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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-06 · Heft 15 (6.4.1875) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 15 (6.4.1875)
Date
1875-04-06
Page
Seite 235 (sequence 5)
Language
German
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235 einem Leipziger Wahlkreise ein Jure gewählt worden, Dr. Johann Jacoby, der aber die Wahl nicht annahm.) Berlin, 23. März. lPrivatmitth.) Es ist schon geraume Zeit her, daß Sie Ihren Kampf mit den „Marburger und Hallenser Lichtsreunden" führten, und seit 1846 und 184!» ist dieser Richtung in diesem Blatte keine weitere Erwähnung geschehen.*) Nach einem solchen Zeiträume kann es wohl nicht verübelt werden, wenn man sich einmal wieder darnach umschaut, vorausgesetzt, daß jene dazu Veranlasiung geben. Am 19. v. feierte die hiesige „freireligiöse Gemeinde" ihr dreißigjähriges Stiftungsfest, wie üblich mit Gesängen, einer Festrede, musikalischen und declaniatorischen Verträgen und geselligem Verkehr u. s. w. Die Gemeinde ist noch heute klein, ja kleiner als sie früher gewesen und besitzt kein eigenes Local, denn sie benutzte zu diesem Feste den Saal des Handwerkervereins. Was ist nun merkwürdig an dieser Gemeinde und ihrem Feste? daß dieselbe aus einer deutschkatholischen zu einer freireligiösen geworden, und nach ihrem jetzigen Standpunkte, wenn sie aufrichtig sein will, auch Las „religiös" streichen müßte, kann nicht auffallen: dieser Verlaus ist ihr von Anfang an vorausgesagt worden. Wohl aber ist es merkwürdig, wie solche kleine Genoffenschaften, die auf dem ganzen Erdball zusammen kaum einige Tausend Seelen zählen, sich dennoch für den Mittelpunkt der ganzen geistigen Welt, für den Ausgangs- und zugleich für den Endpunkt aller Bewegungen halten und ausgeben, und selbst in dem Augenblicke, wo sie ihren Rückgang eingestehen müssen'. Sie werden mir deshalb einige Bemerkungen zu der Festrede des „Gemeindesprechers" Herrn Schäfer erlauben, um so mehr da die hiesigen Zeitungen ausführliche Berichte über sie brachten, freilich nicht ohne ihre Ausrufungs- und Fragezeichen hineinzusetzen. Dieser rühmte zuerst seiner Genossenschaft nach, Laß die Resormbestrebungen in rer evangelischen Kirche und in den „israelitischen Religionsgenossenschaften" von ihrem Einflüsse ausgegangen seien. Dies ist nun schon eine Prätension, die man belächeln muß. Schon gerade dreißig Jahre vor dem ersten Tage dieser Gemeinde, die heute dreißig Jahre Bestand feiert, kamen die jüdischen Reformbestrebungen zum ersten Ausdruck, und ebensowenig wartete die evangelische Kirche, welche bereits 12 Jahre vorher das Werk von Strauß erscheinen sah, auf die Genossen des Herrn Schäfer, gegen eine erdrückende Orthodoxie anzukämpsen. Was Herr Schäfer im weitern Verlause seiner Rede darunter verstand, wenn er sagt, daß parallel mit dem „Verein der Lichtfreunde, in den israelitischen Gemeinden bas Princip rer Synagogengemeinden immer mehr Anhänger fand, ist uns nicht erfindlich. Die jüd. Gemeinden sind bereits so viele Jahrtausende alt, wie die freien Gemeinden Jahrzehnte, und der Unterschied zwischen „israelitische Gemeinde" und „Synagogengemeinde" liegt nur im 'Namen, den *) Bgl. Weltbewegende Fragen Thl. II. S. 85 ss. Redaction. gerade die preußische Regierung erfunden hat, welche dieses Prineip bekämpft haben soll. Was soll man aber zu der wirklich lächerlichen Anmaßung sagen, wenn Herr Schäfer behauptet, ihre Reformbestrebungen hätten den Anstoß zu der politischen Bewegung von 1848 gegeben! Es ist immer ein schlimmes Zeichen, wenn Leute, um sich eine große Bedeutung zuzuschreiben, zu solchen Fabeleien schreiten müssen. Herr Schäfer gesteht nun, daß die nach 1818 eingetretene Reaction der freireligiösen Gemeinde günstig gewesen, und zwar besonders nach innen, denn sie befreiten sich da von Gott und Unsterblichkeit „und dadurch stärkten sie sich innerlich dermaßen, daß es sich heute eigentlich nur noch um ihre Ausdehnung nach Außen handelt." Der Redner gesteht also ein, daß seine Genossenschaft bereits am Ziele ihrer Entwickelung angekommen — ein böses Ding für menschliche Bestrebungen und Veranstaltungen — nämlich am Nichts, und dies ist ras Princip ihrer Gemeinschaft! Wie verhält es sich aber nun um ihre Ausdehnung nach außen? Der Redner gesteht selbst, daß neun Zehntel ihrer Mitglieder sich der „socialen Agitation" angeschlossen, und im Gegentheil die politische Parteibildung seit 1864 ihrem Wachslhum durchaus ungünstig gewesen. Die freireligiöse Gemeinde hat sich also mit der Socialdemokratie idenlificirt und sobald die polizeilichen Drangsale aushörten, verlor sich das ganze Interesse an ihr. Es erfüllte sich das Wort: Gebet ihnen die Freiheit, und sie sterben ab! Das Wesentlichste war in ihr die Opposition gegen den Staat, und da diese gegenwärtig nur bei den Anhängern der Herren Bebel und Hasenklever zu finden, so ging die freireligiöse Gemeinde in die socialistischen Arbeitervereine auf. 'Nun, der Redner gestand dies auch offen, er sagt, daß sie von Religion gar nichts mehr besäßen und sich eine religiöse Gemeinschaft nur noch aus „politischen Motiven" nennen. 'Nur Zweierlei ärgert den Redner ganz besonders. Bor Allem, daß die Juden ihren Reformbcstrebungen nachgingen, ohne sich auch nur um einen Schritt der frerreligiösen Gemeinde zu nähern. Herr Schäfer kann den Grund hiervon nicht begreifen und tröstet sich damit, daß auch dies schon einmal kommen werde. Und der Grund liegt roch so nahe. Tie jüdische Resormbestrebung ging äußerlich nur auf die Verbesserung der gottesdienstlichen Formen aus, innerlich auf die Kräftigung des Geistes im geklärten Judenthume; sie hatte gegen keine, der Vernunft widersprechenden Dogmen zu kämpfen, und genoß so viele Freiheit der Bewegung, daß sie zu einer bloßen Kamps. Partei, zu einer bloßen Geistesschlägerei es gar nicht brachte, sondern nur für die ruhige Entwickelung zu sorgen brauchte. Das, was gerade diese freien Gemeinden bekämpfen, die Gotteserkenntniß, den Gottglauben, das mit all' ihrer Kraft zu stärken und auszubreiten, zu vertiefen und zu verherrlichen, ist das höchste Ziel der jüdischen Resormbestrebungen. Die jüdische Reform und die freireligiösen Gemeinden sind also geradezu Gegensätze! So etwas merken diese eingebildeten Herren nicht, was gewiß von dem naiven Zustande ihrer kritischen Beobachtungsgabe zeugt.

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