Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 15 (6.4.1875)
- Date
- 1875-04-06
- Page
- Seite 240 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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240 rer jüdischen Lolksmaffe stattfindet, wie er in Deutschland und Frankreich nicht gefunden wird, und ich Aehnliches nur in Amsterdam gesehen habe. Auch dort giebt es verhältnißmaßig viele Juden, welche in der Kammer, in den Gerichtshöfen, auf den Lehrstühlen und in anderen öffentlichen Zweigen ausgezeichnete Stellungen einnehmen, und bereits zweimal saßen solche auf den Ministerfauteuills; und nun gehe man auf die Straßen hinab und beobachte die große Masse der 25,000 Juden in Amsterdam! Hier in Rom kann man ganz dasselbe gewahren. Ich ging gestern als am Purim in das Ghetto. Die engen, krummen und dunkeln Gaffen waren von Menschen angefüllt, die sich lebhaft und vergnügt bewegten Ich traf unter ihnen auf sehr charakteristische Typen, am meisten unter den jungen Männern. Aber wie waren sie alle schmutzig und verkommen in ihrem Aeußern. Ich redete mehrere an, aber die Unterhaltung schloß stets: da heute Purim, solle ich ihnen einige Soldis schenken Aus den Häusern drang ein unerträglicher Geruch, der jeden Empfindlichen schnell aus dem Viertel vertreiben wird. Eine Art Lebkuchen und Aufläuser wurde vielfach angeboten und verzehrt. Kurz, man gewahrte bald, daß unsre Glaubensgenoffen in ihrer großen Mehrheit das Ghetto zu verlaffen noch keine Miene macht, und ihre Culturbeschaffenheit noch durchaus auf einer sehr niedrigen Stufe steht. Also hier der nämliche Gegensatz und eine große Culturaufgabe, welche zu losen ganz besonders, wenigstens ihre Lösung anzustrebev, die Pflicht jener Deputirten jüdischer Religion wäre, da ihnen der Einfluß und die Sachkenntnis nicht fehlen. Wer in Frankfurt a. Main noch vor dreißig Jahren die „Judengaffe" mit ihren Jnsaffen und Umgebungen gesehen, und jetzt sich dort darnach umschaut, der wird zugestehen, daß dies auch in Rom möglich fein müffe, da jetzt auch hier die äußeren Bedingungen vorhanden sind. Es muß hierzu auf zweierlei Wegen gewirkt werden, einerseits durch gute Volksschulen, andererseits durch Förderung gesunder gewerblichen Zweige unter der jüdischen Maffe. Man erinnere sich, wie noch vor fünfzig Jahren in Deutschland überall Vereine zur Beförderung der Handwerke unter den Juden entstanden. Man muß direct die Uebersiedelung jüdischer Familien in andere Theile der Stadt durch Unterstützung fördern; einige Beispiele wirken hierin in überraschend schneller Weise. Sieht man dergleichen doch selbst in Krakau, wo der Ueberfluß aus dem Kasinning in die übrige Stadt sich rasch ergießt. Allerdings ist es bekannt, daß die Wahl von Juden in Deputirtenkammern, Magistrate, Stadtverordneten u. dgl. zwar für das Princip und als Zeugniß für die Begabung und Hingebung der Juden wichtig ist, aber gerade die speciellen Jntereffen der Juden nicht sehr fördert, weil unter den Gewählten nur wenige Charakterstärke und Jntereffe genug besitzen, um nach dieser Richtung hin nachdrücklich aufzutreten. Sie finden immer scheinbare Vorwände, um sich den Angelegenheiten ihrer Glaubensgenoffen zu entziehen. Dabei ist doch bei Zuständen, wie sie hier obwalten, die Förderung jüdischer Interessen auch mit der des gesummten Volkes identisch; denn wer die Gesundung eines Theiles bewirkt, arbeitet zugleich für das Wohlbefinden des Ganzen. I e u i l Religiöses Gefühl — Schwärmerei — Aberglauben.' ii. j Wenn die astronomische Wissenschaft uns die Gesetze lehrt,! nach welchen die großen Weltkorper sich fort und fort in ihren Bahnen bewegen, wenn sie uns ihre Zahlen, die Größe, die Beschaffenheit, die Entfernung und das Verhältniß jedes Weltkörpers zu den anderen beschreibt, wenn sie hiernach berechnet, welche Stellung diese Weltkörper zu einander einnehmen, wie sie aus eiander wirken, und bis auf die Sekunde die Zeit bemißr und den Ort, wo sie unsren Augen sichtbar werden — so wird zunächst die Welt unsrer Vorstellungen und Ideen dadurch aufgeklärt. Bringen wir uns dann aber auch zum Bewußtsein, wie einfach diese Gesetze, wie sie jeden Stein und jede Feder auf unserer Erde ebenso wie jene ungeheuren Ballen gestalten, verändern und leiten: dann erheben sich in unserer Seele die Gefühle der Bewunderung und Ehrfurcht vor dem heiligen Weltgeiste, der in seiner Allweisheit eine solche Ordnung und Einheit, Zweck- und Gesetzmäßigkeit und durch sie das unermeßliche Weltall zu schaffen und zu erhalten verstanden! . . Wenn wir ein l e t o n. andermal in Heller Sommernacht durch die blühende Flur schreiten, von lauen abgekühlten Lüften umweht, und unser Auge richtet sich empor zu dem gestirnten Himmelsgewölbe, wo auf dem dunkeln Grunde tausend und aber tausend Lichter erstrahlen, größer und kleiner, heller und schwächer in ihrem Gefunkel; und dann hebt sich wohl dort über den Hügeln die Silberscheibe des Mondes, und schüttet ihre Strahlen keusch und bescheiden in die Ebene hinab, spielend mit den Schatten, die sie zeichnet, und doch nicht verdrängt — wie hebt sich da unsere Brust von süßen Empfindungen des Daseins, von hohen Ahnungen des Ueberfinnlichen, des Göttlichen, wie fühlen wir uns als Wesen dieser Erde und doch zugleich eingereiht in die zahllosen Chöre der Weltgeschöpfe, die durch die Sphäre der Geister hindurch bis zum Throne des Allerheiligsten steigen! Rein und lauter strömt es durch unser Herz, wir fühlen uns erhoben, und nicht gedehmüthigt, dem Geiste Gottes nahe, und doch in unsrem eigensten Wesen und Werthe. Und wenn dann der Gedanke hinzutritt, daß jeder dieser Sterne! ebenso ein gewaltiger Sonnenball ist wie das Gestirn unsres > Tages, ebenso ein unerschöpflicher Quell von Licht und Wärme, > umkreist von Erden und Monden, den Wohnstätten zahlloser