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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-05-11 · Heft 20 (11.5.1875) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 20 (11.5.1875)
Date
1875-05-11
Page
Seite 312 (sequence 2)
Language
German
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312 wir haben eine ganze Anzahl katholischer Priester zu nennen, welche sich selbst der bürgerlichen Gleichstellung der Juden annahmen, auch aus dem Rheinlande. Bor etwas mehr als zwei Jahrzehnten aber schlug dies in das Gegentheil um. Sobald sich der ultramontane Geist wieder zu stärken begann, wendete er seinen schärfsten Stachel gegen die Juden, obschon sie ihn durch nichts provocirt hatten. Die ganze ultramontane Preffe — wir erinnern nur an den Pariser Univers und die Wiener Kirchenzeitung — machte es sich zum täglichen Geschäfte, die Juden auf die schamloseste und lügnerischeste Weise zu schmähen und ihre Vernichtung dem Volke zu predigen. An ihr lag es nicht, wenn nicht überall die Brandfackel in die Häuser der Juden geworfen und Leben und Eigenthum derselben durch Pöbelaufstände vernichtet wurden. Schon damals fragte man sich verwundert. was eigentlich diese Leute zu einem so unerhörten Verfahren bewege? Man tröstete sich eine Zeit lang damit, daß es nur eine persönliche Neigung dieser durch den kirchlichen Eifer verwilderten Gemüther sei. Aber jemehr sich die Schlachtlinie dieser ultramontanen Klopffechter ausdehnte, und jemehr sich der Ultramoutanismus mit dem Katholicismus identificirte, desto weiter erstreckte sich auch dieses Geheul gegen die Juden auf allen Wegen und nach allen Richtungen hin. Seitdem nun in Oesterreich, Deutschland und Italien der Staat in entschiedener Weise den Uebergriffen der katholischen Hierarchie entgegentrat, und obgleich man glauben sollte, daß die katholischen Vorkämpfer zu viel zu thun hätten, ihren Widerstand aufrecht zu erhalten, um sich noch mit den ihnen unschädlichen Juden zu beschäftigen, ist es noch um Vieles ärger geworden. Was sonst nur die katholischen Catone, Louis Veuillot und Sebastian Brunner immer wiederholten: cacterurn ccns«:u. Juilaeos esse (Ideiulos — das ertönt jetzt täglich aus den Spalten der zahllos gewordenen katholischen Blätter und Blättchen. Man sage nun nicht, daß es eben nur eine Seite des jetzt wogenden „Culturkampfes" sei. daß die Streiter für die kathol. Kirche in den Ländern, wo es sich um Sieg oder Niederlage für sie handelt, ihre Wuth auch gegen die Juden wenden, weil sie diese auf Seite ihrer Gegner zu sehen glauben, so unklug dies auch wäre, sich Gegner in Leuten zu schaffen, die dem Kampfe zwischen den christlichen Confessionen fernstehen. Aber es ist nicht so. Die katholischen Blätter auch jenseits des Oceans treiben ganz dasselbe Spiel gegen die Juden, mit denselben Schmähungen, mit derselben Rohheit, mit demselben Wuthgeheul. Wir werden unten ein Pröbchen davon geben, eines von vielen. Was, fragen wir, wollen denn die Katholiken von den Juden in Amerika? Dort ist kein Streit mit dem Staate, dort keine Ungunst irgend einer Eonfession, dort kein Hader zwischen den verschiedenen Confessionen, dort haben sie die volle Freiheit, nach welcher sie in Europa schreien — aber freilich jede andere Confession hat dieselbe Freiheit! Die katholische Kirche hat also in Amerika, wo auf hundert Christen kaum ein Jude kommt, doch gewiß nichts von diesen zu fürchten. Dies ist der eine Punkt. Der andere ist: alle diese großen und kleinen Blätter stehen unter der Autorität des Papstes, der Bischöfe, der Pfarrer und Caplane, werden von den ersteren belobt und unterstützt, von den letzteren redigirt. Diesen Blättern schließen sich dann zahlreiche Pamphlete, Brochüren, ja, dicke Bücher an, welche, fast mit kirchlicher Autorität versehen, gegen die Juden, das Judenthum und insonders den Talmud geschleudert werden, also ein förmlich organisirter Krieg. Aus diesen beiden Gründen folgert es sich von selbst, daß diese Hetze gegen die Juden nicht die Sache Einzelner ist, sondern — die ausgegebene Parole der gesammten katholischen Kirche als solcher, daß der Haß und die Verfolgung der Juden ein Credo der katholischen Hierarchie geworden. Dieser Schluß betrübt uns sehr, aber wir können unsre Augen nicht mehr vor dieser Thatsache verschließen, und immer ist es besser, einer Gefahr in's Auge zu sehen, als sie sich verhüllen und verschleiern zu wollen. Wenn wir die Träger und Werkzeuge der Kirche ununterbrochen und in allen Ländern der Erde in derselben Weise aggressiv Vorgehen sehen, so können wir uns nicht mehr verbergen, raß dies ein allgemeiner Grundsatz und Zweck, ein integrirender Theil des Wesens dieser Kirche geworden. Da wüsten wir denn auch den Blick rückwärts wenden und die Gegenwart an eine anderthalb Jahrtausende lange Vergangenheit, über den kurzlebigen Anflug eines humaneren Geistes hinweg, knüpfen, und nach dem katholischen Grundsätze: was Alle und zu allen Zeiten in der katholischen Kirche glaubten, das ist katholisches Dogma, sind wir zu der traurigen Annahme genöthigt, Judenhaß und Judenverfolgung stehen einem Dogma der katholischen Kirche gleich. Wir bekennen, daß uns Juden der Begriff einer ecclesia miliians völlig abgeht. Bereinigung zu gemeinsamen Bekenntniß von Glaubenssätzen über Gott, Welt und Mensch, zur gemeinsamen Anbetung Gottes und zu einem gleichartigen, gottgefälligen, sittlichen Lebenswandel, eine wie unsere h. Schrift sagt, „Gemeinde des Ewigen", „heilige Zusammenberusung" ('r: n?, vrip N-p-;), eine solche mit Waffen geistlicher und weltlicher Art ausrücken zu sehen, um Andersgläubige sich zu unterwerfen oder zu vernichten, Abgefallene zu züchtigen und zur Rückkehr zu zwingen, erscheint uns als ein Widerspruch in sich selbst. Aber zugegeben, daß eine ecclesia miliians besteht, so begreifen wir, daß dieselbe mit dem Staate kämpft, um Hoheitsrechte über ihn zu üben, daß sie mit dem Protestantismus ringt, den sie als von sich abgefallen betrachtet, daß sie mit der griechisch-katholischen Kirche um ein möglichst großes Terrain sich streitet — was sie aber in solche Kampfeswuth gegen die zerstreuten kleinen Häuflein der Juden versetzt, das ist es, was uns unerfindbar ist, noch dazu in der Gegenwart, wo sie trotz Allem die Existenz irgend einer anderen Religionspartei dulden zu müsten gelernt hat. Um nur irgend einen Borwand zu haben, übertreiben ihre Verfechter den Einfluß der Juden — denn eine Macht können sie ihnen

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