Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1875)
- Date
- 1875-03-30
- Page
- Seite 220 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227029--33414-3303201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
220 gemäß find Schüler, welche in einer Religion resp. Confessio« erzogen werden sollen, für welche im allgemeinen Lehrplan der betreffenden Anstalt Unterrichtsstunden nicht angesetzt sind, auf den Antrag der Eltern ohne Weiteres von dem Religionsunterricht zu dispensiren. Der Minister der geistlichen :c. Angelegenheiten. Falk. An das Königliche Provinzial-Schulcollegium zu N. l\ II. 270. Jndeß betrifft dies wohl schwerlich die jüdischen Kinder, da diese langst ein für allemal vom christlichen Religionsunterricht dispensirt find. — Unter Nr. 45 erscheint das ministerielle Rescript, welches den Lehrern und Lehrerinnen aller Schulen nach dem Anträge der deutschen anthropologischen Gesellschaft aufgiebt, die Farbe der Haare, Augen und Haut ihrer Schüler und Schülerinnen einmalig aufzuzeichnen, und dabei die Juden besonders anzugeben. Die desfallfige Ansprache ist interessant genug, um in den Haupstellen hier eine Wiedergabe zu finden. „Seitdem sich die anthropologischen Untersuchungen mehr aus die Erforschung der europäischen Bevölkerungen, sei es in geschichtlicher, sei es in vorgeschichtlicher Zeit, gerichtet haben, ist die altere Vorstellung, wonach fast sammliche Völker unseres Welttheils aus einer gemeinsamen, asiatischen Heimath und von einem einzigen Urvolk entstammen sollten, in mehrfacher Beziehung erschüttert worden. Mehr und mehr hat der Gedanke Geltung erlangt, daß schon vor diesen Einwanderungen eine viel altere, vielleicht sogar mehrere altere Bevölkerungen in Europa existirt haben, und daß diese Bevölkerungen, weit entfernt davon, durch die sogenannte arische (indogermanische) Einwanderung verdrängt oder vernichtet zu sein, sich auch nach derselben erhalten und später, vielfach gemischt mit den einwandernden Eroberern, eine Hauptquelle für die neuere Bevölkerung gebildet haben. Letztere würde daher eine Mischraffe darstellev, wobei natürlich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß in gewissen Gegenden reinere und mehr unvermischte Bruchtheile, fei es der Urbevölkerung, sei es der Einwanderer übrig geblieben wären. Eine Aufklärung dieses Verhältnisses ist nothwendige Vorbedingung für die Erforschung der Culturgeschichte der Menschheit überhaupt und der Special-Vorgeschichte jedes Landes; sie ist aber zugleich auch Vorbedingung für eine genauere Kenntniß der Eigenschaften der einzelnen Völker und Stamme, und für ein Verständniß der Besonderheiten, wie sie in verschiedenen Abschnitten derselben Nationen — und so auch der deutschen — mit großer Schärfe hervortteten. Die physische Anthropologie hat zunächst hauptsächlich zwei Wege, auf welchen sie die Ergründung dieser sehr schwierigen Aufgaben anstrebt. Einerseits erforscht sie den inneren Körperbau, namentlich den Knochenbau, und hier ist es vor Allem der Kopf, als der edelste Theil des Menschen, welcher zu auffälligen Bemerkungen Veranlassung geboten hat. Fast alle europäischen Völker lassen zwei verschiedene Schädelformen, eine lange (und schmale) und eine kurze (und breite) erkennen. Gerade in Deutschland ist dabei die sonderbare Erscheinung hervorgetreten, daß in einer früheren Zeit die lauge Schädelform, welche man nach mancherlei Anzeichen als die eigentlich germanische anzusehea pflegt, vorherrschte, daß dagegen in neuerer Zeit mehr und mehr die kurze Form an Zahl zunimmt und schon gegenwärtig, sowohl im Süden unseres Vaterlandes, als in großen Theilen des Nordens die Ueberhand gewonnen hat. Andererseits bietet von jeher die Hautfarbe, mit welcher die Farbe der,Haare und der Auge» in einem gewissen Zusammenhänge fleht, unverkennbar ein fchr wichtiges Merkmal für die Scheidung der Raffen. Allein auch in dieser Beziehung zeigt die Beobachtung, daß in Deutschland, wie in vielen andern europäischen Ländern, kein einheitliches Verhältniß besteht. Blonde und braune (brünette) Leute kommen an den meisten Orten nebeneinander vor, und nur an wenigen ist noch heurigen TageS die gefammte Bevölkerung blond. Es scheint fast, als ob mit jedem Tage die brünetten Menschen zahlreicher werden. Sollte sich nun die von namhaften Forschern getragene Meinung bestätigen, daß die langköpfige Bevölkerung blond und hellfarbig, die kurzköpfige brünett und dunkelfarbig gewesen ist, so ließe sich über den Gang der vorausgesetzten Mischung und über die Verbreitung der verschiedene» Bevölkerungen auch in vorgeschichtlicher Zeit daraus sehr werthvolleS Material gewinnen. Da es jedoch überaus schwierig ist, Schädelmeffungen in so großer Zahl vorzunehmen, daß dadurch eine ausreichende Grundlage für die weitere Untersuchung gewonnen würde, so hat die deutsche anthropologische Gesellschaft geglaubt, der andern Seite der Betrachtung zuerst näher tteten und, wenn irgend möglich, über ganz Deusschland eine genauere Feststellung der Farbe der Bevölkerungen herbeiführen zu sollen. Dieses ist der Grund, weshalb sie sich durch Vermittelung der hohen deusscheu Regierungen an die Lehrer aller Schulen wendet und sie bittet, eine einmalige Aufzeichnung der Schüler und Schülerinnen nach dem am Schluß befindlichen Formular vornehmen zu wollen. Die Ausscheidung der jüdischen Schüler hat natürlich keinen Bezug auf ihre Religion, sondern nur auf ihre Abstammung, und obwohl bei der nicht geringen Zahl von Bekehrungen der jetzige Stand des Religionsbekenntnisses keine ausreichende Scheidung gestattet, so ist dennoch zu erwarten, daß drS Gefammtergebniß durch diesen Mangel nicht zu stark beeinflußt werden wird. — In den letzten Bemerkungen liegt offenbar ein Widerspruch, denn wenn die Bekehrungen wirklich zahlreich wären, so würde, da nur die wirklichen Juden aufgeführt werden, der ethnographische Schluß für das Ganze auch sehr benachtheiligt sein. Hierzu kommt eben, daß seitens der getauften Juden öfters nur der Vater, dann wieder die Mutter, in anderen Fällen beide Eltern von jüdischer Abstammung sind; endlich giebt es jetzt auch