Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1875)
- Date
- 1875-04-13
- Page
- Seite 250 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Jochanan ben Sakkai, an den auch die Zeloten Hand anzulegen nicht wagten, von solcher Gesinnung erfüllt und sprach sie offen aus. Das Judenthum, hatte er mir seinen Gleichgesinnten erkannt, sei nicht an den Tempel und nicht an Jerusalem gebunden — diese konnten und wurden dereinst wieder erbaut werden — sondern an das jüdische Volk und dieses an jenes. Die heilige Lehre und das Gesetz müßten erhalten bleiben, und um dieser willen auch das jüdische Volk. Selbst unter den Zeloten gab es einige, die sich dieser Einsicht nicht verschließen konnten, ohne ihr Folge zu geben. Unter Begünstigung eines solchen ließ sich Jochanan in einem Sarge zum Thore hinaustragen, trat vor Vespasian und erbat und erhielt von ihm die Erlaubniß. in Jabneh eine Lehrschule zu errichten, in welcher er die versprengten Gelehrten und Schüler sammelte. Hiermit war die neue Pflanzschule res Judenthums gegründet. Kann man dies Feigheit nennen? war es ein Mangel an Opsermuth und männlicher Festigkeit? Wahrlich nicht, es waren Männer vielleicht von minderer Seelengluth, aber von größerer Einsicht, von minderer Hingebung, aber von größerer Ergebung; an religiösen Sinn, an Begeisterung für Lehre und Gesetz standen sie den Kämpfern in Jerusalem nicht nach, an Schärfe des Geistes gewiß voran. Es war sicherlich in ihnen nicht der bloße Selbsterhaltungstrieb und ihr Verdienst für ras Judenthum und die Juden unschätzbar. So wenig wie man jene Kämpfer die sich für Freiheit und Heiligthum dem Tode weihelen, als Räuber und Meuchelmörder brandmarken darf, ebenso wenig steht es zu, diese Stteiter für die Erhaltung des Judenthums mitten in der überwältigenden heidnischen Welt als Selbstlinge, Feiglinge oder als schwächliche Juden zu bezeichnen, Nicht Flavius Jofephus, aber auch nicht Ernest Renan sprechen anders als Parteimänner. Dies ist das Urtheil der unparteiischen Geschichte, die ebensowohl die Beweggründe, wie die Wirkungen der Ereigniffe und der Charaktere in Bettacht zieht. Sie sieht dort das glanzende Schauspiel von Helden, die für ihre Sache untergehen, hier das opfervolle Wirken von Helden, die für ihre Sache ein mühe- und leidensvolles Leben führen, um auf Jahrtausende eine neue geistige und materielle Existenz für einen Volksstamm zu gründen, der aus den Sitzen seiner Väter, aus seinem Besitz und Beruf durch das blutige Schwert eines grausamen Siegers hinausgeschleudert ward. Achtzehn Jahrhunderte sind verflossen, und die Geschichte errichtet den Kämpfern um Zion ein ehernes Grabmonumenr; aber den Männern, die das Schwert in die Scheide steckten, bevor die Flammen die Hallen und Zinnen des Tempels ergriffen hatten, setzt sie ras anerkennende Denkmal, ein Werk begründet zu haben, welches den Wechsel vieler Jahrhunderte überdauerte, und durch die Gegenwart noch hoch in die Zukunft hinausragt. Literarischer Wochenbericht. Pest, im März. Der mehrfach edirte mrp-in rvss, ein Dialog zwischen einem Orthodoxen und einem Philosophen, von Schem Tob b. Joseph Palquera,*) ist von Herrn vr. Ad. Jellinek nach verschiedenen Editionen und mit Benutzung einer Handschrift in schöner Ausstattung neu herausgegeben (Wien 1875). Dieser Dialog, in dem die Philosophie über den blinden Glauben den Sieg erringt, in einer deutschen Bearbeitung dem Volke zugänglich zu machen, würde noch heute verdienstvoll sein. Ein sehr lesenswerthes Schrifrchen ist die von Herrn vr. Löwenmayer, Rabbiner in Sulzburg, soeben erschienene Widerlegung rer von rem in sjüngster Zeit mehrfach genannten vr. Rittler aufgestellten vier Thesen gegen den Talmud iFürth, 1875). Man muß es dem Herrn vr. Löwenmayer Dank wissen, daß er dem Schüler Eisenmenger's die Antwort nicht schuldig blieb, und hegen wir mindern Verfasser die zuversichtliche Hoffnung, daß die große Mehrzahl der christlichen Mitbürger durch diese Schrift die Unwahrheiten und Nichtigkeit der kecken Behauptungen eines vr. R. und Genossen erkennen wird. Kayserling. l Wir verbinden hiermit die Anzeige folgender Schrift. Das Machwerk des vr. Rittler ist nur ein Conterfei der Schrift des Münster'schen Prof. Rohling, der bekanntlich später plötzlich nach Amerika sich verlief: Der Talmudjuve. Diese wurde auch in polnischen ultramonranen Blattern ausgebeutet. Dagegen erschien nun: „Erwiederung auf die vom Professor vr. Aug. Rohling verfaßte Schrift Der Talmudjude von Jacob Emanuel Frankel. Lemberg 1874, in deutscher und polnischer Sprache zugleich. Die Erwiederung ist durchaus gründlich, sowohl aus allgemeinen Gesichtspunkten, als auch im Einzelnen mit Belegen aus talmudischen und rabbinischen Schriften. Die Sprache ist warm, lebhaft und faßlich. Die Redaction.j London, 53. December. Die Bodleyanische Bibliothek hat während der letzten Monate sechs Manuscriple dem bekannten Reisenden Herrn Halövy abgekauft, die dieser aus seinen milgebracht hat. Eins dieser Manuscripte ist eine bis jetzt unbekannte Sammlung Midraschim's über den Pentateuch; ein anderes ist eine Abschrift der Makamen des Hariri; wieder ein anderes enthält hebräische und in dem modernen Dialect Jemens geschriebene Hymnen. (Man sieht hieraus abermals, wie weit sich auch vor der Erfindung der Buchdruckerkunst beliebte Werke durch Abschriften bis zu den entlegensten Gegenden verbreiteten.) *) Geboren l 2>' Redaction.