Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1875)
- Date
- 1875-05-11
- Page
- Seite 314 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227035--33514-3303313- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
314 als es durch die früheren aus hebräischen Translationen gemachten lateinischen Uebersetzungen geschah. Dann aber stellt die vorliegende Schrift des Averroes die Quintessenz seiner philosophischen Anschauungsweise viel bestimmter und charakteristischer dar, als die ckisseeta membra aus seinen übrigen, meist commentatorischen Schriften es vermochten. Allerdings würde die oben berührte Eigenthümlichkeit, daß lange Zeit hindurch die Schriften des Averroes nur durch die hebräischen Uebersetzungen für die allgemeine Kenntniß vermittelt wurden, uns nicht veranlassen, an dieser Stelle näher auf die vorliegende Schrift einzugehen. Jndeß ist dieselbe inhaltlich auch für die jüdische Religionsphilcsophie und namentlich für das Berständniß des Maimonides, der, ungefähr ein Jahrhundert früher lebend, sicherlich auf Averroes Einfluß geübt, von nicht geringer Bedeutung. Averroes, eigentlich Abul Walid Mohammed Ebn Achmed Ebn Mohammed Ebn Roschd, geboren in Cordova, wo sein Großvater und Vater Oberrichter waren, lebte theils daselbst, theils in gleicher würde im Marokkanischen, wo er der Ketzerei beschuldigt, verfolgt, verbannt, aber endlich wieder zurückberufen, um 1217 (?, verstarb. Er erlangte einen bedeutenden Ruhm als Philosoph, Jurist, Naturforscher und Mediciner, der bei den spateren Geschlechtern lange Zeit anwuchs, bis sich bei Len Arabern selbst diese ganze Geistesrichtuvg verlor. Averroes war wie Maimonides ein strenger Anhänger des Aristoteles, ja, er schwur noch mehr als dieser auf die Worte des Meisters; er hielt ihn geradezu für unfehlbar, so daß er die Irrungen, die er bei ihm fand, nur aus den Mangel- und lückenhaften arabischen Uebersetzungen und den Fehlern der Commentatoren des großen Stagiriten erklärte. Aber wie Maimonides daneben ein strenggläubiger Jude, so war Averroes ein rechtgläubiger Moslem. Es liegt daher auf der Hand, daß das Hauptbestreben Beider, die Ausgleichung der tradirten Religion mit der aristotelischen Philosophie war. Für diese Tendenz kommt uns die von der Königl. Bayerischen Akademie herausgegebene Schrift außerordentlich zu statten, da eben in ihr Averroes das, was das Hauptziel seines Lebens war, Philosophie und Religion in Harmonie zu bringen, im engsten Rahmen auszuführen suchte. Hierbei ist hervorzuheben, daß der Islam gleich dem Judenthume für eine solche Vereinbarung einen weit fruchtbarern und naturgemäßeren Boden abgab, als das Christenthum, und daß jene beiden sich für dieses Object sehr nahe standen. Denn sie begegneten sich in den einfachen Grundglaubenssatzen, während der künstliche und vielfältige Dogmenbau des Christenthums der scholastischen Philosophie viel härtere Nüsse zu beißen gab. Der eigentliche Titel unserer Schrift ist: „Unterscheidende Rede und Feststellung der Verbindung, welche zwischen der Religion und der Philosophie obwaltet". Geben wir hier, um den Inhalt zu charakterisiren, die Ueberschriften der einzelnen Abschnitte. „Harmonie der Religion und Philosophie"; „Speculative Dogmatik"; „Existenz des Schöpfers"; „Einheit Gottes"; „Eigenschaften Gottes"; „Die Freiheit Gottes von Unvollkommenheit"; „Abhandlung über die Gegend"; Kenntniß der Handlungen Gottes" und zwar „Hervorbringung der Welt". „Sendung der Propheten"; „Prädestination und Rathschluß Gottes"; „Unrecht und Gerechtigkeit"; „Eschatologie", und hierzu noch ein Zusatz über die Frage, welche in der ersten Abhandlung berührt worden. Man ersieht hieraus, wie nahe sich die vorliegende Schrift und der More Nebuchim, namentlich dessen zweiter Theil, miteinander berühren, so daß eine nähere Vergleichung höchst interessante Aufschlüsse gewährt. Da wir an dieser Stelle auf Einzelnes nicht eingehen können, begnügen wir uns auf die allgemeine Frage hinzuweisen, auf welche Weise Averroes den Ausgleich zwischen Philosophie und Theologie zu erreichen für möglich hält. Nachdem er aus einzelnen Stellen des Koran erwiesen haben will, daß dieser selbst zur Speculation auffordern und das Studium der Weisen ftüherer Nationen und Zeitalter (also auch der Griechen) billige — was freilich die orthodoxen Bekenner des Islams leugnen, so stellt er den Satz auf, daß, da die Wahrheit nur eine sein kann, die wahre Speculation und die Religion nur übereinstimmen können. Stimmt aber die Religionsquelle mit der Demonstration nicht überein, so kann dies nur nach dem äußerlichen Worlaute in jener der Fall sein, und es muß daher eine Interpretation gesucht werden. Averroes sagt (S. 7): „Die Bedeutung der Interpretation aber ist, den Sinn des Wortes aus seinem eigentlichen Sinne in einen figürlichen Sinn herauszuführen, ohne daß dadurch der arabische Sprachgebrauch beeinträchtigt wird, indem man figürlich eine Sache nach ihrem Simile oder nach ihrer Ursache oder nach einem Accessorium derselben, oder nach etwas, das mit ihr verbunden oder auf irgend eine der Weisen benennt, welche in der Lehre der figürlichen Rede hergebracht sind. Ueber den wahren Werth dieser Methode, welche so oft die Bestrebungen der Religionsphilofophen, von denen Philo's an, irregeführt hat und scheitern ließ, haben wir uns hier nicht auszulassen. Nur auf den großen Unterschied wollen wir aufmerksam machen, der zwischen dieser Methode und den Forderungen der Kirche an die Scholastiker stattfand. Diese verlangte und verlangt noch heute, daß jedes Resultat der Wissenschaft so lange gedreht und gemodelt werde, bis es den Dogmen der Kirche und ihrer Auslegung der Schriftworte nicht mehr widerspricht, während der arabische Philosoph verlangt, daß das Schriftwort (hier des Korans) so lange interpretirt und figürlich ausgelegt werde, bis es mit dem Resultat der Philosophie übereinstimmt. Diesen letztem Weg der fteien Interpretation sind aber nicht blos auch die jüdischen Religionsphilosophen gegangen, sondern auch der Talmud, der spätere Anschauungen und noch mehr ganz concrete Satzungen, die aus den flüssigen Verhältnissen des Lebens hervorgegangen, durch freie Interpretation in Schrifttexten wiederfand und an sie anknüpfte. Dies thun die Talmudisten, selbst wenn sie miteinander in Widerspruch sind, während die Kirche ihre eigene Interpretation, durch welche sie ihre Dogmen in die Worte der Schrift hineinlegt,