Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1875-03-30 · Heft 14 (30.3.1875) · p. Seite 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
39 (1875)
Issue
Heft 14 (30.3.1875)
Date
1875-03-30
Page
Seite 218 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227014-3227029--33412-3303199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

218 unsre Bewunderung. Der Erfolg ist ein siegreicher. Wir brauchendem Kenner keine Erklärung dieses Vergleichs zu geben. Das Material, welches Zunz zur Bearbeitung wählt, wird mit einer erschöpfenden Sachkennlniß, mit einem unermüdlichen Sammelfleiß zusammengetragen, geordnet, sei es nach dem Fache oder nach der Zeit, gezählt und genau nach der Beschaffenheit der äußeren Erscheinung besichtigt. Dann wird in Einleitung und Schlußwort die Gesammterscheinung gewürdigt und der Wiffenschast am rechten Platze eingefugt. Dagegen wird uns über Charakter und Inhalt des einzelnen Werkstückes wenig gegeben; wir haben einen Organismus vor uns, aber die einzelnen Organe werden nur genannt, höchstens beschrieben, ihre Erkenntniß bleibt Vorbehalten- Und hierbei ist noch hervorzuheben, daß auch die allgemeine Betrachtung des bezüglichen wiffenschaftlichen Gegenstandes bei Zunz eine überall hervortretende Wendung nimmt. Seinem Geiste schwebt überall die Klage über die Vernachlässigung vor, welche alle Geistesproducte der Juden in den nichtjüdischen Kreisen bis auf den heutigen Tag getroffen hat. Während man von wissenschafrlichem Standpunkte aus jeden Scherben, jedes Thränenstäschchen, jeden Ziegelstein, sei es aus griechischer ober römischer Zeit, sei es in Babel oder Niniveh oder sonstwo mit emsigstem Fleiße und voller Hingebung schätzt und studirt, hat man die geistigen Erzeugniffe der Juden vollständig ignorirt, und hat dann noch die Unverschämtheit, wie noch neulichst Renan, ihr Vorhandensein zu leugnen oder ihnen allen Werth abzusprechen! Zuuz hatte sich von Beginn seiner Laufbahn an vorgesetzt, der allgemeinen Wiffenschast hierin zu Hülfe zu kommen; aber er fühlte sich darin bitter getäuscht, wenn er auf ein rasches Entgegenkommen, auf eine baldige Anerkennung der jüdischen Literatur in der Wiffenschast rechnete. Während seine Studien, besonders der Ritus, ihn immer wieder auf die» blutigen Unthaten führten, die man an den Juden verübt hat, sah er, wie man zugleich sie durch Todtschweigen geistig erdrücken wollte. Und dies Alles schließlich um die Juden als Mumien, als „herumwandernde Skelette", wie Renan sagt, ausgeben zu können, und das Judenthum nach dem Entstehen des Christenthums für tovt zu erklären. Diese bittere Empfindung nun ist es, welche Zunz auch in seinen allgemeinen Betrachtungen nach Behandlung seiner speciellen Gegenstände niemals verläßt. Sie macht sicher seinem Herzen Ehre, aber schädigt doch den Schwung des Geistes und die tiefere Auffaffung der Sache. — Es war sicherlich ein anerkennenswerther Gedanke der Freunde des ehrwürdigen Greises, vielfach zerstreute Abhandlungen und kleinere Schriften von Zunz zu sammeln und diese so dem größeren Publikum näher zu führen. Der erste Band dieser Sammlung liegt vor uns in würdiger Ausstattung. Die Herausgeber haben es Unterlasten, die Grundsätze anzugeben, nach welchen sie die Sammlung veranstaltet und geordnet haben, und so ist es an uns, einige Bemerkungen darüber zu machen. Man kann gewiß sehr dankbar sein für den Wiederabdruck des ersten Schriftchens von Zunz „Etwas über die rabbinische Literatur" aus dem Jahre 1818. (I), für die Mittheilung des kurzen Vortrages über „Israel'« gottesdienstliche Poesie" aus dem Jahre 1870 (VH), für die Uebersetzung der in der englischen Ausgabe des Benjamin von Tudela von Asher gegebenen Abhandlung über die „geographische Literatur der Juden aus dem Jahre 1841 (X) — wohl das bedeutendste Stück in diesem ersten Bande der Sammlung; selbst der Wiederabdruck der Broschüre aus dem Jahre 1830 gegen die „Ibeorie d» judaisine Chiarini's“ (XII) ist, obgleich etwas veraltet, zur Vollständigkeit an seiner Stelle. Wozu aber Stücke aus Werken, die allgemein verbreitet sind und denen viele andere aus denselben Schriften gleichzustellen waren, hier wiedergegeben werden, ist uns nicht recht ersichtlich. So z. B. die Vorrede zu „den gottesdienstlichen Vorträgen der Juden", „die jüdische Literatur" und die „Sittenlehrer" aus dem Werke „Zur Geschichte und Literatur" (1845), die Artikel aus dem Conversationslexikon von Brockhaus, ferner über die Psalmen aus dem Werke „Die syvagogale Poesie des Mittelalters". Man könnte hierbei voraussetzen, daß die Herausgeber gedachten, nicht den Gelehrten, denn diese muffen jene Werke besitzen, sondern dem allgemeinen Publikum diese Aufsätze in die Hand zu geben. Daun aber wäre zu fragen, weshalb der Artikel „Bibelkritisches" (XI, aus der deutschen morgenländischen Zeitschrift abgevruckt und mit zwei neuen Absätzen vermehrt worden. Der streng wiffenschaftlichen Bibelkritik werden sie an der angegebenen Stelle nicht unbeachtet geblieben sein. Einen großen Werth besitzen sie, unsrer Meinung nach, nicht, weil die Kriterien, die hier angelegt werden, höchst äußerliche sind, die bei einem uralten Schriftwerke und dessen mannichsachem Geschick ohne entscheidenden Einfluß bleiben und in den Einzelnheilen meist unschwer zu widerlegen oder auszugleichen sind. In dieser Sammlung aber werden sie den ungelehrten Leser verwirren, aber nicht aufklären. Als einen willkommenen „Anhang" nimmt man die politischen Reden und Flugblätter von 1848 bis 1865 entgegen. Zunz hat wiederholt Wahlreden für das Abgeordnetenhaus gehalten, und wenn sie keinen unmittelbaren Erfolg gehabt haben, zeugen sie doch von der seltenen Consequenz der politischen Ueberzeugung und von der treuen Anhänglichkeit an den höchsten Principien. Wir können diese Sammlung nicht entlaffen, ohne den Wunsch auszusprechen, es möge den Herausgebern gelingen, die Erlaubniß eines neuen Abdrucks von dem klassischen Werke „die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" zu erlangen, von welchem Exemplare selbst antiquarisch nur noch schwer zu finden sind. Das Institut zur Förderung der israel. Literatur hatte sich schon darum bemüht; der Verfasser wollte aber nicht darauf eingehen, weil, wie man uns sagte, er daS ganze Werk überarbeiten müßte, um es dem gegenwärtigen Standpunkte angemessen zu machen, und er hierzu kerne Neigung fühlte. Das Wert behält aber bei seinen Mängeln für die Gegenwart doch für immer einen solchen Werth, daß es nicht vorenthalten werden sollte. Jetzt, nachdem man so Manches hier

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.