Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1875)
- Date
- 1875-05-04
- Page
- Seite 300 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227034--33499-3303297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Fälschung, die Juden hätten nur freiwillig Palästina verlassen und die Römer sie gar nicht daraus vertrieben. Weiß der Verf. nicht, daß Nebuchadnezzar die Juden als blutgetränkter Sieger nach Babel führte, daß Alexander d. Gr. '100,000 Juden mit Gewalt nach Alexandria versetzte, ebenso Seleucus nach Seleucia, Antiochus nach Antiochia, daß die unaufhörlichen Kriege zwischen den Egyptern und Syrern, die immer über Palästina hinrasten, zahllose Juden zwangen, aus ihrem verheertem Lande zu fliehen, daß endlich die Römer noch fast drittehalb Jahrhunderte nach Titus mit den Juden kämpften, um sie gänzlich aus Palästina zu vertreiben? Nein, nicht ihr Wille und ihr Plan, sondern die Gewalt entwurzelte sie aus dem Lande ihrer Väter und schleuderte sie über die Oberfläche der Erde; aber diese Gewalt war ein Werkzeug der Vorsehung, nicht, wie die Christen meinten, als ein Fluch, sondern um sie zu erhalten für lange Jahrtausende! — Dann beliebt es dem Verfasser, von den Juden überall zu sagen, sie wären in die Länder „eingedrungen", in dieselben Länder, in welche die barbarischen Nationen der Völkerwanderung wirklich eingedrungen waren, die Völker ausgerottet oder zu Sklaven gemacht und die Werke der Cultur zertrümmert hatten. Dem Verfasser scheint eine solche Einwanderung gerecht und rechtmäßig, eine friedliche Niederlassung einiger betriebsamer Familien ein Verbrechen zu sein! — Mehr aber wiegt es noch, wenn der Verfasser den ganzen religiösen Inhalt in der Existenz der Juden völlig ignorirt. Ihm existiren die Juden nur, um zu „handeln", und sie lassen sich morden, verbrennen, ihrer Güter berauben, in's Elend Hinausstoßen nur — um Güter zu erwerben. Die Unsinnigen — sie hätten es doch so leicht gehabt, sie hätten alle mögliche Freiheiten und Rechte gehabt, sobald sie sich hätten — laufen lassen! Sie hätten dann nicht die wenigen schmalen Erwerbszweige gehabt, sondern alle, alle Wege, Reichthümer zu erwerben, hatten ihnen offen gestanden. Bon dieser einfachen Wahrheit, daß die Juden nur um ihrer Religion willen geblutet und geschmachtet haben, da sie ohne diese all' der Verfolgung und des Druckes enthoben gewesen wären, hat der Verfasser nicht die geringste Ahnung. Doch wir wollen ihn deshalb nicht hart anlassen, vielleicht hat den Sinn dafür der französisch und englisch schreibende Major Osman Bey auf seinem Wege durch die Gebiete mehrerer Religionen verloren. — Endlich ist es geradezu eine naive Unverschämtheit, wenn der Verfasser den Juden einen Borwurf daraus macht, während des Mittelalters nirgends ein Stück Land cultivirt zu haben. Ist es ihm denn niemals bekannt geworden, daß es ihnen überall, in vielen Ländern bis 1848, gänzlich verboten war, ein Stück Land zu erwerben und ein anderes Gewerbe als Trödel und Geldhandel zu betreiben? Hätte er dies gewußt, vielleicht hätte er sich doch besonnen, den Juden den Geldhandel als einen nationalen Plan und als ihren einzigen von ihrem Entstehen an zu insinuiren. Man wird aber bei einer solchen Unkenntniß der wirklichen Dinge es bei dem Verfasser erklärlich finden, wenn er nun zu seinem Hauptcoup kommt, und unter den Juden früher oder jetzt einen Verband, eine Vereinigung der geschlossensten Art voraussetzt, in welcher Alle von einem Ende der Welt zum anderen auf's Engste verbunden sind, um im Zusammenhänge wie ein vollkommner Organismus sich der gesammten Finanzen und dadurch der Herrschaft der Welt zu bemächtigen. Was hat er für Beweise hierfür? Nichts als den negativen, daß, wenn Juden in irgend einem Lande verfolgt werden, die anderen sich ihrer annehmen. Nun, findet das bei den Christen nicht auch statt? Nehmen sich die Katholiken verfolgter Katholiken in China nicht an? Erhoben sich nicht die Protestanten wie ein Mann, als ihre Religionsgenossen in Toscana bedrückt wurden? Oder protestiren sie nicht gegen die Maßnahmen des gegenwärtigen spanischen Ministeriums? Schicken sie nicht Abgeordnete an den Sultan, da sie die Protestanten in Syrien verfolgt glauben? Nein, eine solche Solidarität ist noch lange keine Verschwörung zu einem bestimmten Zwecke. Und wenn bei den Juden dieses Gefühl der Solidarität etwas lebhaft ist, so wurde und wird es ihnen von ihren Verfolgern und Schmähern aufgedrungen und wach erhalten, da sie uns Allesammt immer mit demselben Hasse bedrohen und dasselbe Schicksal zu bereiten suchen. Wir Juden fühlen uns in dem Bewußtsein unsres einigen religiösen Bekenntnisses unsrer Abstammung und der gleichartigen Stellung, in die man uns immer wieder hineindrängt, geeinigt. Aber darüber hinaus geht es nicht; es fallen wohl einige Brosamen vom Tische des Einen für den Hunger des Anderen. Aber zu irgend einem gemeinsamen Zwecke, zu irgend einem großartigen Unternehmen reicht diese Solidarität ebenso wenig aus, wie bei den Christen und Mohammedanern. (Schluß folgt.) Sfeettuitcj Änadattcfetaa. Deutschland. Leipzig, 29. April. Dringenden, an ihn seitens der nationalliberalen Partei ergangenen Gesuchen nachgebend, hat der Reichsgerichtsrath Dr. Goldschmidt endlich seine Einwilligung zu feiner Aufstellung als Candidat für die durch den Rücktritt des gewesenen Viceburgermeisters Stephani erledigte Verttetung Leipzigs imReichsparlament gegeben, und ist alle Aussicht zu seiner Wahl vorhanden. Prenzlan, 15. April. (Privatmittheil.) Am 11. dieses fand die Feier des sünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläums unsres Rabbiners Herrn Or. Lazarus statt. Die Theilnahme, welche nicht blos die Gemeinde, sondern die ganze Stadt und viele