Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1875)
- Date
- 1875-04-27
- Page
- Seite 284 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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284 und die Intention der Behörden kundgiebt, den Austritt aus dem Gemeindeverbande nicht zu sehr erleichtern zu wollen, — hat endlich ihren befriedigenden Abschluß gefunden. Der verwaiste Rabbinerstuhl ist Gott Lob! wieder besetzt, und wie Sie aus nachstehendem Berichte ersehen wollen, durch einen Mann, der geeignet und befähigt ist, den Anforderungen zu entsprechen, welche würdige Borgänger dem Nachfolger auferlegen, und welche der ausgedehnte, viel umfassende Wirkungskreis eines hannoverschen Landrabbiners erheischt. Der zweimal einstimmig erwählte, so sehnlich erwartete Herr Di. Buchholz aus Stargard, seit Monaten durch schwere Erkrankung eines theuren Familiengliedes zurückgehalten, war endlich am 31. v. Mts. im Stande, den vielfach an ihn gerichteten Bitten zu entsprechen. Der Gesammtvorstand war demselben bis Leer entgegen gereist, um ihn einzuholen, und am Bahnhose erwartete ihn ein großer Theil der Gemeinde. Schon am 2. d. Mts. fand vor versammelter Gemeindevertretung die Bereidigung und Jnstallirung durch den von König!. Landrostei hierzu als Commissarius designirten Herrn Oberbürgermeister Hantelmann statt, und Samstag, den 3., hielt der neue Landrabbiner seine Antrittsrede. In Folge des Rufes, welchen l)r. B. durch die s. Z. in Gegenwart vieler christlicher Zuhörer gehaltene Probepredigt sich bereits hier erworben, sowie auch, und vielleicht noch mehr aus Beranlaffung eines Artikels, den derselbe vor einigen Wochen, von Stargard aus, der Ostsriesischen Zeitung eingefandt, zur Abwehr und Bertheidigung für Judenthum und Judenheit, gegen einen Schmähartikel in einem seit Neujahr hier erscheinenden anderen Blatte, hatten sich außer dem Herrn Oberbürgermeister, den meisten Senatoren, Bürgervorstehern und dem Landtagsdeputirten auch viele christliche Bürger unserer Stadt und der Umgegend, Herren und Damen aus der liauit* volee, wie aus dem Mittelstände eingefunden, um den Mann zu hören, der so meisterhaft Wort und Feder zu handhaben wisse. Wir erinnern uns nicht, in den letzten zwanzig Jahren die weiten Raume der großen Synagoge so gedrängt voll gesehen zu haben; da war kein Plätzchen — menschenleer. Nachdem der Landrabbiner in der Einleitung in bescheidener, anspruchsloser Weife sich über die Bedenken ausgesprochen, die seine Annahme verzögert hatten, entwickelte derselbe in einstündigem, freiem Bortrage das Programm seiner künftigen Wirksamkeit. Der Raum dieses Blattes gestattet uns nicht, den Inhalt der Predigt auch nur in Umrisien wiederzugeben; dieselbe wird jedoch auf vielfaches Verlangen demnächst in Druck erscheinen, und werden wir dann nicht verfehlen, Ihnen, Herr Redacteur, ein Epemplar einzusenden. Nur so viel sei hier gesagt, daß diese Antrittsrede die Probepredigt weit überstrahlte und die kühnsten Erwartungen des Auditoriums übertroffen wurden. Die Disposition war klar und durchsichtig, verständlich auch für den minder Gebildeten; die Sprache edel und gewählt, an vielen Stellen hochpoetisch; neben reicher Gedankenfülle — hinreißende, zündende Beredsamkeit; Bibelverse und Midraschstellen ohne Ueberladung und sorgsam vertheilt; Haltung und Gesten dem norddeutschen Gefchmacke entsprechend. Der Eindruck auf das hiesige seit fünfunddreißig Jahren an deutsche Predigt gewöhnte und daher nichts weniger als anspruchslose Publikum, — auch der verstorbene Landrabbiner ür. Hamburger galt als ausgezeichneter Kanzelredner — war daher ein so bewältigender, daß wir ihn kaum zu schildern vermögen. Unsere Glaubensgenossen fühlten sich mächtig erhoben und begeistert, und die christlichen Zuhörer schienen förmlich von einem Rausche und Enthusiasmus befangen, der, wie wir glauben, noch lange, lange anhalten wird. Der „jüdische Pastor" bildet das Tagesgespräch in allen Zirkeln und Gesellschaften, und noch heute, wenn uns ein Bekannter sieht, eilt er auf uns zu, schüttelt uns die Hand und beglückwünscht uns und der ganzen Stadt zu solcher Acquisirion. Ebenso sagt die „Oslft. Ztg." am Schlüsse ihres Referats in Nr. 78: „Die israelitische Gemeinde kann sich zu solcher Wahl von ganzem Herzen gratuliren, und unsere Stadt, an die Redner sich schließlich wandte und versprach, ihr ein tteuer Bürger sein zu wollen, während er bat. auch ihn und die Seinen mit werklhätiger Menschenliebe aufzunehmen, — wird gewiß diese Bitte stets und gern berücksichtigen." Schon am folgenden Tage, nachdem bereits die Mitglieder des Geuleindevorstandes ihrer Freude durch ein werthvolles Geschenk Ausdruck gegeben, veranstalteten die Repräsentanten zu Ehren des Herrn Landrabbiners ein schnell improvisirtes Festessen, zu welchem sämmtliche Mitglieder der Gemeindeverwaltung und Schulcommission, die Vorstände der wohlthätigen Vereine und die Beamten eingeladen wurden. Die Räume des sonst nur ernsten Beralhungen dienenden Gemeindesaales, in aller Eile reich decorirr, schauten für diesmal ein heiteres, gemüthliches Publikum. Erst in später Mitternachtssiunde trennte man sich, Rabbiner und Gemeinde, sicherlich in der Ueberzeugung, daß beide einander vertrauen dürfen und daß ihr gemeinsames Wirken ein einträchtiges und segensreiches sein werde. Dresden, 15. April. ^Privatmitth.) Ich schicke Ihnen folgende Briefe zur Veröffentlichung in Ihrem Blatte, der Zeitung des Judenthums. Die Documente sprechen genügend und ersparen mir jede weitere Bemerkung. Bend an, l>r. jjhil. Herrn Dr. pliil. D. Bendan. Hochgeehrter Herr! Ich bin darüber erstaunt jetzt erst zu erfahren, daß Ihre Kinder mosaischen Glaubens sind; es wäre Ihre Pflicht gewesen, dies bei der Aufnahme zu sagen. 'Nach $ ti des Gesetzes vom 26. April 1373*) bin ich nicht mehr in der Lage, Ihre Kinder *) Wie lautet dieser $ r» eines Gesetzes, das jüdische Kinder vom Schulbesuch ausschließen soll und nach dem Bundesjetzt Reichsgesetz vom 3. Juli 1869 erlassen wäre? Redaction.