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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-13 · Heft 16 (13.4.1875) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 16 (13.4.1875)
Date
1875-04-13
Page
Seite 248 (sequence 2)
Language
German
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248 Kampfe auf Leben und Tod entflammte und dennoch große Theile derselben, die weithin durch die Länder sich erstreckten, an diesem Kampfe keinen Theil nahmen und von dessen Folgen 'nur mittelbar berührt wurden; so wird man es auch begreifen, daß für den Tempel, wie um die Existenz der Religion gestritten ward, und dennoch schon das Bewußtsein vorhanden war, daß der Bestand des Judenthums ohne den Tempel, ohne Jerusalem nicht völlig gefährdet sei. Ja, mit dem Fortschreiten des Kampfes selbst mußte dieses Bewußtsein lebendig werden und sich zahlreichen Gliedern des Volkes aufvrangen. Tie Erinnerung an die frühere Zerstörung und das Leben im Exil, so traurig sie war, konnte auch nicht ohne Wirkung bleiben. Tie Hoffnung, einen, wie man jetzt sagt, modus vivendi mit den Römern zu finden, mußte in vielen Geistern mit der wachsenden Ausfichtslosigkeit des Kampfes erwachen. Endlich lebte doch in diesem Volke der Messiasglaube, besten Erfüllung es wohl im Anfänge des Kampfes erhoffen konnte, sich schließlich hierin getäuscht finden, rann aber den Fortbestand für möglich halten mußte, weil rer Messias in späterer Zeit zu glänzender Befreiung auch von diesem Joche kommen würde. Dieser Messiasglaube war immer mit der Vorstellung verbunden, daß der Ankunft des Erlösers eine Zeit furchtbarer Leiden vorangehen würde. — Ueber die Ursachen des Krieges brauchen wir uns hier nicht ausführlich zu verbreiten. Wer kennt nicht das Aussaugesystem der Römer durch ihre Proconsule und Landpfleger? Wer kennt nicht ihre Brutalität, mit der sie nicht allein die Widersetzlichen auf's Strengste straften, sondern Veranlaffung nahmen, in die Menge einhauen zu lasten und Tausende zu morden, ja sogar das Volk zu tumultuarischen Auftritten verlockten, um unter einem scheinbaren Vorwände Mord und Plünderung zu üben? Alles dies vollführten sie am jüdischen Volke mit um so größerer Härte, da sie wußten, daß es in Rom schlecht angeschrieben war. Hierzu gesellte sich der Hohn auf die nationalen Sitten und Gesetze, der das Volk in empfindlichster Weise reizte und erbitterte, und endlich der Angriffe auf die Religion selbst, da man die Anbetung der vergötterten Cäsaren und die Ausstellung ihrer goldenen Statuen auf dem Altar des Tempels verlangte. Wie unter solchen Umständen immer geschieht, setzte das ungebildete Volk auch in ganz absichtslosen Dingen einen feindlichen Sturm auf seine religiöse Anschauung voraus, und die Adler der römischen Legionen erschienen ihm als Götzenbilder, deren Anblick und Verehrung man ihnen aufdrängen wollte. So häufte sich der Zündstoff, bis er in der von Nationalität und Religiosität erfüllten Volksseele in verzehrender Flamme aufloderte. In einfacher Erwägung aller dieser Umstände werden wir den jüdischen Freiheitskrieg ebenso berechtigt wie erklärlich finden, aber nicht minder — wenn wir von den eigentlichen Römlingen absehen — die beiden großen Parteien als vollberechtigt anerkennen. Der Kampf einigte die Nation, der Fortgang desselben trennte sie in zwei Parteien, in diejenigen, welche den Fortbestand der Religion und des Stammes wollten und erstrebten, und in die, welche die Freiheit oder den Untergang auf ihre Fahne geschrieben. Es galt hier, eine tief gebeugte und zugleich tiefverletzte Nation von ihrem Joche zu befreien, ihr die Freiheit und Unabhängigkeit zurückzugeben, die fie vor zwei Jahrhunderten mit so vielem Heldenmuthe, großen Heeren siegreich abgewonnen hatte, ihrer Religion die Unantastbarkeit wieder zu gewähren, für so viele erlittene Unbillen Rache zu üben! Wo gab es wohl jemals eine rechtmäßigere Erhebung einer Nation gegen brutale Gewalthaber? wo war sie namrgemäßer? wo, möchte man sagen, eine Verpflichtung des Volkes und feiner Führer zu Kampfe mehr als hier? Das Volk war allerdings nicht kriegerisch gebildet, nicht kriegerisch geübt und gerüstet — aber es war nicht entartet und entnervt, wie die Griechen und Asiaten, es war ein mäßiges, sittliches, keusches und schwer arbeitendes Volk, das die Kraft der Seele und des Leibes sich bewahrt hatte, wenn auch weit entfernt von rer Barbarei und der rohen Gewalt der damaligen germanischen Stämme. Konnte nicht sein Kriegsruf ein Echo finden, bei den halb unterworfenen Völkern des Ostens? Konnte sein Beispiel nicht blitzähnlich die unterjochten Nationen einer halben Welt aufrürteln? . . . Allein diese halbe Welt blieb sklavisch unter ren Füßen des Wellherrschers gebeugt, der die Mannen des einen Volkes zur Unterjochung des andern benutzte; die Völker des Ostens hörten auf das Kriegsgeschrei nicht, was fie später büßen mußten; und die Schwere der kriegsgeübten Legionen machte sich doch bald den undisciplinirtenVolksschaaren fühlbar. Dennoch wäre es vielleicht möglich gewesen, daß die heroische Kraft res Volkes den Widerstand noch ungleich länger hätte fortsetzen können — wenn eben nicht die Spaltung in die beiden großen Parteien eingetreten und bald zu einer völligen Zerklüftung sich erweitert bätte. Es ist dies höchst beklagenswerth, aber es war unvermeidlich, weil von selbst in der 'Jtatuv der Verhältnisse und des Menschen überhaupt gelegen. Alle fochten Anfangs für die Freiheit und Unabhängigkeit der Nation und die Erhaltung des Heiligthums; mir rem unglücklichen Fortgang, bald nach den ersten eisernen Umarmungen des Landes durch Vespasian, stritten die Einen fort in leidenschaftlicher Gluth für den Endzweck des Kampfes, die Anderen mit der Absicht, sich unter günstigen Bedingungen zu ergeben; wollten die Einen voll Abscheu's vor dem Feinde von Unterhandlungen mit diesem nichts wissen, die Anderen sich darauf einlaffen. Daher der innere Zwiespalt, der unter dem Sturm der Leidenschaften verderbenschwanger zum Parteienkampf sühne. Aus der Lage der Dinge und den Berhältniffen in und außerhalb Palästina's, ebenso wie in der psychologischen Natur der Menschen lag also die Berechtigung beider PaNeien enthalten. Und hierzu ist nun noch die Frage zu beantwotten: welchen fanischen Boden besaßen die beiden PaNeien in der Nation selbst? Es wäre sehr falsch anzunehmen, daß die Partei der Zeloten erst im Laufe des Krieges entstanden, sich von der Maffe durch

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