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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-20 · Heft 17 (20.4.1875) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 17 (20.4.1875)
Date
1875-04-20
Page
Seite 267 (sequence 5)
Language
German
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267 Wege auszurotten? Gewiß hat er diese Pflicht, und wir bestreiten sie ihm nicht; aber indem er in den großen Kampf hinauszieht, thate es uns in der Seele weh, wenn er mit einer schnöden Unwahrheit belastet an's Werk ginge. Und eine Unwahrheit, eine arge Verleumdung ist es — hier sprechen wir mit dem Ernste, den die Sache und nicht Herr Jstüczy verdient — wenn der Mann in seiner Interpellation die Behauptung wagt, „die fünfziger Jahre haben bewiesen, daß die Juden bei uns der nationalen Sache nur so lange Anhänglichkeit bezeugen, als sie ihrer Macht dient." Alle die vielen sonstigen Albernheiten und gedankenlosen Aussprüche, von denen die Rede Jstüczy's strotzte, mögen sich unbeachtet verlieren, denn theils bewegen sie sich in aberwitzigen Vorstellungen, theils sind sie ganz allgemeiner Natur, und zum größten Theile bilden sie annectirtes Gut; aber in der erwähnten Phrase hat sich der Interpellant einer groben Unwahrheit, einer durch Thatsachen desavouirten Verleumdung schuldig gemacht, und wenn wir auch unseren jüdischen Mitbürgern nicht die Beleidigung anthun wollen, sie gegen Herrn Jstüczy zu vertheidigen, so können wir doch andererseits Herrn Jstüczy nicht so weil schonen, um ihn, nicht zu sagen, daß er in diesem Punkte wissentlich eine Unwahrheit gesprochen. Eine wissentliche Unwahrheit — denn wem sollte es unbekannt sein, daß die Juden Ungarns treu zur nationalen Sache gehalten unter allen Verhältnissen und zu jeder Zeit, selbst da ihnen das Loos der Heloten zugetheilt war und sie lediglich das Privilegium hatten, für bas Vaterland sterben zu dürfen, ohne ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Ist es denn schon aus dem Gedächtnisse der Lebenden geschwunden, welch' vollgerütteltes Maß an Opfern, an Gut und Blut die Juden im ungarischen Freiheitskampfe gebracht, im Kampfe um die Freiheit, die damals noch nicht diedes jüdischen Bürgers und nicht die der jüdischen Eonfession war? Oder hat man schon vergessen, daß der Druck, welcher in den fünfziger Jahren auf Ungarn lastete, von den jüdischen Einwohnern des Landes nicht minder tief empfunden ward, als von den übrigen Confessionen, und daß bei der ersten sreiern Regung das jüd. Element abermals in den vordersten Reihen der nationalen Kämpen gestanden und für die Forderung der nationalen Sache Alles aufbot, was in seiner Kraft stand und was in der Sphäre seiner Berechtigunglag? Es hat nicht im Reichstage Reden gehalten, es ist nicht an die Wahlurne geschritten, weil ihm Solches nicht erlaubt war; aber wo es galt, werkthätig in socialer Richtung einzugreifen, wo es galt, Opfer zu bringen für die nationale Sache, dort kam unter den Juden jener Patriotismus zur Entfaltung, der in den herrschenden Classen nicht immer ungetrübt zu finden ist: der Patriotismus voll Selbstverleugnung und Selbstlosigkeit, der Patriotismus, der keine persönliche Aspiration und keine Genossenschastsbegünstigung kennt, sondern einzig und allein die Sache des Vaterlandes. Lange, peinlich lange Zeit war für die Juden Ungarns das Vaterland allerdings ein abstrakter Begriff; sie hatten ja, soweit nicht von Pflichten allein, sondern auch von Rechten die Rede ist, in der That kein Vaterland und keinen Staat; aber gerade während dieser Zeit gaben sie den weithin sprechenden Beweis, daß sie treue und aufopferungsvolle Bürger Ungarns sind, ob sie auch nicht als Bürger gelten durften. Das ist die Wahrheit, und wer diese leugnet, den hat nur Gehässigkeit und Leidenschaft um alles gesunde Unheil gebracht, wenn ihm überhaupt je ein solches zu Gebote stand. Nur so viel wollten wir dem Abgeortneten des Rumer Bezirkes sagen. Der Rest aber ist Schweigen. Wäre ver Mann und seine Interpellation ernst zu nehmen, wir würden einer Erörterung rer „Judenfrage" nicht aus dem Wege gehen und wäre es auch nur, um die grenzenlose Frivolität Derjenigen zu kennzeichnen, die sich nicht entblöven, gewaltsam eine Frage hervorzuzerren, die in allen civilisirten Staaten der Welt völlig überwunden ist; wir würden insbesondere die Frage in Erwägung ziehen, ob sich aus unseren primitiven gesellschaftlichen Zuständen, in welchen die verwitterten Reste einer vergangenen Periode und die ungeklärten Elemente der neuen Schöpfung wüst und formlos ineinander gewürfelt sind, jemals ein gesundes sociales Gebilde herauskrystalllsiren könnte, wenn das Ferment der „jüd. Kaste" erdrückt würde; aber an Herrn Jstüczy mögen wir solchen Ernst nicht verschwenden und den denkenden Leuten müssen wir die Sache wohl nicht erst zu Gemüthe führen. Genug daher von dem unerquicklichen Thema'. Die Narrheit gehr Gott sei Dank schon durch sich selbst zu Grunde; sie braucht in unserer Zeit nicht mehr bekämpft zu werden. Bonn, 14. April. Die Meinung Einzelner von der Anschauung der Gesamrutheit. I. Es ist eine gewöhnliche Redensart geworden, daß der Autoritätsglaube, d. h. die unbedingte Hingabe an die Meinungen und Persönlichkeiten der Vergangenheit geschwunden sei, daß ein Jeder seine Ueberzeugung sich selbst bilden wolle und solle; daß Niemand hierüber zur Rechenschaft gezogen werden dürfe. Gut; ist dem aber wirklich so? Mitten in der civilisirten Welt selbst besteht in allen Religionsgenvsscnschaften eine große Partei, welche ein solches Recht des Individuums leugnet, den Autoritätsglauben aufrecht erhält und die unbedingte Unterordnung unter denselben fordert, jede Abweichung bestrafen will. In einigen Ländern umfaßt diese Partei, noch den bei Weitem größten, in anderen einen großen Theil des Volkes, in keinem ist sie ganz verschwunden oder auch nur geringzählig geworden. Dies ist Thatsache und beschränkt die oben angeführte Behauptung gar sehr. Aber selbst abgesehen hiervon: wie steht es mit dem Bilden einer

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