Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1875)
- Date
- 1875-03-30
- Page
- Seite 223 (sequence 11)
- Language
- German
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223 einige Fächer in deutscher Spruche gelehrt. Die Anstalt wird dermalen von 170 Schülern besucht, darunter 15 Schüler christlicher Confession, welche der Intelligenz der Bevölkerung angehören und gerade des Dualismus wegen die israelische Schule der dahier bestehenden christlichen Anstalt vorziehen. Oberlehrer I. I. Rosen m eh er. BrÜNU, im März. (Privatmitth.) Bekanntlich ist die mährische Judenschaft im Besitz eines „LandesmaffasondS" von säst einer Million Gulden; aber was noch mehr ist, sie hat eine wohlgeordnete Selbstverwaltung dieses Capitals, so daß die Verwendung der Erträgnisse statutenmäßig und durch ihre selbstgewahltev Organe geschieht. Jährlich wird dann der Rechnungsabschluß veröffentlicht, und dies geschah soeben auch sür das Jahr 1874. Am ZI.December 1874 betrug die Bilanz 987,581 fl. mit einem Saldo-Vortrag von 3790 fl. sür das Jahr 1875. Die Ausgaben, einschließlich dieses Saldo-Bortrages, bezifferten sich auf 45,058 fl. Es erhielten hiervon an Personalunterfiützungen 24 Rabbiner von 60—200 fl., 36 Lehrer von 25— 80 ft., 34 Cantoren von 20—80 fl., und 136 sonstige Gemeindebeamte, so daß diese Personalunierstützungen 10,955 fl. betrugen. Dann wurden 35 Gemeinden von 100—600 fl., zusammen mit 8480 fl. unterstützt; sowie 49 Schulen von 120—480 fl., zusammen mit 12,540 fl. Endlich erhielten das Taubstummen-Jnstitut, Blinden-Institut und der Waisenhülssverein 2060 fl., das Landesrabbinat 420 fl. und 6 Candidaten 600 fl. Man kann hieraus die Wirksamkeit res Fonds beurtheilen, und muß den Männern Dank wiffen, die sich der treuen Verwaltung desselben widmen. Hätten sich die Juden von Ungarn dies zum Borbild genommen, wie viel Gutes hätte dort schon geschaffen werden können. Eine Bemerkung kann ich nicht unterlassen, hinzuzusügen. Unter den jährlichen Ausgaben figuriren auch 1234 fl. Steuern, die von diesem LandesmaffasondS erhoben werden. Während die Güter der katholischen Kirche steuerfrei sind und der Staat Millionen für die katholische Kirche und ihre Institute verwendet, selbstverständlich aus dem Steuerseckel aller Confessionen, muß eine so wohlthatige Veranstaltung des jüdischen Cultus eine so beträchtliche Steuer entrichten — das nennt man noch hier zu Lande Gleichheit vor dem Gesetze, Gleichberechtigung der Culte! Aus dem südlichen Böhmen, im März. (Privatmitth.) 8. Vor Kurzem starb der Rabbiner von Strakowitz, Herr Israel Fürth, im Alter von 73 Jahren. Derselbe, obwohl der alten Schule angehörend, verband mit gründlichem talmudischen Wissen zeitgemäße Bildung und zeichnete sich durch einen milden, friedliebenden Charakter aus. Ihm fallt ein großer Theil des Verdienstes zu, daß Strakowitz eine der ersten Gemeinden in Böhmen war, in welchen der öffentliche Gottesdienst dem geläuterten Geschmack entsprechend umgestaltet und Chor und Orgel eingesührt wurden. Zu seinem 70. Geburtstage war er von dem Kaiser mit dem goldenen Verdienstkreuze mit der Krone ausgezeichnet worden. Wie ich vernehme, soll die durch diesen Todesfall vacant gewordene Stelle vorläufig nicht wieder besetzt werden. Auch in Schüttenhofen ist die Rabbinerstelle schon seit längerer Zeit vacant, ohne daß die Gemeinde daran denkt, irgend welche Schritte zur Besetzung derselben zu thun. Wenn cs wahr ist, daß die traurigen Erfahrungen, welche riese oder jene Gemeinde mir ihren Rabbinen gemacht, den Gemeinden die Lust genommen hat, Rabbiner anzustellen, so möchte ich aus Gemeinden Hinweisen, welche durch den Rabbiner einen Aufschwung genommen und zur Blüthe gelangt sind. Es genügt, wenn ich in dieser Beziehung Pilsen nenne. Was war die Pilsener Gemeinde bevor Dr. Vogelslein als Rabbiner hinkam, und was ist aus ihr durch ihn geworden! Gotteshaus, Schule und alle anderen Gemeindeinstiturionen haben durch das Wirken des Herrn Bogelstein einen solchen Grad von Vollkommenheit erreicht, daß die Pilsener Gemeinde mit Recht eine Mustergemeinde genannt zu werden verrient. Nur keine Angst also ihr rabbinerlose Gemeinden! Es werden sich noch Männer finden, welche die ihnen anvertraute Stelle aussüllen und eine ersprießliche Thätigkeit entwickeln werden. Oder glaubt ihr, daß Choralgesang und Orgelspiel das Höchste des jüdischen Gottesdienstes sind, und die Belehrung, die Predigt etwas ganz Ueberslüssiges sei?! Frankreich. Paris, 15. März. In Algier macht jetzt das Lob eines jungen Israeliten, welches selbst die den Juden sonst feindlich gesinnten Blätter aussprechen, viel Aufsehen. Es besteht hier eine „Gesellschaft der Lebensretter", besonders sür Menschen, die in der See zu ertrinken 'in Gefahr sind. Am 21. Februar wurde das jährliche Stiftungsfest der Gesellschaft gefeiert und an diesem constatirt, daß Jakob Jais bereits sieben zehn Menschen mir eigener Lebensgefahr gerettet hat. Jakob Jais ist ein junger eingeborener Israeli von Algier, und nicht etwa ein Seemann, der von Jugend auf mit den Gefahren der See zu spielen gewöhnt ist, dagegen mit Glücksgütern vssich versehen. Der Berichterstatter, Herr Mermet, nennt ihn ein Muster der Lebensretter, und sein Name und seine Thaten nehmen eine Seite in dem von Herrn Turpin geschriebenen Buche über die berühmten Lebensretter ein. Die Gesellschaft hat ihm ein Ritterkreuz bestimmt und erwartet, daß er von der Staatsregiernng eine Medaille erhalte. Großbritannien. London, im März. Die in England sür das zum Andenken des Sir Moses Monlesiore zu errichtende Werk der Wohlthätigkeit in Palästina gezeichnete Summe übersteigt bereits 60,000 Reichsmark. Man hofft, daß auch das Ausland das Seinige dazu beitragen wird, da dieses Werk ein zwiefaches Mo- 14*