Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1875)
- Date
- 1875-04-27
- Page
- Seite 281 (sequence 3)
- Language
- German
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281 Vorstellungen entschieden absehen und sie allein durch sich selbst zu ersaffen versuchen. Der wichtigste Anhallpunkt ist hier, daß da, wo von der zukünftigen, aus der ms:;: stattsindenden Offenbarung die Rede ist, immer gesagt wird, daß Gott reden wird von der '-T2 herab „von zwischen den beiden Cherubim her -2-2 -,'22 sranarr V. 22 und 4 M. ", 89. Hierin liegt nun der Gedanke der mosaischen Cherubim. Im l Mos. 3, 24 werden die Cherubim, nachdem der Mensch aus dem Garten Eden, d. i. der Unschuld und unmittelbaren Göttlichkeit (s. ausdrücklich kort P. 22) vertrieben worden, an die Morgenseile Edens gesetzt, D'nn yy ■jts ns* —ccr den Weg nach dem Baume des Lebens zu wahren, sie treten also zwischen Mensch und Golk, und, ohne daß Gott die Verbindung mit dem Menschen aushebt (s. schon wieder 1 M. 4) versiegeln sic koch dem Menschen die reine Göttlichkeit, in die er niemals ausgehen soll. Hier nun ist die göttliche Offenbarung theils gegeben vorhanden, theils soll sie weiter auf der ‘-.zy vor sich gehen, das göttliche Wesen tritt dem Menschen wieder unmittelbar näher — aber auch dieses soll dennoch gewiffermaßen begrenzt sein, und nicht die ganze, vollkommene Göttlichkeit dem Menschen bringen, nicht die göttliche Wahrheit in ihrer Unermeßlichkeit und Unbegrenztheir, sondern nur zu menschlicher Erkenntniß und zu menschlicher Heiligung. Darum, wie die Sühnplatte die gegebene Offenbarung abschließt, so treten auch hier die Cherubim um die zukünftige Offenbarung herum, und bezeichnen ihre Abgrenzung, daß der Mensch auch im Besitz ihrer Mensch bleibt, und nicht Gott wird, daß auch in der Offenbarung die Göttlichkeit begrenzt zum Menschen tritt. Darum tönt die Stimme von der Sühnplatte herab, aber von zwischen den Cherubim hervor, durch diese begrenzt und abgeschloffen, indem sie zugleich selbst die Sühnplatte räumlich begrenzen (i'PLp -:w rr), darum breiten sie ihre Flügel in der Höhe über die Sühnplatte hin und neigen ihr Antlitz ihr zu; darum erscheinen sie auch auf dem innersten Teppich der Wohnung, 29, 1, und dem Vorhang 29, 31, um so das Heilige wiederum im Allgemeinen abzugrenzen. Der symbolische Begriff der Cherubim war also ursprünglich: (1 Mos. 4, 24): Die Wacht des Göttlichen, die Scheidung des Göttlichen vom Menschlichen, des Ewigen, Unveränderlichen, Absoluten der Gottheit von dem Vergänglichen, Veränderlichen und Individuellen des Menschen. Dieser Begriff tritt nun im Cherub auf der Sühnplatte specisisch für die göttliche Offenbarung hervor. Auch diese Offenbarung soll in ihrem Inhalte über das Maß der menschlichen Erkenntniß und Heiligung nicht hinausgehen, und jede Vermischung des Göttlichen und Menschlichen zurückweisen. Hier geschieht, dies ist der eigentliche Gedanke, die göttliche Offenbarung an den Menschen; aber hüte Dich zu glauben, daß sie dem Menschen Ausschlüffe giebt, die über die Grenzen des irdischen Daseins und der menschlichen Fassungskraft hinausgehen'. — Es ist dies ein hoher und bedeutungsvoller Gedanke des Mosaismus, der uns in seinem ganzen Werlhe erscheint, wenn wir an die Mystik denken, welche vorher und nachher mit der Vorstellung göttlicher Offenbarung getrieben wurde, und wie man bis zur Vergöttlichung menschlicher Wesen und bis zur Menschwerdung Gottes ging. Wer die Lehren der ganzen heiligen Schrift Israels genauer prüft, wird finden, daß diese Grenzlinie zwischen Gott und Mensch sorgfältig gewahrt ist, daß jene nirgends mystisch über die Welt des Menschen hinausgehen, wie dies der Psalmist zum Ausdruck bringt, indem er den Menschen als „der Gottheit um wenig nachstehend" feiert, zugleich frägt: „Was ist der Mensch, daß Du noch sein gedenkest?" und jene hohe Stellung des Menschen doch nur in seiner Herrschaft über die irdischen Wesen findet. In großartiger Weise wird derselbe Gedanke 2 Mos. 33, 18—20 ausgedruckt: „Und er sprach: Laß mich doch schauen Deine Herrlichkeit! Er aber sprach: Ich werde vorüberführen meine Allgüte vor Dir, und bei Rainen ausrusen den Ewigen vor Dir, und wie ich begnadige, wen ich begnadige, und wie ich mich erbarme, deß ich mich erbarme. Tann sprach er: Du vermagst nicht mein Antlitz zu schauen, denn nicht schauet mich der Mensch und lebet." Darum wohl auch giebt die mosaische Urkunde nur Andeutungen über die Unsterblichkeit der Seele, stellt aber keine bestimmte Vorstellung über dieselbe auf. Wird nun diese Grenzscheide zwischen Göttlichen und Menschlichen in der h. Schrift überall ausgesprochen, so tritt sie in den Cherubim aus der Sühnplatte dem kindlichen Geiste des Volkes symbolisch sichtbar entgegen. Hiermit stimmt denn auch die wiffenschaftliche Etymologie überein.*» Man wird auch zugestehen muffen, daß der Gedanke nicht einfacher hätte symbolisch ausgedrückl und nicht mehr ohne jeden künstlichen Apparat erkennbar gemacht werden können. Wie der Cherub mit dem flammenden Schwerte einfach den Weg zu göttlicher Erkenntniß und ewigem Leben bewacht und versperrt: so zeigt auch wie von selbst, sobald die Lade mit der Sühnplatte die Stätte der göttlichen Offenbarung ist, der über die Sühnet Im Talmud wird 21 -o erklärt rr-rnm „wie ein Jüngling" Chag. 13, 2. Obschon es sich voraussetzen läßt, daß der Cherub eine Menschengestalt hatte (wie dies selbst bei Jecheskel der Fall ist), so ist doch diese Etymologie unannehmbar. Andere sahen mit Hinblick auf Ps. 18, 11 eine Buchslabenversetzung 2-0 statt 22-! darin, was gewiß zurückzuweiscn. Ferner wurde es vom chaldäischen 2m „Pflügen" oder dem arabischen „ängstigen" abgeleitet. Das Richtige ist, es vom v. inus. 212 „greifen, packen, festhalten" abzuleiten, welches Grundwort in semitischen, wie in außersemitischen Sprachstämmen sich findet, z. B. im Sanskrit gribli, im Persischen girifien, im Griechischen yorrr, yor(f u. s. w. In alten Mythologien werden die Greife als Wächter eines großen, den Göttern gehörenden Goldschatzes angesehen, und immerhin giebt uns dies ein Analogon, wie ähnliche Gedanken in rer ursprünglichen Zeit der Symbolik ähnlich zum Ausdruck kamen.