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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-27 · Heft 18 (27.4.1875) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 18 (27.4.1875)
Date
1875-04-27
Page
Seite 280 (sequence 2)
Language
German
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280 Schaden in der Meinung der Menschen bewirkte. Dadurch, daß alle Kirchen — wir verstehen darunter in diesem Augenblicke alle Religionsgenossenschaften — ihre äußerliche Machtstellung verlieren, tritt die Religion in die freie Uebung ihrer inneren Gewalt und ihres Einflusses ein, verliert alle die dunklen Schatten, die sich auf sie gelagert haben, und wird zu dem einfachen reinem Lichte, das sie zum Segen der Menschen sein soll. Es versteht sich, daß wir nicht meinen, dies werde alsbald mit der Aufhebung von Verfassungsparagraphen unv Streichung von Gesetzen oder überhaupt an der Hand gesetzgeberischer Acte sich vollführen — wohl aber ist es tröstlich unv aufklärend, wenn wir eine negative Tendenz der Zeit in ihren zukünftigen positiven Ausläufen erkennen. Wir rüsten uns dann im Voraus, nach dem eigentlichen Ziele der Entwickelung zu schauen und diesem, so weit es an uns ist, unsere Kräfte zu widmen, von den Leidenschaften des Augenblicks uns zu reinigen und mit sittlichem Ernste die Lebensbedingungen der Zukunft zu erörtern und uns klar zu machen. Die Symbolik -es mosaischen Heiligthums. III. Die Cherubim. Aus den beiden Seiten der Sühnplatte erhoben sich die zwei Cherubim, getriebene Arbeit, um die Untrennbarkeit der Cherubim von der Sühnplatte zu symbolisiren, während diese nur auf den Wänden der Lade auflag. Es ist hiermit offenbar angedeutet, daß die Sühnplatte eine besondere, selbstständige Bedeutung hatte, wie wir sie auch kennen gelernt, die Cherubim hingegen nur eine secundäre, zum Zwecke der Lühnplatte gehörige, besaßen. Welche war diese nun? Die Etymologie des Wortes könnte uns hierbei irriger Weife beeinflussen, und wollen wir ihrer daher erst spater Erwähnung thun. Ueber die eigentliche Gestalt dieser auf der Sühnplatte befindlichen Cherubim giebt uns das Textwort weder 1 Mos. 3, 24 noch 2 Mos. 25, IS ff. Ausschluß. Es sagt uns nur, daß sie ihre Flügel über die Sühnplatte auSbreiten und sie überdecken, ihre Gesichter, eines zum anderen, zur Sühnplatte herabgeneigt sein sollen. Hieraus läßt sich voraussetzen, daß sie nur je zwei Flügel hatten, aber mit Bestimmtheit schließen, daß jeder Cherub nur ein Gesicht hatte, weil sonst die beiden es nicht einer zum andern und zugleich zur Sühnplatte herabgeneigt haben konnten. Auch die ungefähre Größe kann daraus gedacht werden, da so jeder Cherub nur etwa die Hälfte der Länge der Sühnplatte haben konnte. Ganz anders erscheinen die Cherubim in der Vision des Iecheskel und wiederum anders in anderen Theilen des Buches des Iecheskel. Der Prophet sieht ihrer vier mit vier Gesichtern und vier Flügeln, Menschenhände unter den vier Flügeln, an sich Menschengestalt, jedoch die vier Gesichter ein Menschen-, ein Löwen-, ein Stier- und ein Adlergesicht; von den vier Flügeln jedes Cherubs waren zwei sich über das Haupt zusammenschließend und zwei bedeckten nach unten den Körper; ihr Aussehen war wie glühende Feuerkohlen und aus dem Feuer fuhren Blitze. Es leuchtet ein, daß diese visionären Gestalten mit den Cherubim auf der Sühnplatte nicht identisch sind. Aber ihre Verschiedenheit erweist sich auch noch aus anderen Gründen. Weshalb beschreibt Iecheskel die Cherubim so weitläufig, wenn er sie als bekannt, wie sie dies von den Wänden,. Thüren des Tempels und von der Lade sein mußten, vorauszusetzen hatte? Erkennt er sie nicht spät erst als Cherubim, nachdem er sie längst beschrieben 10, 20 rvzr: 'r?-;sn. Sind überhaupt die Cherubim seiner Beschreibung nach plastisch darstellbar? Variirt er nicht selbst in der Darstellung derselben, da er 2S, 11 den König von Tyrus einen Cherub nennt, und 1 l, l S. 10 den wirklichen Cherubim in seinem Tempelentwurs nur zwei, einander abgewendete Gesichter, ein Menschenunk ein Löwengesichr giebt? Diese Verschiedenheit der visionären von den mosaischen Cherubim ist allerdings von den Erklärern anerkannt worden; dann aber mußten sie auch eine ganz andere symbolische Bedeutung voraussetzen und dies ist es, was auch Baehr nicht gethan. Für die mosaischen Cherubim ist daher die Erklärung Philo's, der den viergestaltigen Cherub als Einsicht und Wissen, Gnade und Strafe Gottes, oder Bochart's, der den Stier als Bild der Beständigkeit, den Menschen der Humanität, den Löwen der Großherzigkeit, den Adler der Erhabenheit erklärt, oder Baehr's, der den Stier als schassende Kraft, den Löwen als göttliche Majestät, den Adler als Allwissenheit, den Menschen als absolute Geistigkeit deutet, gar nicht zu brauchen. Zwischen den mosaischen Cherubim, die auf der Sühnplarre plastisch dargestellt wurden, und den visionären des Jecheskels erscheint aber noch eine dritte Vorstellung. Die Cherubim werden als Träger der Gottheit gedacht, über denen Gott thront, bis er, poetisch ausgedrückt, auf ihnen (wie auf Wolken) dahinfährt. ,Ps. 99, 1. 1 Sam. 1, 1. 2 Sam. 6, 2. 2 Kön. 19, 15. 1 Chron. 13, 6. Pf. SO, 2. Jes. 37, 16. Pf. 18, 11. 2 Sam. 22, 11.) Auch diese Vorstellung variirt entschieden von der mosaischen; denn die nach vorn gebeugten, die Flügel über die Sühnplatte breitenden Gestalten können nicht als Träger, auf denen „gethront" wird, angesehen werden. Was folgt nun hieraus? Nichts Anderes, als daß wir von der einfachen Erwähnung der Cherubim am Schlüsse der Geschichte des Paradieses bis zu der vielgestaltigen Vision Jecheskels eine Entfaltung der Vorstellung von den Cherubim anerkennen müssen, eine Entfaltung, welche die symbolische Bedeutung umgestaltete und hiernach auch die äußere Darstellung der Cherubim völlig verändert sich dachte. Glücklicher Weise vermögen wir diese Entfaltung zu verfolgen und gelangen hierdurch so recht zu einem Einblick in den Entwicklungsgang der Symbolik überhaupt. Jedenfalls müssen wir, um die mosaischen Cherubim zu verstehen, von allen später»

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