Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 17 (20.4.1875)
- Date
- 1875-04-20
- Page
- Seite 268 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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268 eigenen Ueberzeugung? Sei es ein Handwerker oder ein Künstler, wer irgend eine Arbeit zu Stande bringen will, der bedarf hierzu nicht blos deS Materials, das ihm die Natur geliefert, und andere Menschen zurecht gemacht haben, sowie der Werkzeuge, die ihm von anderen bereitet worden, sondern er wird auch nach dem Borbilve arbeiten, das er gesehen und zu dem Zwecke, der längst ausgestellt worden; Beschaffenheit, Einrichtung, Gestalt und Größe werden sich mehr oder weniger dem längst Dagewesenen anschließen. Wie wenig also ist da des Arbeiters eigenster Theil, und worin dieser selbst besteht, ist es höchst fraglich, inwiefern er zweckmäßig ist. Ganz ebenso verhält eS sich mit der Ueberzeugung des Einzelnen. Jedes Individuum steht auf dem Boden der Vergangenheit, schwimmt mit dem Strome der Zeit, athmet die Luft der Gegenwart. Was der Einzelne an Vorstellungen und Begriffen besitzt, besteht zum größten Theile aus Ueberliefertem, aus dem, was ihm in der Kindheit und Jugend gegeben worden und durch sein ganzes Leben hindurch gegeben wirk; auf seine Anschauungs- und Gefühlsweise haben den mächtigsten Einstuß seine Erzieher und Lehrer, die Menschen die ihn umgeben, die Zeiten und Oertlichkeiten, in denen er lebt, die Bücher, die ihm zur Hand sind, vor Allem aber die Verhältniffe und Geschicke seines Lebens. Was er hieraus mit eigener Kraft macht, was er mit bewußter Geistesthätigkeit in und aus sich schafft, ist schließlich ein kleiner Theil, bei der Mehrzahl der Menschen unbedeutend. Was folgt hieraus? Daß es eine gewiffe geistige Gesammtheit giebt, eine große Gemeinsamkeit der geistigen Arbeit, Entwickelung und Resultate, die fort und fort durch die Jahrtausende besteht, sich entfaltet, wächst, aufnimmt und ausscheivet, im Innersten Daffelbige entwickelt, sehr langsam und allmählich mittten durch den Wechsel und Kamps der Meinungen und Formen. Dieser geistigen Gesammtheit in Arbeit und Resultat gehört auch jedes Individuum an; sie ist der Boden, aus dem es herauswächst; von ihr empfängt es seinen größten Theil und seine immerfortige Nahrung und Beeinflußung, und innerhalb ihrer lebt es und wirkt was es vermag. In der That ist die Geschichte der Menschheit jetzt bereits soweit gediehen, und ihr Berständniß soweit gelangt, daß wir die Arbeit und Resultate ihrer Vergangenheit als ein Ganzes, als eine Gesammtheit, als ein großes Gewebe, in das alle Fäden zusammenlaufen und ein einheitliches Gebilde schaffen, zu übersehen und zu erkennen vermögen. Da geschieht es nun, wie es auch schon früher geschehen, daß Einzelne auftretcn. und die Ergebniffe jener Gesammtarbeit des Menschengeschlechts als falsch erklären, umstoßen und ein ganz Anderes an die Stelle setzen wollen. Unter dem Vorwände, daß der Autoritätsglaube verwerstich, ein Jeder sich seine Ueberzeugung frei bilden und dem Alien absagen müsse, stellt sich ein Solcher der Anschauung ier Gesammtheit gegenüber, um das Gegentheil zu lehren und womöglich zur Ausführung zu bringen. Wir haben gesehen, daß diese Verleugnung des Autoritätsglaubens nur innerhalb großer Beschränkung thatsächlich möglich ist, selbst bei den freidenkendsten Menschen; denn der Mensch kann von der Vergangenheit nicht loskommen, so wenig wie unsere Sohle vom Erdboden, und der Gesammtarbeit so wenig entbehren, wie unser Leib sich etwa nur von Licht und Wärme nähren könnte, dann aber ergeht es jenem gewöhnlich so, daß er für sich selbst einen ähnlichen Autoritätsglauben beansprucht und von seinen Anhängern auch erhält und sich so an die Stelle der menschheitlichen Gesammtheit setzt. Wir wollen hierfür, um recht anschaulich zu sein, ein Beispiel anführen. In der menschlichen Gesellschaft hat sich von ihrem Beginne an bis jetzt ein bestimmter gesellschaftlicher Zustand durch mancherlei Phasen hindurchentwickelt, der auf den Grundsätzen des persönlichen Eigenthums, der persönlichen Arbeit und des Austausches der Erzeugnisse beruht. Aus dem Zustande der äußeren und inneren Gebundenheit entwickelte sich durch die verschiedenen Gestaltungen hindurch zur freieren Beschaffenheit die heutige Gesellschaft, tie wiederum die breite Basis zu weiterer Entwickelung, immer aber aus denselben Grundsätzen, abgiebt. *) Jedenfalls sind Eigenthum, Arbeit und Austausch in möglichst freier Bewegung die Grundlage, der Inhalt und die Ergebniffe der Gesammtheit in ihrer Anschauung und Wirklichkeit. Da traten nun in der neueren Zeit Männer auf, welche diesen ganzen Aufbau der Gesellschaft für einen groben Jrrthum, jene Grundlagen für falsch erklärten. Eigenrhum, Arbeit und Austausch sollten durch eine unbedingte Gleichheit ersetzt werden, welche den Besitz aufheben und die Erzeugnisse gleichmäßig unter Alle vertheilen müßte, jedwede Art von Thätigkeit gleich erachtend und in Maaß und Werth als gleichschätzend unv belohnend. Es ist nicht schwer, diesen Grundsatz der unbedingten Gleichheit als ein Phantom nachzuweisen, das der Natur völlig widerspricht; nachzuweisen. daß es ein grober Jrrthum, denselben Arbeitstrieb und ohne jedwedes andere Motiv bei allen Menschen vorauszusetzen, und daß diese Gleichheit als oberstes Gesetz das Grab aller Freiheit, aller Persönlichkeit, aller Entwickelung und aller Lebensfreude werden würde. Dennoch fand, jenes Theorem seine Anhänger und Nachfolger und spielt in mancherlei Movificationen noch heute eine gewiffe Rolle.**) *) Soweit die Geschichte zurückreicht, zeigt sie uns die Gesellschaft im Zustande größter Gebundenheit, aus dem sie in langen Zeiträumen herausstrebte. Bei den Egyptern und Indern das Kastenwesen, bei den crstcrcn der Ausschluß aller Fremden, bei den letzteren selbst der Handel durch Gesetze in die engsten Wege gebannt, im ganzen Alterthnm das Sklaventhum, dafür im Mittelalter die Leibeigenschaft und erst in unsrer Zeit: der fteie Arbeiter, die Gewerbefteiheit, der Freihandel, die Freizügigkeit. Dies ist in großen Zügen der Entwickelungsgang in der Geschichte. Ueberall aus derGebundenheit zur fteien Bewegung. Mit tiefem Sinne läßt die heil. Schrift die Gesellschaft, nachdem der Mensch den Nawrzustand > das Paradies) verlassen, aus einem Bruderkampfe hervorgehen. **) Der schärfste Denker und ehrlichste Mann unter den Socialisten war unstreitig Proudhon; man lese die vor Kurzem erschienene Schrift von Samte - Beuve: Prnudhon, sa vie et sa rorrespondance. (Paris 1^75). Er, welcher mit der Leugnung des Eigenthnms und