Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1875)
- Date
- 1875-04-06
- Page
- Seite 241 (sequence 11)
- Language
- German
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241 Geschöpfe, und wie jeder Strahl derselben Jahrzehende, Jahrhunderte unterweges ist, bevor er in unser Auge fallt — so groß ist die Ferne, die zwischen ihm und uns liegt — dann steigt unsre Empfindung bis zum Jubel hinauf, Welt und Leben verklären sich, und wir fühlen uns erhoben nahe bis zum Anschauen der Gottheit! . . . Siehe, mein Leser, dies ist der Verstand und dies das Gefühl und dies die wechselseitige Einwirkung beider auf einander. Jede liefere Erkennlniß des Verstandes schlägt eine klingende Saite in unsrer Gefühlswelt an, und jede mächtige Empfindung regt eine Reihe fruchtbarer Gedanken in uns auf. Freilich ist das Eine dabei nothwendig, daß Verstand und Gefühl übereinstimmend auf dem Fundamente der Gotteserkenntniß stehen. Ist dies nicht der Fall, hat sich die einseitige Dialektik des Verstandes in die Sackgaste des Materialismus verrannt, sieht dieser irregeleitete Verstand in jenem gestirnten Himmel nur noch einen mechanischen Zusammenbau, zu welchem sich die Elemente in ihrem freilich unerklärten Drange zu und von einander gefügt haben, wie? wissen wir nicht — dann ist eine tiefe Kluft zwischen Verstand und Gefühl bodenlos geriffen, der eine kann nicht zum anderen kommen, denn es fehlt die Brücke; beide verstehen sich nicht mehr, lehnen sich wider einander auf; der Verstand bekämpft das ihm thöricht erscheinende Gefühl, das nicht verstummen will, und dieses Gefühl wirft bald leiser, bald lauter dem Verstände vor, ihm die Freude am Leben vergällt, ihm die Schwingen, statt zu lüften, gekürzt und erschwert zu haben, und so dringt der bittere Trank vergiftend durch das ganze Gefäßsystem des Geistes . . . Ja, der Mensch bedarf aller Kräfte des Geistes, um ein gesundes seelisches Dasein zu führen, um wahre Erkenntnisse zu gewinnen und die Erscheinungen des Lebens richtig zu begreifen. Gott will nicht, allein gedacht, sondern auch gefühlt sein. Recht und Pflicht wollen nicht allein empfunden, sondern auch erkannt werden. Nur der Geist ist frei, der ebenso auf den Höhen der Vernunft, wie in den Tiefen des Gefühls, auf jenen nicht ohne die Schatze, die er drunten gesammelt, in diesen nicht ohne das Licht, das er droben gewonnen, schreitet; selbst die Liebe will durch das Verständnis des Wesens sich erheben, läutern unc starken. Aber ebenso schädlich ist das Ueberwuchern des Gefühls, auch des religiösen Gefühls, und führt alsbald zur Schwärmerei und aus dieser zum Aberglauben. Dies haben alle Religionen erfahren, welche aus religiösen Mysterien sich aufbauten, und deshalb dem Verstände jede Prüfung ihrer unbegreiflichen Glaubenslehren untersagten, und sich lediglich an das religiöse Gefühl wandten: sie hatten ohne Schwärmerei nicht bestehen können, und der Aberglaube ergab sich in ihnen von selbst. Aber keine Religion, welche eineu weiten Raum durch die Jahrhunderte zurückzulegen hatte, ist ganz davon frei geblieben, weil sie eben Zeiten zu durchleben hatte, in welchen die Verstanvesbildung in der Masse des Volkes tief gesunken war. Ist nur von einer Religion das Walten und Ermessen des Verstandes in ihr von Grund aus nicht untersagt, vielmehr vorausgesetzt: dann ist ihr aus solchen Erscheinungen kein Vorwurf zu machen, sondern nur rechtzeitig dahin zu streben, daß sie baldmöglichst von allem verdunkelnden Aberglauben wieder frei werde! — Doch kehren wir zu dem Nach'thimmel zurück, an welchem dort über die Höhen den Mondsichel herrufsteigt. Es ist ein schöner, auf das echte religiöse Gefühl berechneter Zug im Judenlhume, bei jeder bedeutenden Naturerscheinung, die wir gewahren, wie bei jedem Genüsse eines uns von der Natur gebotenen Gegenstandes einen Dankspruch an den Schöpfer all' dieser Herrlrchkeet, an den Geber all' dieses Guten und Schönen zu richten, eine ro-n. Schon der Mosaismus suchte im Geiste des Volkes dauernd das Bewußtsein hervorzurufen, daß der Gott der Lehre und Geschichte und der Gott der Natur ein und daffelbige ist. Deshalb wurden die drei hohen Feste «Pessach, Schabuoih und Suceolhj zu Festen der nationalen Geschichte und zugleich zu Natursesten (des Aehrenmonats, der Erstlinge, und der Ernte) gemacht. Die Propheten und Psalmisten halfen diesem Bewußtsein kräftig nach, und die Talmudisten folgten ihnen durch die Festsetzung jener Segenssprüche, was für das Volk um so wichtiger, als es durch seine Geschicke dem Landbau entrissen ward. Es war daher ganz folgerecht, daß auch rem Anblick des sich erneuernden Mondes, d. h, res Mondes, der seine Bahn um die Erde wieder begonnen, ein Gebet gewidmet wurde, das den Gedanken der ewigen Ordnung, res unendlichen Kreislaufes, den Gott für die Welrkörper eingesetzt, feiert. Das Gebet beginnt mit jenem Gedanken und echt religiösem Gefühle: „Der durch sein Werl den Himmel geschaffen und durch den Geist seines Mundes all' ihre Heerfchaare, Gesetz und Zeit gab er ihnen, daß sie ihre Bahn nicht verändern u. s. w." Wie aber nun? Wenn sich da die Sitte gebildet, daß die Betenden mir zusammengehaltenen Füßen dreimal in die Höhe hüpfen, und sprechen: „Wie ich nach Dir hinausspringe und Dich nicht erreichen kann, so mögen mich auch alle meine Feinde nicht erreichen können zum Bösen!" — wenn dieses dreimal wiederholt wird und sich noch mancherlei Formeln daran knüpfen, die auch dem astrologischen Wahne (daß die Geschicke der Menschen von den Sternen angedeutet und bestimmt werden, huldigen, bis zu einem unverständigen -px-i tt — dann erkennen wir den Weg vom religiösen Gefühl zur Schwärmerei und zum Aberglauben, jenes wird durch diese verdeckt und verdrängt, an die Stelle Gottes tritt „der König David", an die Stelle der Weltordnung der Gedanke an die Feinde, die Begriffe werden verworren, die religiöse Lehre entstellt, und aus dem ganzen Knäuel tönt uns besänftigend nur der Ruf entgegen, den die Betenden an einander richten: „Friede sei mit Euch!" — Eine der höchsten Aufgaben der Religion ist, ihre Bekenner immer und immer zu mahnen, von ihren bösen Handlungen zurückzuweichen, sie zu bereuen und möglichst wieder gut zu machen und so die Vergebung ihrer Schuldhaftigkeit von der göttlichen