Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1875)
- Date
- 1875-05-11
- Page
- Seite 324 (sequence 14)
- Language
- German
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324 in ter Synagoge mit seinem Sterbehemde und einem Kapsel von Silbertreffen bekleidet. Beides mußte ihm die Braut an ihrem Hochzeitstage schenken." „Eine eigenthümliche Hochzeitsfeier, wie ich eine solche zum zweiten Male nicht gesehen habe, wurde durch einen unserer jüd. Nachbarn ausgerichtet. Er hatte sich, obgleich von Hause aus arm, zu bedeutender Wohlhabenheit aufgeschwungen und wollte nun seine einzige Tochter vermählen. Der Bräutigam oder Chosen war von auswärts und die Heirath auf der Meffe verabredet worden. Das Mädchen hatte seinen Bräutigam nur ein Mal gesehen. Es wurden große Anstalten zur Hochzeit gemacht, und man versprach sich viel davon. Sie sollte mit Musik gefeiert werden, was ungewöhnlich war. Nun gab es in Friedland keinen Stadtmusikanten; sondern fünf Inden, welche nebenher auch Handel trieben, besorgten die Musik. Ihre Capelle bestand aus zwei Violinen, einer Cla'rinette, einem Bioloncell und einem Hackebrett. Nur die erste Geige spielte nach Noten, alle übrigen nach dem Gehör, und unter diesen der Violoncellist, ein kleiner graubärtiger Alter, mit vielem Geschick. Er kannte keine Note und wußte von keinem Tone, wie er hieß; aber sein sehr gutes Gehör, ließ ihn jede Wendung der Melodie, jede Ausweichung scharf verfolgen, und dadurch wurde er in den Stand gesetzt, meist ohne Fehler richtig harmonisch zu begleiten. Auch der Hackebrettspieler war ein alter Mann und nicht ungeschickt." „Am Nachmittage des Hochzeitstages saß die Braut, umgeben von ihren Freundinnen und weinte, so gut es ihr möglich war; denn das forderte der Wohlstand und Gebrauch, und jemehr sie weinte, um so mehr Lob erntete sie. Dann ordnete sich der Zug nach dem Synagogenplatze. Zuerst kamen die Musiker. Vor ihnen aber sprang ein gemietheter Spaßmacher, den man besonders von auswärts verschrieben hatte, ein junger Jude, der m einer Harlekinskleidung mit schwarzer Halbmaske steckte, eine Pritsche in der Hand trug und ssie fleißig gebrauchte. Er gaukelte hin und her, sprang ans die am Wege stehenden alten Mütterchen zu und suchte die Kreischenden zu umarmen und zu küffen; kurz, er bemühte sich, durch Späße Lachen zu erregen, was ihm auch wohl gelang. Den Musikern folgte der Bräutigam, geführt von seinen männlichen Anverwandten. Hieran schloffen sich die männlichen Hochzeitsgäste und so zog man nach dem freien Platze vor der Synagoge, wo ein Baldachin an vier Stangen gehalten wurde, unter welchem der „Chosen" Platz nahm, umgeben von seinen Verwandten, welche von dem übrigen Gefolge umschloffen wurden. Der Harlekin und die Musiker gingen nach dem Hochzeitshause zurück, und nun bildete sich in ganz gleicher Art ein zweiter aber weiblicher Zug. Die „Kalle", die Braut trat neben den Chosen, vor dem sich der Rabbiner aufgestellt hatte. Nun wurde die Trauung mit allen Ceremonien vollzogen, von denen jedoch wenig zu sehen und zu hören war, da der dichtgedrängte Haufe der Umstehenden Alles verdeckte, und nach vollzogenem Zusammenspruch bewegten sich beide Züge in umgekehrter Ordnung nach dem Hochzeitshause, wo die Braut mit der Haube bekleidet wurde; denn eine verheirathe Jüdin durfte ihr Kopfhaar nicht sehen lassen. Endlich ging man zu Tische, und nach dem Gastmahl folgte ein Tanz, der bis gegen Morgen währte. Der Harlekin mußte während der ganzen Zeit Späße machen, die jedoch bald sehr lahmten; denn es ist schwer, lange spaßhaft zu sein. —" Die Hyperorthodoxen unserer Zeit werden häufig als „Fanatiker" bezeichnet. Es bedünkt uns, daß diese Bezeichnung zurückgewiesen werden muß. Der Fanatismus hat stets eine feste und aufrichtige Ueberzeugung zu seiner Wurzel; das Nebel in ihm ist nur, daß er diese Ueberzeugung zur alleinigen Geltung und Herrschaft bringen, mit den Verhältnissen und Zuständen nicht rechnen, und irgend welche Duldung, Billigkeit noch ein Recht sich gegenüber nicht anerkennen und bestehen lassen will; er will die Consequenzen seines Princips unbedingt ziehen, auch wenn sie ihm selbst die größten Opfer auferlegen, den nachhaltigsten Schaden zufügen. Ja, die Persönlichkeit des Fanatikers geht in diese seine Leidenschaft auf; er identificirl sich ganz und gar mit seiner Ueberzeugung. Man kann aber nicht sagen, daß er eigennützige und persönliche Zwecke verfolgt. Im Gegentheil, sobald die letzteren hervortreten, ist der Fanatismus nicht vorhanden, oder hinter den gesuchten persönlichen Vortheil zurückgewichen. Deshalb kann man den jetzigen Hyperorthodoxen — mit geringen Ausnahmen — Fanatismus nicht zuschreiben. Zu oft erweist sich ihr Gebahren als heuchlerisch; zu oft zeigt es sich, daß sie mit ihren Bestrebungen persönliche und von ihrem vorgeblichen Ziele seitwärtsliegende Zwecke verfolgen. Ihr Thun und Treiben verräth allzu oft nicht das Feuer des Fanatismus, sondern die Gase gemeiner Leidenschaften und Beweggründe. Nicht blos bei den Römern, wie wir aus Tacitus erfahren, stießen die Juden mit der Beerdigung der Todten an, sondern auch bei den Persern, bei welchen die Verbrennung der Leichen aus ihrer religiösen Anschauung von der Läuterung durch das Feuer entsprang. Wir erfahren dies aus einer Notiz im Talmud, da, wo dieser über die Todesstrafe des Hängens und die Vorschrift, den Gehenkten noch an demselben Tage zu begraben <5 Mos. 21, 22) handelt. Sanhedrin 46, 2 wird erzählt: König Schabur habe den R. Chama gefragt, inwiefern die Beerdigung aus der Thora herzuleiten sei? Dieser aber schwieg, und R. Acha bar Jakob sprach: st-pa «ab? map ">3 -npab rra 'rrr^-. «sseei. Derselbe leitete also die Beerdigung aus der angeführten Vorschrift her.