Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 17 (20.4.1875)
- Date
- 1875-04-20
- Page
- Seite 273 (sequence 11)
- Language
- German
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273 Ganze immer wieder mir glühenden Poesien durchflochten oder vielmehr abgeschloffen, wie der Segen Jakobs, der Gesang am rochen Meere, der Sang Mosis und sein Segen: ja selbst die Züge durch die Wüste von Strophen der Volkslieder und von den glänzenden Segenssprüchen Bileams beleuchtet? Und wie wurde nun dem Volke das heißeste religiöse Gefühl durch die in ihm immer mehr anschwellende religiöse Lyrik und Musik, geweckt und zum Ausdruck gebracht? Wie? schöpft nicht die ganze religiöse Welt noch heute aus den Psalmen und Propheten die Ausspruchsweise ihrer religiösen Empfindungen und jeder wahrhaften Begeisterung für das Hohe, Edle, Sittliche, für die Freuden und Schmerzen des Menschenherzens, für jede Beängstigung und Befreiung unsrer Seele? So tief war das Bedürfnis darnach im Volke wach, daß auch die einfachen Geschichtsbücher, z. B. das Buch der Richter und die zwei Bücher Samuelis, nicht ohne die Einfügung solcher erhebenden Gesänge gelaffen werden durften, und als später der Ouell der Poesie vertrocknet war, mußten wenigstens Reden und Gebete hineingebracht werden, wie z. B. im Buche Esra und Nehemia. Endlich, was im jüdischen Volke an philosophischen Gedanken und Philosophiren erstand, wandte sich immer mehr auf die Seite des Gefühls, als eines wirklich philosophischen Erkennens. Das ganze Buch Hiob, wie es an sich eine Gefühlsgrundlage hat, richtet sich mehr an die Entwickelung und Läuterung der Empfindungen, als an eine logische DurcharbeiMng des Gedankens. Das viel nüchternere Buch Koheleth läuft doch bei Weitem mehr auf die Empfindungen der Enttäuschung und Nichtigkeit und wiederum auf die Gefühle der Gottesfurcht und des Gottvertrauens, auf die Befriedigung des Verlangens im menschlichen Herzen nach Freude und Lust innerhalb der Schranken eines pflichtgetreuen Lebenswandels hinaus , als auf ein klares durchsichtiges System. So war der Religion der würdigste und nachhaltigste Charakter gegeben, eine Verschmelzung und Durchdringung des Verstandes und des Gefühls. So war sie das feste Himmelsgewölbe geworden, an dem die leuchtende und wärmende Sonne strahlte, der Höhenzug, an welchem die grünen Waldungen aufsleigen und die rieselnden Quellen niederfielen, ein großartiges Werk, das die bewegende Kraft des Feuers und des Waffers in Thärigkeit setzte. Wie nun weiter? Die große talmudische Epoche zeigt uns die entschiedene und ausschließliche Richtung auf die Thärigkeit des Verstandes. Es galt vor Allem, ras Princip zu verwirklichen, eine religiöse Lebensordnung aufzustellen, in welcher das Kleinste wie das Größte bemeffen und bestimmt sei, aus der Religion ein großes Rechtsgebiet zu machen, auf welchem jede Vornahme vorgeschrieben und die Minimalgrenze festgestellt sei, mit welcher die Uebertretung, die Versündigung beginne. Während dem Ermeffen des Individuums vermittelst seines Verstandes nichts überlasten wurde, ward dieser Verstand durch die casuistisch - legislatorische Thätigkeit auf's Aeußerste angeregt und unermüdlich beschäftigt. Die Erörterung von Religionswahrheilen und sittlichen Vorschriften verschwand aus dem officiellen Judenthume, das diese als gesichert und wohlbekannt voraussetzte. Was nun außer dieser Gesetzgeberei übrig blieb, das wurde zwar in der Agava reichlich behandelt, aber auch hier nicht im unmittelbaren Fluffe der Gefühle, sondern vermittelst res Gleichniffes der Legende und Fabel. Es offenbart sich hier nicht selten das tiefste und lauterste Gefühl, aber erst durch die witzige und sinnige Einkleidung hindurch. Nur höchst selten ist daher im ganzen Talmud sammt den Midraschim irgend ein Durchbruch der unmittelbaren Empfindung, irgend ein Aufschwung des Geistes, also der Rede. Entbehrte nun das Volk während dieser langen Zeit der Strömung des religiösen Gefühls? Schwerlich wäre sonst die Religion bestehen geblieben, schwerlich hätte sie sonst eine solche Herrschaft üben können, wie sie dies bei den Juden gerade am meisten während des ganzen talmudisch - rabbinischen Zeitalters gethan hat. Was für die Erhaltung des religiösen Gefühles am meisten that, war das Geschick des Volkes, das Geschick, das die Famimilien und die Individuen traf. Wo ein solcher Druck, eine solche Verfolgung, ein solcher immerwährender Wechsel der Schicksale auf Menschen trifft, und Liese dennoch treu und ausdauernd bleiben, da kann jedes Opfer nicht ohne große Erregung des Gefühls gebracht werden, und muß naturgemäß dieses Gefühl von Neuem beleben und stärken. Der Talmud hatte für den Verstand ein unerschütterliches System geschaffen, das zwar nichts von allgemeinen Begriffen enthielt, sich aber doch dermaßen um das ganze Dasein wölbte, daß es eine lückenlose Ueberzeugung darbot. Das Gefühl der Wahrhaftigkeit, der Treue, des Gehorsams gegen Gott, der Anhänglichkeit an Volk und Familie wurde daher immerfort in dem Widerstande genähert, der zur Aufrechthaltung jenes Systems nach allen Seiten erforderlich war. Dasselbe nationale Geschick wies den Juten aus allem öffentlichen Leben in sein Haus, in den Schooß seiner Familie hinein. Diese machten den ganzen Inhalt seines Lebens aus. Gerade hier nun war auch die so gänzlich ausgearbeitete religiöse Sitte von außerordentlicher Wirksamkeit. Das Familienleben wurde in jedem Augenblick zu einem Gottesdienste, der, wenn auch ohne Eleganz und Prunk, seinen Schimmer über das Haus breitete und die Gefühle der Liebe und der Eintracht stets unterhielt. So kam es, daß die Juden bis zur neueren Zeit die merkwürdige Erscheinung boten, eine zersetzende Verstandesrichtung mit dem lebendigsten Gefühle zu verbinden, und zwar so, daß, wo jene thätig war, dieses schwieg, und wo das Gefühl sprach, der Verstand in Ruhestand versetzt zu sein schien. Wenn man Bibel und Talmud genauer vergleicht, so gewahrt man nicht selten, daß der letztere nicht bloß an die Bestimmungen der ersteren anknüpft, sondern auch dieselben Operationen von Neuem, jedoch in eigener Weise, vornimmt. Der mosaische Cultus war symbolischer Art. Ein solcher spricht den Geist mit bestimmten Gedanken und Gefühlen an, so lange das unmittelbare Verständniß in den Menschen lebendig ist. Sobald 17*