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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-06 · Heft 15 (6.4.1875) · p. Seite 233

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 15 (6.4.1875)
Date
1875-04-06
Page
Seite 233 (sequence 3)
Language
German
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233 früherer gleicher Aeußerungen von ihm sind, durchaus kein großes Gewicht. Aber diese Existenzfrage ist in der Beurtheilung der Parteien ganz von selbst enthalten, und muß daher von uns besprochen werden. — Zweierlei müssen wir hier voranschicken. War es denn überhaupt möglich, daß sich die ganze Nation um den Tempel schaare, und in seinem Brande untergehe, wie etwa Sardanapal mit seinem Harem und seinen Hosleuten den mit seinen Schätzen beladenen Scheiterhaufen bestieg, um den Feinden nicht in die Hände zu fallen? Nein, das war unmöglich, denn damals waren die Juden bereits vom Indus bis an Len Rhein, bis in Gallien verbreitet, und zwar in Colonien, von denen einige nach Hunderttausenden an Seelen zählten. Die Forderung, daß diese sämmtlich nach Jerusalem ziehen und sich da verbrennen lasien sollten, ist Loch allzu abentheuerlich, wenn nicht lächerlich. Die Wirklichkeit hatte über den Fortbestand der Juden, also auch des Juventhums nach dem Falle Zions seit Jahrhunderten entschieden. Und ist denn überhaupt jemals eine Nation von fünf bis sechs Millionen in einem solchen Kampfe untergegangen? Haben die Meffenier nicht als Heloten sortgelebt bis sie mit ihren Herren, Len Spartanern zusammen untergingen? Bestehen die Polen nicht fort, trotz des finis Poloniae? . . . Wir geben zu, daß die Zerrissenheit der Parteien und die Zerstreuung eines großen Theils der Nation durch alle Länder das Unglück Jerusalems herbeiführten — und dieses Unglück war der Quell furchtbarer Leiden für alle Juden, bis die neuere Zeit anbrach — aber denken wir, daß dieser Kampf der Parteien nicht stattgefunden, daß durch die Einigkeit der Kämpfer Titus aus dem Lande hinausgeschlagen worden, darf man sich einbilren, daß dies für eine längere Zeit ausgereicht hätte? Würde nicht Rom den Kampf in immer erhöhterem Maße fortgesetzt haben? Würde das kleine Judäa dem Andrang der mohammedanischen Völkerzüge, die siegreich bis in Südsrankreich eindrangen, würde es als Streitapfel zwischen Christen und Mohammedanern in den Kreuzzügen haben bestehen können? Würde es vor dem Schwerte der Sarazenen und dann der Türken, welche Lizan; erstürmten und Italien bedrohten und bis in's Herz von Deutschland drangen, sich haben erhallen können? Jedermann wird sich die Unmöglichkeit dessen klar bewußt sein. Der politische Stur; Judäa'S war längst entschieden; die kurze Makkabäische Periode hielt ihn nur für ein Jahrhundert auf. Dagegen muß man sagen, daß die Zeit für diese Auflösung noch die günstigste war. Nachdem der aus diesem Kampfe entsprungene Haß der Römer gegen die Juden bald verraucht war, traten einige Jahrhunderte der Ruhe und Sicherheit für sie ein, wo sie sich überall ccnsolidiren und mit dem bürgerlichen Leben amalgamiren konnten. Das hörte mit dem politischen Siege des Christenthnms auf. So waren die Juden später die aus ihren Stellungen ungerechter Weise verdrängten Bürger. Hätte das Schwert der Christen oder der Mohammedaner Jerusalem und den Tempel stürmend nieder geworfen, die Juden waren ausgerottet worden, wie z. B. die Arianer, und hätten nirgends eine Stätte der Duldung gefunden. Solch' Werk der Vorsehung drückt die Phrasen der Gegner zu kindischem Gedanken und Wortspiel herab. Wie steht es aber um die geistige Existenzfrage? Ist es wahr, wie R,'-nan meint, daß das wahrhafte Judenthum im Tempel bestand, daß es also mir diesem unterging, oder wenigstens dem Tode verfallen war? Ist es wahr, daß die bestimmtesten göttlichen Qrakel die Unzerstörbarkeit des Tempels verbürgten, daß der Ewige feinen Bund mir den Söhnen Abrahams gebrochen zu haben scheinen mußte? Alles dies ist zu verneinen. Ter Bund des Ewigen mit Israel lag vielmehr darin, daß das jttd. Volk mit seiner Anbetung des Einig-Einzigen auch in Gefangenschaft und Zerstreuung nicht untergeben sollte. Brauchen wir hierfür erst die Reden der Propheten und die Aussprüche Mosis zu ciriren? Wo steht das göttliche Qrakel von der Unzerstörbarkeit des Tempels? Die Juden glaubten vielmehr an den Wiederaufbau des Tempels, falls er zerstört worden. Harte nicht der erste Tempel dieses Geschick gehabt? Worin sollte die Bürgschaft für den zweiten Tempel bestehen, der der wichtigsten Heiligthümer entbehrte, *, der h. Lade und der Urim werhumim? War nicht überhaupt der jüdischen 'Ration der Fall feines politischen Daseins, aber auch ihr Fortbestand trotz diesem „aus dem Munde Goues" verheißen worden? Die Juden halten für alles Lies schon das Beispiel des babylonischen Exils vor sich. — Und nun sehen wir uns abermals in der Wirklichkeit um. Ter Lebensmittelpunkt des Judenlhums lag längst nicht mehr im Tempel, weder in cultueller Beziehung, noch in der Doctrin. Die Synagoge und ras Sanherrin hatten ihn verdrängt. In Jerusalem selbst bestanden neben rem Tempel höchst zahlreiche Synagogen, und durch alle Länder hindurch, wo Juden wohnten, waren und wurden Synagogen errichtet. Diese waren Bet- und zugleich Lehrhäuser, wo die h. Schrift vorgelesen und ausgelegr ward. Sieben ihnen wurde der Tempel nichts als eine überkommene heilige Form, die, wie immer in solchen Fällen, für unentbehrlich gehalten, aber, sobald sie beseitigt, trotz aller Trauer leicht entbehrt wird. Der symbolische Qpfercultus hatte sein Berständniß im Geiste der Station, und bald auch im Herzen derselben verloren. Die Synagoge bot dem Volke außerordentliche Bcrtheile, selbst in Palästina, selbst in Jerusalem. Dabei war sie gleich dem tragbaren Heiligthume in der Wüste, auch in der weitesten Entfernung mit nicht allzuschwerem Qpfer herzustellen. *> Es heißt Joma 2l, 2: -pvrra C'-m rrs Es fehlten also dem rrni n:,rc zweiten Tempel die Lade mit der Sühnplatte und dem Cherubim, das «vom Himmel gefallene« Feuer, die Gegenwart der Herrlichkeit Gottes, der heilige Geist (die Prophetie) und die Urmi wethumim (im Brustschilde des Hohenpriesters., Tie im zweiten Tempel vorhandenen Cherubim waren nur gemalte Cherubim. Das. 54, 1. I f>

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