Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 39 (1875)
- Issue
- Heft 14 (30.3.1875)
- Date
- 1875-03-30
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227014-3227029--33408-3303195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
214 erbittert an, der Andere vertheidigte ihn und sprach ihn gänzlich frei. Bei unparteiischer Würdigung wird man zugestehen, daß Josephus in deni Kriege selbst keine lobenswerthe Rolle gespielt hat. Er hatte sich wahrscheinlich als einen der glühendsten Bertheidiger der Freiheit gerirt; denn sonst wäre es unbegreiflich, wie man ihn an die Spitze der wichtigsten Provinz, Galiläa's, stellen konnte, mit deren Schicksal fast das Loos des ganzen Kampfes entschieden wurde. Er hat aber Galiläa schlecht verrheidigt, ja zu dessen Unterwerfung viel beigetragen. Denn wenn man auch annehmen möchte, daß seine Darstellung selbst des galiläischen Feldzuges, durch die ihm gewordene Nothwendigkeit, sich, nachdem er in die Dienste des Titus getreten, als Römerfreund von vornherein hinzustellen, nach dieser Richtung hin gefärbt worden, so bleibt doch genug übrig, um ihn thatsächlich als einen Berrächer an der heiligen Sache zu brandmarken, sei es, daß er dies aus der Ueberzeugung geworden, der Ausgang würde ein unglücklicher sein, sei es aus Unfähigkeit, verletztem Ehrgeiz, Feigheit und dem Verlangen nach persönlicher Rettung. Diese Färbung seines Berichtes mußte noch greller hinsichtlich des anderen Theiles des Kampfes, der Belagerung und Vertheidigung Jerusalems werden. War er doch auch hier persönlich betheiligt, da er die Vermittelung zwischen den Römern und Juden versuchte, aber von diesen zurückgewiesen und mit verdienten Kränkungen überhäuft wurde. Endlich ist seine Eitelkeit und Selbstüberschätzung nicht außer Bettacht zu lassen. Allem dem gegenüber bleiben jedoch drei Motive gellend, nämlich, daß er dennoch zu sehr Jude war und jüdisches Bewußtsein in sich trug, um seiner Nation nicht doch im Ganzen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; zweitens lagen die Thatsachen den Zeitgenossen zu nahe, als daß er sie hätte von Grund aus fälschen können, unv endlich war den Römern mit einer Verkleinerung des besiegten Feindes gar nicht gedient, vielmehr weiß man, wie gern die römischen Feldherren ihre Triumphe aufbauschten, um desto größere Ehren zu beanspruchen, und hierbei war der Gönner des Josephus, Titus selbst, betheiligt. Aus diesen Gründen wird man der Darstellung der eigentlichen Thatsachen, wie sie Josephus giebt, die Glaubwürdigkeit durchaus nicht absprechen dürfen. Hingegen wird man seiner Beurtheilung der auftretenden Parteien, sowie der den Factor zu Grunde liegenden Motive gar nicht verttauen, sondern diese als gefälscht betrachten müssen. Welche waren nun diese Parteien? Man weiß, daß vor der Erhebung des jüdischen Volkes zu diesem äußersten Kampfe gegen die drückende, ausfaugende und endlich auch die Religion bedrohende Herrschaft der Römer zwei Parteien vorherrschten, die Sadducäer und die Pharisäer, die erstere die aristokratische und priesterliche, die zweite die plebejische und rabbinische, womit jedoch nicht gesagt sein will, baß sich nicht Glieder des einen oder des andern Standes zu vieser oder jener Partei hielten. Mag nun immerhin diese Parteiung der Boden gewesen sein, aus' welchem mit dem Entstehen des Aufstandes die Parteigruppirung entsprang, die letztere mußte naturgemäß bald eine ganz andere werden. Nachdem der Kampf unvermeidlich geworden und die Römer siegreich aus dem Lande gejagt waren, diese jedoch mit ihren gefürchteten Legionen heranuaheten, mußten sich nothwendig drei Parteien bilden, wie dies unter ähnlichen Umständen überall der Fall ist. Die Einen mußten unter jeder Bedingung den Frieden mit den Römern machen wollen, theils um ihrer persönlichen Rettung willen, theils weil sie, von der griechischen und römischen Cultur allzusehr beleckt, für die Nation und ihre Heiligthümer kein rechtes Herz mehr hatten. Im Gegensätze mußten viele feurige Seelen von der höchsten Begeisterung ergriffen, um Leben und Tod kämpfen, und die Freiheit der Nation und die Unantastbarkeit der Heiligthümer selbst mit dem Untergang zu bezahlen, nicht scheuen. Zwischen beiden standen die Gemäßigten, welche aus dem Kampfe mit einem guten Frieden, v. h. unter anständigen Zugeständnissen Seitens der Römer hervorzugehen wünschten. Unter dem Einflüsse der gewaltigen Ereignisse mußte sehr bald vie alte Spaltung verschwinden und in die neue Parteibildung aufgehen. Rühmt sich doch Josephus, dieser echte Römling, wieverholt ein Pharisäer zu sein — wobei wir unsre Leser erinnern, was längst hinlänglich erwiesen worden, daß die Pharisäer durchaus nicht das waren, was die christlichen Schriftsteller aus ihnen gemacht. Dieses eine Beispiel zeigt schon, daß es nicht die alten Parteien waren, welche das Material zu der neuen Parteibildung ausschließlich lieferten. Wer den Verlauf großer Aufstände und Revolutionen aus der Geschichte kennt, oder selbst mit durchzuerleben Gelegenheit gehabt, der wird sich nicht darüber verwundern, daß anfänglich Alle zu den Waffen riefen und das gesammte Volk eine einzige Partei zu bilden schien. Unter solchen Umständen stellt sich auch der der Bewegung feindlichste Mann in die Reihen der Stteiter, sei es weil er im ersten Augenblicke selbst von ihr ergriffen ist, sei es aus Furcht, später dann de» Vorwand vorschützend, daß er in dem Aufstande eine Rolle übernahm, um ihn zu leiten, zu beherrschen, zu beseitigen. Bald aber, wenn der kriegerische Kampf wirklich entbrannt ist, saugen die oben bezeichneten Parteien an, sich zu bilden, und jemehr der erstere vorschreitet, desto schroffer stellt sich die Zerklüftung heraus. Unterdeß aber haben die entschiedenen Vorkämpfer die Vorhut und beherrschende Stellung eingenommen, sich der Hülssquellen bemächtigt und den Bruch mit dem Feinde durch leidenschaftliche Excesse und schonungslose Grausamkeiten unheilbar gemacht. Die verlarvten Gegner des nationalen Kampfes ergreifen die Flucht, gehen zum Feinde über, stellen sich unter dessen Schutz, nicht ohne willkommene Gaben für diesen mitzubringen und ihm verrätherisch möglichst bedeutende Positionen zu überliefern. Die Gefahr dringt immer verderbendrohender heran, und nun scheiden sich immer sichtlicher die Gemäßigten, d. h. die einen angemeffenen Frieden wünschenden, von den Eiferern, welche nichts als Sieg oder Untergang wissen wollen. Die Gemüther erhitzen sich. Jenen dünkt bald die anarchische Herrschaft der Eiferer so uner-