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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-04-06 · Heft 15 (6.4.1875) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 15 (6.4.1875)
Date
1875-04-06
Page
Seite 232 (sequence 2)
Language
German
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232 studiren, den Vas Menschengeschleckü durchgemacht hat. 9kiemals empfand ein Volk eine Verzweiflung vergleichbar der des jüv. Belkes am Morgen nach cem Tage, wo im Wieverspruch mir den bestimmlesten Verheißungen der göttlichen Orakel der Tempel, den man für unzerstörbar hielt, in dem Brande zusammenstürzte, der durch die Soldaten des Titus entzündet worden. Die Siccarier, die Enthusiasten waren fast alle getödiet worden; diejenigen, welche am Leben geblieben, verbrachten Lies in jener Art von Betäubung, welche bei dem Wahnsinnigen dem Wmhanfall folgt. An die Verwirklichung des größten Traumes gerührt zu haben und gezwungen zu sein, ihm zu entsagen — im Angenblicke, wo der vernichtende Engel schon die Wolke geöffnet hatte, Alles in das Vecrc verflüchtigt zu sehen — die Schande zu tragen, die göttliche Erscheinung voraus verkündet zu haben und von den Thalfachen die grausamste Widerlegung zu erhalten, war dies nicht genug, um an dem Tempel, um an Gott zu zweifeln? Die Ideen, welche man für die unleugbarsten hielt, waren umgestoßen. Der Ewige schien seinen Bund mit den Söhnen Abrahams gebrochen zu haben. Man konnte sich fragen, ob selbst der glühendste Glaube Israels gegen die Evidenz Bestand hielte, und ob man durch eine Wendung von unerhörter Kraft hoffen dürfte gegen alle Hoffnung? Pseudo-Esra antwortet auf diese Frage. Wie weil sind wir mir diesem glühenden Eiferer von einem Josephus entfernt, der die Berrheidiger Jerusalems als Verbrecher behandelt! Hier haben wir endlich einen wahrhaften Juden, der bedauert, nicht mit denen gewesen zu sein, welche im Brande des Tempels umgekommen. Rach ihm war die Revolution von Judäa keine Thorheil. Diejenigen, welche Jerusalem bis zur Wuth vertheidigten, diese Sieearier, welche von den Gemäßigten geopfert und für eas Unglück der Rarion allein verantwortlich gemacht wurden, diese Sieearier sind Heilige gewesen. Ihr Schicksal war beneitenswerth. Sie werten die großen Männer der Zukunft sein: Oiianto u*»I*is er.it melius si CSS,-III,IS suteensi el nos ein» incemlie Sion: me eiiim nus sunius niclioros i'immi qni ibi mortui siiut. (Um wie viel wäre es besser für uns gewesen, wenn auch wir im Brande Zion's verbrannt wären; denn wir sind nicht besser als die, welche daselbst gestorben sind.) Die jüdischen Aufstände unter Trajan (117) und unter Hadrian (13-1, waren die Antwort auf diesen Schrei der Begeisterung. Es bedurfte der Vernichtung von Bether, um Herr zu werden dieses neuen Geschlechtes von Revolutionen, hervorgegangen aus der Asche der Helden vom Jahre 7 «>." — Rach Herrn Renan, gestützt auf seinen Pseudo- Esra waren also diese Kämpfer „bis auf's Messer" die Helden, die Heiligen, die allein wahrhaften Juden! Wer hat nun Recht? In der That sind wohl die gegenwärtigen Juden am ehesten berufen, über den Kampf um Jerusalem und die Parteien in ihm zu richten und ein gültiges Verbiet abzugeben. Alle diese Parteien gehören uns an, sind gleichmäßig unsrem Blute entsprungen und verwandt; aber wir sind weit über sie alle hinaus, und unsre Beziehungen zu ihnen sind nur geschichtlicher Natur. Dies ist das erste Moment für unsre Unparteilichkeit, und das zweite: daß wir jetzt von den Folgen des Falles Jerusalems und der Zerstreuung Lurch die Länder nicht mehr so unmittelbar leiden, daß wir nicht ein objeclives Unheil über die Bedeutung des ganzen ungeheuren Ereignisses uns bilden könnten. Dazu kommt, daß diejenigen Charakterzüge, die damals in unsrem Volke spielten, noch heute Eigenschaften unsres Stammes sind, so gut wie das Bild, welches in den fünf Büchern Moses von der israelitischen Nation entworfen wird, sich noch heute in uns abspiegelt, und alle Augenblicke sich deshalb ein darauf bezügliches charakteristisches Wort der Bibel auf unsre Lippen drangt. — Wir sind nicht der Meinung, daß eine wahrheitsliebende Geschichtsforschung das Recht immer in der Mitte finden werde. Es giebt Fälle, in denen das Recht und der sittliche Werth auf einer Seite stehen, und die Geschichte ihre Pflicht nicht eher erfüllt hat, als bis sie dies zur Anerkennung gebracht. Erklärungen, Entschuldigungen lassen sich da wohl auch für die andere Seite finden, aber bas Recht nicht. Wer könnte z. B. für die Kerker und Scheiterhaufen der spanischen Inquisition jemals ein Recht auffinden? Ein Anderes ist es aber, wenn die Geschichte verschiedenen sich bekämpfenden Parteien eines und desselben Volkes zu einer und derselben Zeit gegenüber gestellt ist. Besteht nicht dieses Volk in seiner Ganzheit eben aus diesen Parteien zusammengenommen? Wollen wir das gesammte Leben dieser Nation in dieser Epoche erkennen, müssen wir da nicht alle diese Parteien zusammenfassen? Verfolgte nicht also jede dieser Parteien eine im Leben dieses Volkes nolhwendige Tendenz? Eine nothwenrige Tendenz aber trägt das Recht ihres Vorhandenseins in sich selbst. Hiermit ist aber das Unheil über die Partei selbst noch nicht festgestellt, denn es kommt dann noch auf ihr Verhallen und Thun, aus ihre etwaigen Ausschreitungen oder die Opfer an, die sie gebracht. Eine bestehende Partei hat für sich das Recht des Daseins, aber ihr Unrecht fängt an, wenn und wo sie sich an die Stelle des Ganzen setzen will. Dies ist der allein richtige Standpunkt, von wo aus die Geschichte sich in die Parteien versenken, von wo sie ein gerechtes Urcheil anstreben muß. Renan bezeichnet also die Zeloten, wie wir sie nach hergebrachter Weise der Kürze halber nennen wollen, als die einzig wahrhaften Juden, so baß Alle, die auf riese Eigenschaft Anspruch machen wollten, bei dem Brande Zions hätten zugegen sein und in ihm untergehen müssen. Denn, meint er, für den wahrhaften Juden waren die Fragen unlösbar, die für den Fortbestand des Judenthums aus der Zerstörung des Tempels hervorgingen. Mit ihm sei das Judenthum dem Untergange geweiht gewesen, und der wahrhafte Bekenner desselben hätte sich daher in dem von den Soldaten des Titus angezündeten Brand stürzen müssen. Man sieht, Renan knüpft an das Urtheil über die Partei die ganze Epistenzfrage der Juden und des Judenthums. Nun legen wir auf diese Phrasen des Herrn Renan, die ja nur der Abklatsch

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