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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-06 · Heft 15 (6.4.1875) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 15 (6.4.1875)
Date
1875-04-06
Page
Seite 234 (sequence 4)
Language
German
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234 Längst hatten das Wort des Gebetes und das begeisterte Wort der Lehre alles symbolische Schaugepränge aus dem wirklichen Bedürfniß des Volkes verdrängt. Hierzu hatte das Entstehen der jüdischen Gelehrsamkeit außerhalb des Priesterslammes die Grundlage gelegt. Was bedeutete noch der Priester dem Volke außerhalb des Tempels? Sein Amt allein öffnete ihm die Psorte des Sanhedrins nicht; seine Würde ersparte ihm nicht, im Falle eines Vergehens vor die Schranken des Sanhedrins gezogen zu werden. Wenn einst Ezechiel in seiner merkwürdigen Vision die Herrlichkeit Gottes aus dem Tempel ausziehen sah, so war jetzt die Lehre des Judenihums längst aus dem Tempel ausgezogen. Sie hatte sich in den Lehrhäusern ein geistiges Fundament, eine sorgsältige Methode, ein bestimmtes Ziel und einen festen Charakter geschaffen, die mir dem Tempel in gar keiner Verbindung standen. Diese Lehre mit ihrem Lehrhause und ihrem Sanhedrin zog aus Jerusalem vor deffen Fall nach Jamnia, Sephoris, Liberias, zog nach den babylonischen Städten, zog über Las Meer nach Afrika und Europa, zog mit den Juden durch die ganze Welt. In der Wirklichkeit stand es also dermaßen, daß, als der Tempel gefallen, das Judenthum nichts gelitten hatte und in seiner Integrität fortbestand. Auch die geistige Existenzfrage war demnach schon längst gelöst. — Freilich ist dies Herrn Rönan schon wiederholt nachgewiesen worden, und weil er die Schwäche seiner frühern Argumentation fühlt, klammert er sich jetzt an dieses Schriftchen eines Pseudo-Esra, deffen Original verloren gegangen, das die Juden nie gekannt und das Trientiner Concil auch aus der christlichen Bibel entfernt haben wollte, die Schrift eines Geistes von Feuer und Enthusiasmus, aber vom beschranktesten Dogmatismus, von einer sinnlich mystischen Anschauung. Nach unsrer Meinung ist dieses Machwerk aus der Feder eines Judenchristen hervorgegangen, der den Abfall von seiner väterlichen Religion durch die Aufstellung von Fragen beschönigen wollte, wie sie noch heute aus dem Munde der Missionäre an orthodoxe Juden gerichtet werden. Daß sämmtliche Juden dem Herrn Rönan einen großen Gefallen gethan hätten, wenn sie sich mit Weib und Kind in den Brand von Jerusalem gestürzt Härten, ist verständlich. Denn die von ihm dem orthodoxen Christenthume nachgepredigte Theorie, daß mit dem Erscheinen des Christenthums das Judenlhum überflüssig geworden, abgestorben, todt sei, hätte dadurch einen factischen Beweis gehabt. Aber was unverständlich, das ist, daß Rönan, der die christlichen Dogmen leugnet, also doch anerkennen mußte, daß der vernunftgemäße Monotheismus des Judenthums während der ganzen Zeit der Herrschaft der christlichen Dogmen ein unentbehrliches Moment gewesen sei, daß dieser Rönan das Judenthum von den christlichen Dogmen verdrängt glauben kann! ' Diesen grellen Widerspruch vermögen wir uns nicht zu lösen. Doch kehren wir zu den Parteien in Jerusalem zurück. Wir haben einen festen Boden zu ihrer Beurtheilung gewonnen, indem wir uns die Frage nach der factischen und theoretischen, nach der materiellen und geistigen Fortexistenz der Juden nach dem Falle Jerusalems entschieden bejahen mußten, dieser Fortexistenz, die nicht erst nach dem Brande des Tempels erworben und errungen werden mußte, sondern seit Jahrhunderten schon vorbereitet und gesichert war. Von hier aus erst können wir zu einem sichern Urtheil gelangen. (Schluß folgt.) Sbettiutg äiiax&ttc&teii. Deutschland. Schippenbeil, im März. (Privatmitlh. Auch aus dem hier gegründeten „israelitischen Provinzial-Waisen-Institut für Knaben und Mädchen in Ostpreußen" ruht der Segen Gottes. Der fünfte Rechenschaftsbericht, der soeben erschienen ist, zeigt, daß trotz einer bedeutenden Baarzahlung auf das Haus der Anstalt doch die Zahl der Waisenkinder, die bereits hier erzogen werden, aufrecht erhalten werden konnte, nämlich 15: 9 Knaben und 6 Mädchen. Zwei wurden statutenmäßig entlasten und untergebracht, und ebensoviele wieder ausgenommen. Dre Einnahmen betrugen 3398 Thlr., die Ausgaben —worunter mehrere bedeutende einmalige — 2752 Thlr. Das Vermögen des Instituts bestand am 1. Januar c. in 5500 Thlr. Capitalien, 0000 Thlr. aus das Jnstitutsgebäude angezahlt und 645 Thlr. Caffenbestand. Wenn man übrigens die Liste rer Städte und j Beittagenden mustert, so kommt man zu der Ueberzeugung, daß ungleich mehr für diese segensreiche Anstalt geschehen könnte. Auch hier überlasten sehr Biele den Wenigen die Sorge für das Heil verlaffener hülfsbedürftiger Kinder, ohne zu fühlen, daß sie dieselbe Pflicht zu üben hatten. Hoffen wir, daß sie deffen inne werden! Leipzig, 19. März. Bekanntlich hat der Vorstand des Reichsvereins für Sachsen, der seinen Sitz hier hat, die Ergänzungswohl an Stelle des ausgeschiedenen I)r. Stephani in die Hand genommen. Auf seine Anregung ist aus Männern der verschiedensten Stände und aus allen Schattirungen der liberalen Partei ein Wahlcomitö gebildet, welches den bisherigen Reichsoberhandelsgerichtsrath und künftigen Profeffor in Berlin vr. Goldschmidt als Candidaten aufgestellt hat. Es würde dies die erste parlamentarische Wahl aus Sachsen sein, welche auf einen Israeliten fällt. (Es ist dies nicht ganz richtig, denn schon einmal ist in

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