Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 16 (13.4.1875)
- Date
- 1875-04-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung -es Judenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2>/. Bozen. Preis Bierteljä-ria L Mark. ' Inserate werden mit 20 Pf. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Lite Bnchbandiungen, "mter und Zeitungs - Expeditionen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Derlag von Baumgärlner's Buchhandlung in Leipzig. In revacrionellen Angelegen heilen wende man sich an l>r. L. Phitippsou in Bonn; binfrchtlich d«S Bezugs und der Inserate an Saumqärtuer'» Lachdandtuum Leipzig. Inseratt, welcbe bis vouner»- lag einzeben. finden inder rarauffolgen» den Nummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 1 Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. 39. Jahrgang. Leipzig, den 13. April 1875. \? 16. Inhalt. Leitende Artikel: Der Kampf um Zerwatem und die Parteien in ihn:. 111. — Literarischer W o cb enb erickt: Pest, London. — Zeitungs nackrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Wre'cben, Leipzig, Trier. — Ocftcrrcicd - Ungarn: Wien, Brünn, Aus Böhmen. — Frankreich: Paris. — Feuilleton: Sötte Seelen. — Corre'p o nd en z: Agram. J?eibcudc dt-xltltrf. Bonn, den 7. April. Der Kampf um Jerusalem und die Parteien in ihm. III. Vor Allem müssen wir die damaligen Zustände scharf in's Auge fassen. Es waren also zahlreiche und große jüd. Colonien über alle die Theile der Erde zerstreut, welche in jener Zeit der Cultur angehörten. Nichts destoweniger war der Kern der Nation noch in Palästina ansässig, und besaß selbstverständlich dieses Land als sein Eigenthum. Zwischen jenen Colonien und dem Mutterlande fand wohl eine engere oder losere Verbindung statt; aber die Nation dachte und fühlte sich nicht in den Colonien, sondern in Palästina; gerade wie es bei den Phöniziern und ihren Colonien stattgefunden hat, oder wie es mir England und seinen Colonien der Fall ist, mögen diese ihm noch angehören oder selbstständig geworden sein — nur daß die jüdischen Colonien nur noch geistig der Nation angehörien, in den Ländern aber als geduldete Ansässige bestanden. Waren nun auch die palästinensischen Juden der römischen Herrschaft unterworfen und hatten diese die staatlichen Hoheirsrechre an sich genommen, so that dies doch dem nationalen Leben und Bewußtsein keinen Abbruch, sondern diente ihm umsomehr noch zur Schärfung, als die jüdische Cultur von der römischen in fast allen Punkten völlig abstach und ihre Religion einen vollständigen Gegensatz bildere. Die Juden als Ganzes gefaßt, lebten also damals ein doppeltes Leben: in den jüdischen Colonien als Untenbanen der Landesherren und in allen bürgerlichen Beziehungen mit den Landeseinwohnern verbunden, sowie als Nation, als zwar abhängige, aber innerlich sehr selbstständige Nation in Palästina. Ebenso bildeten sie zwar in allen Ländern religiöse Gemeinschaften mit eigenen Cultstätten, in Palästina selbst bestanden neben dem Tempel zahlreiche Synagogen. neben der Priefterschaft das Sanhedrin, und das eigentliche Geistesleben hatte seinen Sitz in den Lehrbäusern — dennoch aber wurde der Tempel noch immer als religiöser Mittelpunkt und Spitze des gefammten Judenrhums betrachtet und verebrt, und die Colonien suhlten sich in religiöser Abhängigkeit von Jerusalem. Nack dem Tempel sandten sie die Abgabe des halben Schekels; von Jerusalem erhielten sie die Bestimmung rer Neumonde und Feste; gestattete man sich Abweichungen von reu überkommenen religiösen Bräuchen,;. B. in Rom hinsichtlich des Peffachs, so wurden sie von Jerusalem aus corrrgirt: nach dem Tempel wurden die Erstlinge, die Friedensopser und Gelöbnisie gebracht, die Zehnten den Priestern und Leviten gegeben; zu den drei hohen Festen pilgerte Las Bolk in zahlreichen Masten nach Jerusalem, so daß öfter, namentlich am Pesiach, mehr als eine Million Seelen in Jerusalem versammelt war. Waren also, wie wir gezeigt haben, bereits vollständige Organe vorhanden, in denen ras religiöse Leben so stark xulsirre, daß es mit denselben auch nach der Zerstörung des Tempels ohne wesentliche Beschädigung fortbestehen konnte: so war es doch vor dieser Zerstörung ein geregelter Organismus, ressen Haupt der Tempel war. So wird man es begreifen, daß die Nation in Palästina zu einem furchtbaren Kampfe sich erbeb, zu einem