er hat, wie alle gleichartigen, zwei Seiten: eine unselig blutige und eine lächerliche Wundergeschichte. Erzählen wir sie ganz kurz. Ein drittehalb Jahre altes Christenkind, Namens Simon, ertrank während der Osterwoche in der Etsch, und die Leiche wurde gerade an dem Hause eines Juden gelandet. Alsbald erhob der Franziskanermönch Bernhardinus, unterstützt von anderen Pfaffen, ein Wuthgeheul gegen die Juden, sie hätten das Kind getödtet und seine Leiche iu's Wasser geworfen. Dieser Mönch, bekannt unter dem Namen Bernhardinus von Feltre, hatte sich die Ausrottung der Juden zur Lebensaufgabe gemacht, war bereits in vielen Städten Italiens zu diesem Zwecke aufgetreten, hatte jedoch bei den aufgeklärten Fürsten und Magistraten Italiens Widerstand und selbst Ausweisung erfahren. Der damalige Bischof Hinderbach aber stimmte ein, ließ sämmtliche Juden von Trient in den Kerker werfen und so lange foltern, bis sie die von einem getauften Juden Wolfkan niedergescbriebenen Beschuldigungen zugestanden, mit Ausnahme eines einzigen, Namens Mose, der alle Qualen der Foltern standhaft ertrug, ohne sich zu diesen Lügen zu bekennen. Nunmehr endete der Prcccß mit der Verbrennung sämmtlicher Juden von Trient und der Verbannung der Juden aus Trient für alle Zeiten. Dies war die erste Scene, die